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Heute hat Ina Geburtstag. Sie wird Acht. Und sie liebt es, Geburtstag zu haben.
Natürlich liebt sie es: Schon vor dem Frühstück geht es los. Inas Bruder hält ihr die Augen zu und führt sie ins Esszimmer, es riecht nach Kerzen und Schokokuchen. Dann darf Ina die Augen öffnen und sieht den Kerzenglanz, das Kuchenherz, die Geschenkpäckchen und das Strahlen ihrer Eltern.
Auch später in der Schule ist es toll: Die besondere Aufmerksamkeit ihrer Lehrerin, und alle wollen im Stuhlkreis neben ihr sitzen. Ein Geburtstagskind ist was ganz Besonderes! Als die ganze Klasse das Geburtstagslied singt, ist Ina das ein bisschen peinlich, also singt sie einfach mit: „Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst!“
Für Kinder ist Geburtstag haben einfach toll! Einen Tag lang dreht sich fast alles ums Geburtstagskind, man bekommt so viel freundliche Aufmerksamkeit! Kinder genießen das. Manchmal verliert sich das bei Erwachsenen ein bisschen. Manche mögen es gar nicht, wenn sie so im Mittelpunkt stehen und halten den Ball möglichst flach. Andere finden es eigentlich ganz schön, wollen aber vielleicht nicht kindisch oder eitel wirken und winken bescheiden ab, wenn man gratuliert. Manchmal hört man Erwachsene sagen: „Warum soll ich feiern, dass ich älter werde?“
Dabei geht es eigentlich gar nicht so sehr um die Daten und Zahlen. Ein Geburtstag ist einfach eine gute Gelegenheit, einem Menschen Dinge zu sagen oder zu zeigen, die an den anderen 364 Tagen im Jahr auch wahr sind, aber oft ein bisschen untergehen:
Es ist schön, dass es Dich gibt.
Ich bin froh, dass Du in meinem Leben bist.
Du bist was Besonderes, ein wertvoller Mensch.
Ich wünsche Dir Gutes.
Das ist die Botschaft, die in all den Aufmerksamkeiten steckt, die ein Geburtstagskind bekommt. Und auch, wenn du keine ganze Schulklasse hast, die dir ein Ständchen bringt – Gott singt auf jeden Fall: „Wie schön, dass du geboren bist, ich hätte dich sonst sehr vermisst.“
Es ist ein Geschenk, dass Du auf der Welt bist. An jedem Tag. Happy Birthday, Ina!
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Heute vor 80 Jahren, am 8. Mai 1945, endete der Zweite Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht.
Ich weiß nicht, wie meine Großeltern diesen 8. Mai erlebt haben. Und ich kann sie leider nicht mehr fragen. Vielleicht waren sie erleichtert, dass der Krieg endlich vorbei war. Aber sie gehörten zu denen, die besiegt wurden. Die sich vor der Rache der anderen fürchteten.
Meine Großeltern gehörten zu denen, die erstmal kein richtiges Zuhause mehr hatten. Die nicht wussten, ob sie alle ihre Lieben wiedersehen würden. Die einfach irgendwie durchkommen mussten. Und die mit dem weiterleben mussten, was sie in den Jahren zuvor selbst getan, gesagt und gewusst haben. Meine Großeltern mussten dann erst einmal lernen, was das heißt: In Frieden und Freiheit zu leben.
Für mich heute ist der 8. Mai ein Feiertag: der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Aber es ist kein Tag für Champagnerlaune und Fröhlichkeit.
Denn der 8. Mai erinnert mich an das unfassbare Grauen, das die Nazis in die Welt gebracht haben. Ich denke heute an die, die vor 80 Jahren befreit wurden aus den Lagern oder aus ihren Verstecken. Und an die vielen, die diesen Tag nicht mehr erlebt haben.
Der Tag der Befreiung erinnert mich daran, dass es nicht selbstverständlich ist, in Frieden und Freiheit zu leben. Ich bin mit diesem Privileg aufgewachsen – anders als meine Großeltern. Dafür bin ich dankbar. Und ich hoffe, dass das so bleibt.
Aber dafür muss man auch etwas tun. Das hat uns die Zeit des Nationalsozialismus gelehrt: Dass es wichtig ist, wie jeder einzelne sich verhält. Besonders, wenn es darum geht, nicht wegzuschauen, wenn andere aufgrund ihrer Abstammung, ihrer Religion, ihrer Sexualität oder ihrer politischen Haltung bedroht werden.
In Frieden und Freiheit zu leben ist ein Privileg. Aber keins, das man einmal geschenkt bekommt und dann jedes Jahr am 8. Mai kurz aus dem Regal holt, um es abzustauben. Wir müssen es jeden Tag pflegen, damit es uns erhalten bleibt.
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Meine kleine Nichte liebt Anna und Elsa, die beiden Prinzessinnen aus dem Disney-Film „Die Eisprinzessin“.
Besonders Elsa findet sie faszinierend. Elsa hat nämlich besondere Fähigkeiten: Sie kann allein mit ihren Händen Eis und Schnee entstehen lassen. Als Kind hat sie diese Gabe aber noch nicht richtig im Griff, und es kommt zu einem Unfall, der beinahe tödlich ist.
Seitdem verschließt Elsa sich. Sie unterdrückt ihre besondere Fähigkeit, weil sie ihr Angst macht. Sie wächst hinter verschlossenen Türen auf, um ihre unheimliche Gabe geheim zu halten. So entfernt sie sich von allen. Von ihrer Schwester und von den Menschen, deren Königin sie eigentlich einmal sein soll.
Als sich um sie herum eine Krise zuspitzt, flieht Elsa in die Wildnis und baut sich dort ein Schloss aus Eis, zu dem niemand Zugang haben soll. Dadurch wird aber in ihrem Königreich alles nur noch schlimmer.
Die Geschichte geht gut aus. Denn Elsas Schwester Anna gibt sie nicht auf. Sie sucht Elsa und findet sie in ihrem Schloss aus Eis. Durch die Liebe ihrer Schwester lässt Elsa sich schließlich dazu anleiten, ihre Gabe zum Guten für alle Menschen im Königreich einzusetzen. Und so wird sie auch endlich ganz sie selbst.
Vielleicht ist es gar nicht so selten, dass Menschen besondere Gaben haben, die sie aber nicht offen zeigen. Ich meine jetzt natürlich nicht, Eis oder Schnee zu zaubern.
Aber wenn jemand zum Beispiel besonders schön singen kann, wäre es doch für alle toll, er würde das nicht verstecken, sondern alle hören lassen. Oder wenn jemand andere zum Lachen bringen kann. Oder ein Händchen dafür hat, sich besonders und farbenfroh anzuziehen.
Aber manchmal müssen Menschen erstmal erfahren, dass sie geliebt werden, so wie sie sind. Damit sie sich dann auch trauen, ihre wunderbaren Fähigkeiten zu zeigen und ganz sie selbst zu werden.
Ich glaube, Gott schaut jeden Menschen mit ganz viel Liebe an. Und sieht oft vielmehr Gaben als man selbst. Und ich glaube, Gott freut sich, wenn jemand zeigt, was er oder sie kann und es mit anderen teilt. Und wenn ein Mensch dann ganz er selber wird.
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Einer meiner liebsten Familienfilme, „Findet Nemo“, spielt im Pazifischen Ozean. Die Hauptfiguren sind zwei Clownfische: Der körperlich beeinträchtigte Junge Nemo und sein überbehütender alleinerziehender Vater Marlin.
Nemo geht bei einer Mutprobe im Pazifik verloren – so fängt die Geschichte an. Eine spannende Suche beginnt, auf der Marlin nicht nur den weiten und gefährlichen Weg vom heimischen, sicheren Korallenriff bis in den Hafen von Sydney zurücklegen muss. Der ängstliche Papa muss vor allem auch innerlich immer wieder seine Komfortzone verlassen. Er muss lernen, seine Angst vor dem Unbekannten zu überwinden. Er muss lernen, sich auf Fremde einzulassen. Und er muss lernen, anderen etwas zuzutrauen. Nicht zuletzt seinem Sohn, den er vor dem Leben nicht beschützen kann.
Im Laufe der Geschichte überwindet Marlin seine Ängste – und gewinnt einen ganz neuen Zugang zu seiner Welt, dem weiten Ozean mit all seinen kuriosen Kreaturen. Er entwickelt eine neue Sicht auf das Leben, das zwar voller Gefahren ist, aber auch voller Glück. Und es entsteht eine leichtere Beziehung zu seinem Sohn: Er lernt, ihn zu lieben ohne ihn einzusperren.
Das alles gelingt ihm nur deshalb, weil seine Suche ein Ziel hat, das ihm wichtiger ist als er selbst: Nämlich seinen Sohn wiederzufinden, den er über alles liebt.
Vom Suchen und Finden handelt auch ein Satz aus der Bibel. Da heißt es: „Gott sagt: Wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, will ich mich von euch finden lassen.“ (Jer 29,13).
Gott von ganzem Herzen suchen, das heißt vielleicht, ihn so zu suchen wie Marlin seinen Nemo sucht. Ich glaube nämlich, dass ich Gott nicht in meiner Komfortzone finde, in der ich mich so schön und sicher eingerichtet habe. Ich glaube, Gott muss ich draußen suchen, in der Welt, so unbequem sie auch ist. Um Gott zu suchen, muss ich mich auf Fremde einlassen und von ihnen lernen. Um Gott zu suchen, muss ich üben, ihm etwas zuzutrauen.
Und wenn ich Gott dann finde, dann kann ich ihn vielleicht sogar lieben, ohne ihn einzusperren.
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Phileas Fogg, ein reicher englischer Gentleman, reist um die Welt. Er riskiert Kopf und Kragen, nur um an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit wieder am Ausgangspunkt seiner Reise einzutreffen. So in etwa lässt sich der Roman „In 80 Tagen um die Welt“ von Jules Verne zusammenfassen. Die Geschichte hält allerlei Verwicklungen bereit und ist ein spannendes Abenteuer. Im 19. Jahrhundert, zur Zeit des Gentlemans Phileas Fogg, war eine Weltreise nämlich noch komplizierter als heute. Damals konnte man nicht einfach in ein Flugzeug steigen. Phileas Fogg war auf alle möglichen anderen Transportmittel angewiesen und musste sich wahnsinnig anstrengen auf seiner Reise.
Die Geschichte wurde mehrfach verfilmt und ist immer noch unterhaltsam. Man fiebert richtig mit, ob Phileas Fogg es schafft, seine Weltumrundung rechtzeitig zu beenden.
Denn das ist sein einziges Ziel, und der Grund, aus dem er sich überhaupt erst auf den Weg gemacht hat: Er hat mit anderen darum gewettet, dass er das in 80 Tagen schaffen kann. Auf so eine Idee käme ich nie. So viel Energie aufzuwenden, nur um eine Wette zu gewinnen!
Obwohl: Manchmal macht es ja schon Spaß, sich selbst und andere herauszufordern. Im Kleinen mache ich das manchmal mit meinen Kindern. Wetten, dass ich es länger aushalte, mein Handy nicht anzufassen?
Mit anderen solche Wetten abzuschließen ist ja eigentlich nichts anderes, als sich selbst herauszufordern. Sich selber aus der Komfortzone zu locken, um über sich hinauszuwachsen. Das geht mit einer Wette besser, als wenn man sich nur für sich alleine etwas vornimmt.
Sowas ähnliches wird auch in der Bibel einmal vorgeschlagen: „Lasst uns gegenseitig zur Liebe und zu guten Taten anspornen.“ (Hebr 10,24)
Vielleicht wäre das ja doch was für mich. Mal überlegen, was ich eigentlich gut finde, wozu ich mich aber oft nicht aufraffen kann. Und dann eine Wette abschließen. Zum Beispiel mit meinem Mann: Wetten, dass ich es dieses Jahr länger durchhalte, einmal die Woche Sport zu machen, als Du?
Oder mit den Nachbarn: Wetten, dass wir es diesen Sommer wirklich schaffen, ein Straßenfest zu organisieren und die Neuen aus unserer Straße einzuladen?
Top, die Wette gilt!
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Ich bewundere Leute, die einen guten Orientierungssinn haben. Die nicht nur anderen den Weg gut beschreiben können, sondern selber auch immer ungefähr wissen, in welcher Himmelsrichtung ihr Ziel liegt. Mein Orientierungssinn ist eine Katastrophe. Ohne Navi würde ich mich andauernd verlaufen.
Es gibt eine Geschichte von einem Mann, der seinen Weg im Leben auf eine sehr merkwürdige Art und Weise gefunden hat, ganz ohne Navigationssystem: Forrest Gump. In einem Film aus den 90er Jahren wird seine Lebensgeschichte erzählt.
Forrest Gump hat keine guten Startbedingungen für seinen Weg ins Leben. Er ist sehr viel weniger intelligent als der Durchschnitt und total naiv. Als Kind wird er von den anderen gemobbt, nur seine beste Freundin Jenny hält zu ihm. Als die anderen ihn verprügeln wollen, stellt Forrest fest, dass er eine Sache gut kann: Laufen.
Seit diesem Zeitpunkt läuft Forrest Gump weite Strecken. Er läuft einfach los, ohne Navi. Und sein Weg nimmt immer wieder überraschende Wendungen. Dabei verfolgt er keinen besonderen Plan, er hat kein bestimmtes Lebensziel. Es geht ihm zum Beispiel nicht darum, Karriere zu machen oder einen bestimmten Status zu erreichen.
Er findet seinen Weg einzig und allein, indem er auf sein Herz hört. Sein Herz ist sein Kompass. Sein Herz weist ihm immer wieder den richtigen Weg. Seine Himmelsrichtungen sind Freundschaft, Liebe, Ehrlichkeit und Freundlichkeit. Forrest meistert sein Leben und wird in seiner Geschichte zum Helden, weil er sich radikal an dieses innere Navigationssystem hält. Und damit hat der naive Tor am Ende den klugen Leuten so einiges voraus.
Ein solcher innerer Kompass hilft mir natürlich nicht, wenn ich mich in einer fremden Stadt verlaufe. Und die radikale Naivität, mit der Forrest Gump durchs Leben geht, ist auch nicht für meine Wirklichkeit gemacht. Aber für den Lebensweg, der vor mir liegt, ist ein gutes Herz ja vielleicht trotzdem der beste Kompass.
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Wenn man einen längeren Weg vor sich hat, sollte man sich vorher überlegen, was man unterwegs alles benötigt. Für einen kleinen Spaziergang reicht der Hausschlüssel. Für eine lange Wanderung benötigt man Proviant. Und bei einer richtig langen Reise muss man gut abwägen, was unbedingt ins Gepäck muss und was eigentlich überflüssig ist.
Dieses Problem hat Hermine nicht. Hermine ist die Freundin von Harry Potter aus der gleichnamigen Geschichte von J.K. Rowling. Sie kann zaubern und besitzt eine Tasche, die wahrscheinlich jede gerne hätte. Von außen ist sie so groß wie eine ganz normale Handtasche. Aber im Innenraum ist durch einen Raumvergrößerungszauber unendlich viel Platz. Und so ist Hermine in jeder Situation gut ausgerüstet. Ihre Freunde staunen nicht schlecht, als sie mitten in der Wildnis ein Zelt, Kleidung für jeden, eine Reiseapotheke und ihre wichtigsten Bücher aus der Tasche hervorzaubert. Praktisch!
Ich habe mich auch gerade auf den Weg gemacht. Nicht in die Wildnis, aber in ein neues Jahr. Und ich habe überlegt, was ich wohl auf diesen Weg mitnehmen würde, wenn ich so eine Zauberhandtasche hätte wie Hermine.
Wahrscheinlich wäre allerlei Alltagskram drin. Und das ist schon bei meiner normalen Handtasche zu viel. Da muss ich jetzt schon manchmal lange suchen, bis ich meinen Schlüssel finde unter Taschentüchern, Handy, Stiften, Bonbons und Handcreme. Wenn ich jetzt noch mehr Krempel einpacke, wird die Tasche mir zu schwer.
Also sollte ich wohl besser mit richtig leichtem Gepäck reisen. Und mich auf meinem Weg ins neue Jahr auf drei Dinge beschränken, die mir auf jeden Fall weiterhelfen:
Zuversicht, dass das Jahr mir Gutes bringt und dass ich genügend Kraft finden werde, auch für die anstrengenden Etappen.
Humor, damit ich mich selbst nicht zu ernst nehme und das, was mir begegnet, nicht zu schwer.
Und Vertrauen, in mich selbst und meine Fähigkeiten, aber vor allem auch in die, die mit mir unterwegs sind. In Gott und die Menschen.
Das ist leichtes Gepäck. Damit komme ich hoffentlich ziemlich weit. Und kann vielleicht unterwegs sogar anderen aushelfen, die davon zu wenig dabei haben.
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Die berühmte Erzählung „Der Herr der Ringe“ handelt davon, wie ein kleiner Hobbit namens Frodo mit einer großen Aufgabe betraut wird. Um die Schreckensherrschaft einer finsteren Macht zu verhindern, muss er sich auf eine lange Reise in ferne, unbekannte Länder machen und einen bestimmten Ring vernichten. Niemand weiß zu Beginn seines Weges, was Frodo erwartet. Aber dass es gefährlich wird, ist klar. Darum soll er sich nicht alleine auf den Weg machen. Der Autor der Geschichte, John Tolkien, stellt Frodo eine besondere Weggemeinschaft zur Seite: drei weitere Hobbits, die genau so klein und arglos sind wie Frodo selbst, einen sturen, ruppigen Zwerg, einen scharfsichtigen und etwas unterkühlten Elben, einen Zauberer, der in Rätseln spricht, und zwei Menschen – der eine argwöhnisch, der andere von rätselhafter Herkunft.
Keiner dieser Gefährten ist perfekt. Sie haben alle ihre Fehler, Schwächen und Schattenseiten. Aber ein jeder trägt zum Lauf der Geschichte bei, jeder ist auf seine Weise unersetzlich und jeder wird mit seinen Eigenschaften gebraucht, damit es ein Happy End geben kann. Am Ende sind alle Helden.
Unsere eigenen Lebensgeschichten sind natürlich nicht so spektakulär. Aber auch wir sind gerade noch am Anfang eines Weges. Denn was uns in diesem Jahr alles noch erwartet, das weiß keiner. Wem wir begegnen, was wir erleben, welche Aufgaben wir bewältigen müssen, kann niemand vorhersehen.
Und auch wir haben Weggefährtinnen und Begleiter an unserer Seite: unsere Familien, Freundinnen, Kollegen. Wir sind alle sehr unterschiedlich, haben alle unsere Schwächen und Fehler.
Unser Ziel ist nicht so klar definiert wie in Tolkiens Geschichte. Es gibt nicht die eine Aufgabe, die wir schaffen müssen, um ein für allemal das Böse zu besiegen.
Aber wenn wir es uns zum Ziel setzen könnten, unsere Welt dieses Jahr zu einem freundlicheren, helleren Ort zu machen, dann könnte doch jeder von uns unperfekten Weggefährten mit seinen Eigenschaften dazu beitragen. Dann wäre jede von uns auf ihre eigene Weise unersetzlich. Und wenn es uns gelingt, sind wir am Ende alle Helden.
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Anna und Ludwig Haber haben in der Schwerdstraße gewohnt, ganz in der Nähe von meinem Büro. Ich bin schon oft an ihrem Haus vorbeigekommen. Die beiden wohnen schon längst nicht mehr hier, seit 1939. Da wurden sie gezwungen, ihr Haus zu räumen. Schon vorher hatten sie versucht, aus Deutschland zu fliehen. Nach den Novemberpogromen 1938 wollten sie nach Frankreich ausreisen. Aber man ließ sie nicht mehr gehen. Es war zu spät.
Ich weiß nicht genau, was mit Ludwig und Anna in diesen Novembertagen im Jahr 1938 geschehen ist. Haben Unbekannte ihr Wohnhaus beschmiert und die Fenster eingeschlagen? Ihre Gerberei verwüstet, die seit fast 50 Jahren in Familienbesitz war? Haben Fremde Ludwig zusammengeschlagen und Anna gedemütigt auf den Straßen, auf denen ich heute gehe? Oder waren es doch eher Nachbarn, Geschäftspartner, Bekannte, die ihnen das angetan haben?
Was auch immer genau passiert ist: Wahrscheinlich waren es Nachbarn, Mitbürgerinnen, Bekannte, die es getan haben. Und ganz sicher waren es Nachbarinnen, Mitbürger und Bekannte, die dabei zugesehen haben. Sie haben Ludwig und Anna gedemütigt, bedroht und gequält. Einfach, weil sie Juden waren. Dort, wo Anna und Ludwig Haber früher gewohnt haben, ist heute ein goldener Stolperstein in das Pflaster auf dem Gehweg eingelassen. Nur deshalb weiß ich, wie sie hießen und dass sie hier lebten. Dass ihre Mitmenschen sie leiden ließen. Und dass sie schließlich in Auschwitz ermordet wurden. Ein paar Häuser weiter hängt unter einem Fenster eine Fahne im Regen. „Nie wieder ist jetzt“ steht darauf. Und ich frage mich, ob es wieder passieren könnte, dass ganz normale Leute, so wie Sie und ich, zuschauen, wie ihre Nachbarn oder Bekannten bedroht und gedemütigt werden. Und mit den Schultern zucken. Und sagen: „Ich halt mich da besser raus.“ Ich fürchte, es ist schon ganz oft so. Und ich hoffe, wir werden aufmerksam und mutig genug sein, um das zu verhindern: Dass wir eines Tages im Novemberregen stehen und feststellen: Es ist zu spät.
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Der November ist für Familien mit kleinen Kindern der schlimmste Monat, findet Karo. Wenn das Wetter zu mies wird und sie die Kinder nicht einfach zum Spielen rausscheuchen kann. Aber fürs Plätzchenbacken ist es noch zu früh. Und andauernd nur Basteln mit den Kids – das hält ja keiner aus.
Also hat Karo ihren Kindern einen Besuch im Schwimmbad versprochen. Während sie in der großen Kommode nach den Badesachen sucht, verflucht sie sich selbst dafür. Sie hat wenig Lust auf den Chlorgeruch und die Umzieherei. Das Bespaßen der Kinder im Nichtschwimmerbecken, das elende Haareföhnen hinterher. Aber die Kinder freuen sich drauf. Was tut man nicht alles. Karo greift nach der bunten Strandtasche. Die hat sie nach dem Sommerurlaub schnell in der Schublade verstaut – da müssten die Taucherbrillen der Kinder noch drin sein. Sie öffnet die Tasche und findet ein kleines Sammelsurium: Nicht nur die Taucherbrillen, auch noch eine fast leere Flasche Sonnenmilch, ein paar Muscheln, die die Kinder am Strand gesammelt haben. Und Sand. Der Duft der Sonnenmilch steigt ihr in die Nase.
Und sofort hat Karo den Strand vor Augen. Wie sie auf ihrem Handtuch liegt, die Füße im warmen Sand. Wie ihr Mann mit den Kindern im Wasser herumspringt. Karo nimmt eine Muschel in die Hand, befühlt ihre sandigen Rillen, riecht den salzigen Meergeruch. Und hört wieder das Rauschen des Meeres. Sie denkt daran, wie das Meer sie immer beruhigt. Die Weite, der beständige Wechsel von Ebbe und Flut, das gleichmäßige Rauschen. Am Meer fühlt sie sich immer verbunden mit dem, was größer ist als sie, und ihre Alltagssorgen werden ganz klein. Am Meer spürt sie etwas von der Ewigkeit, in der ihre eigene Zeit eingebettet ist. Die Kinder drängeln, sie wollen endlich los. Karo nimmt die Taucherbrillen und stopft die Strandtasche samt Sonnenmilch und Sand wieder in die Schublade. Aber die Muschel steckt sie in ihre Hosentasche. Ihre kleine Erinnerung an das weite Meer. An das Ewige. Das beständig bleibt im Wechsel der Zeiten. Das immer da ist, auch jetzt. Und auf sie wartet.
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