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SWR3 Gedanken
Wir sitzen zu sechst um einen großen runden Tisch. Gedrückte Stimmung. Ab und an schnäuzt sich jemand und wischt sich die Tränen aus den Augen. Gerda ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Ihr Mann sitzt deshalb mit mir am Tisch und ihre Tochter, ihr Sohn und zwei Enkelkinder. Ich begleite als Pfarrerin den Abschied und die Beerdigung. Ich habe Gerda nicht persönlich gekannt und stelle viele Fragen zu ihrem Leben. Wo sie aufgewachsen ist und was ihr Leben geprägt hat. Wie sie war, was sie geliebt hat und worüber sie sich geärgert hat. Was ihr Freude gemacht hat und was Kummer.
Schnell wird klar: Sie hat sich hingebungsvoll ihrer Familie gewidmet. Ihre Tochter beschreibt sie so: „Sie hätte ihr letztes Hemd für uns gegeben. Sie hat stets unsere Bedürfnisse vor ihre eigenen gestellt. Sie war immer für uns da.“ Als ich nachhake, ob sie Hobbys oder Leidenschaften hatte, erzählt die Familie vom Garten und vom Kochen.
Solche und ähnliche Beschreibungen von Frauen habe ich in Trauergesprächen schon häufiger gehört und sie machen mich nachdenklich. Hier wird die perfekte Mutter und Ehefrau beschrieben: Sie opfert sich für ihre Familie auf. Sie tut es aus Liebe und beschwert sich niemals. Was für ein großartiger selbstloser Mensch!
Ich weiß, dass die Familie diese Worte voller Liebe und Bewunderung für Gerda gesagt hat. Aber es macht mich traurig, dass der Wert unserer Mütter und Großmütter besonders davon abhängt, mit wieviel Freude sie sich als allerletztes um sich selbst kümmern. Ich bin nicht so eine Mutter. Ich schaue auf meine Bedürfnisse und setze Grenzen, wenn es mir zu viel wird. Ich bin überzeugt, wir Mütter sind gut für unsere Kinder, wenn wir als allererstes gut für uns selbst sorgen.
Niemand wird an meiner Beerdigung sagen: sie hat sich für ihre Familie aufgeopfert.
Aber meiner Tochter werden andere Dinge einfallen. Und eine Sache wird sie von mir gelernt haben: auf das zu schauen, was sie selbst im Leben braucht, um glücklich und gesund zu sein.
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Als Kind wollte ich immer ein Junge sein. Nicht weil ich mich als solcher gefühlt hätte. Und auch nicht, weil ich aussehen wollte wie ein Junge. Nein, ich hatte einfach das Gefühl, Jungs wären irgendwie die cooleren Menschen. Wenn mein Vater sonntags beim Mittagessen Geschichten aus seiner wilden Studentenzeit erzählt hat, dann war ich sicher: sowas erleben nur Männer. Als ich Pfadfinderin war, habe ich deshalb versucht, mich vor den Jungs zu beweisen. Ich war immer die Erste, die in voller Montur in den See oder die Matschpfütze gesprungen ist. Als Studentin habe ich mit Freunden über andere Frauen gelacht, weil ich sie für zimperlich und hysterisch hielt. In der Kneipe habe ich ohne mit der Wimper zu zucken, Schnaps mit Tabasco getrunken, und mein Döner war so scharf, dass er gar nicht mehr geschmeckt hat. Ich habe es geliebt, wenn Männer mir anerkennend auf die Schulter geklopft haben: Respekt, Anna! Du bist ja fast ‘n ganzer Kerl!
Heute sehe ich es ein: Ich war ein Pick-Me-Girl! Immer auf der Suche nach Anerkennung und Bestätigung. Zum einen, weil ich sehr unsicher war und wenig Selbstbewusstsein hatte, und zum anderen, weil ich fest davon überzeugt war, dass es eben nicht reicht, ein Mädchen zu sein und die wirklich großartigen Sachen eben den Jungs und den Männern vorbehalten sind. Ein großes Danke an all die Feministinnen, die mich auf Social Media aufgeklärt haben. Alleine wäre ich da nie draufgekommen.
Heute kann ich einordnen, warum ich ein Pick-Me-Girl geworden bin und dass es ganz viel mit unserer Gesellschaft zu tun hat, in der noch immer Männer mehr Macht haben, als Frauen. Ich versuche nicht mehr, anders oder besser zu sein als andere Frauen. Im Gegenteil: ich unterstütze Frauen so gut ich kann, und liebe es, wie unterschiedlich es heute aussehen kann, Frau zu sein. Außerdem bin ich jetzt endlich gerne genau die Frau, die ich bin. Denn ich bin Gottes Ebenbild, wie jede andere Frau auch. Genau, wie jeder andere Mensch.
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Er stellt die Vase mit den hellrosa, gelben und orangenen Tulpen auf den Altar. Noch ein bisschen nach links. Und noch ein bisschen. Jetzt ist es gut. Er ist allein hier in der Kirche. Noch stört niemand. Dunkelheit und flackerndes Kerzenlicht - die Altarkerzen brennen schon. Manfred setzt sich in die erste Bankreihe, den Blick aufs Kreuz gerichtet. Einmal tief ein- und ausatmen. Jetzt ist seine kleine Zeit mit Gott. Ein kurzes Gebet und dann geht’s gleich weiter. Husch, husch, schnell alles vorbereiten. Heute ist Taufe, da muss alles perfekt sein. Aber eigentlich ist bei Manfred jeden Sonntag alles perfekt. Er ist ehrenamtlicher Kirchendiener oder „Messmer“, wie man hier sagt. Die Kirche ist sein Baby. Sein ein und alles. Vor jedem Gottesdienst sorgt er dafür, dass die Menschen, die kommen, sich wohlfühlen. Er schaltet die Mikros ein und schlägt die Lieder auf der Liedtafel an. Er verteilt Gesangbücher und sorgt dafür, dass das Taufwasser warm ist. Er drückt Knöpfe, so dass die richtigen Glocken zur richtigen Zeit läuten. Am Ende des Gottesdienstes sammelt er die Kollekte ein. Und wenn alle weg sind, schaut er penibel darauf, dass auch alles wieder seine Ordnung hat.
Manchmal beobachte ich Manfred, wie er die Altardecke glattstreicht, wie er sorgfältig und vorsichtig die Kerzen vom überflüssigen Wachs befreit, wie er zufrieden lächelt, wenn die Sonne durch das Kirchenfenster scheint und die bunten Schatten im Kirchraum schillern. Da ist so viel Liebe im Raum, noch bevor alle Gottesdienstbesucher da sind.
Die Art und Weise, wie Manfred seine Arbeit macht, berührt mich. Und es stärkt mich, weil ich weiß: Wir dienen Gott und den Menschen immer im Team. Jeder mit seinen Begabungen und auf ganz unterschiedliche Weise. Aber immer mit Liebe.
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Ich bin in den 90ern zur Schule gegangen. In der Mittelstufe haben wir alles gelernt über den 2. Weltkrieg und wie es dazu gekommen ist. Und wir haben das Thema Nationalsozialismus nicht nur in Geschichte besprochen, sondern fächerübergreifend auch in Erdkunde, in Deutsch, in Englisch und in Französisch; jeweils mit verschiedenen Schwerpunkten und Lektüren. „Was da geschehen ist, darf nicht vergessen werden!“, haben unsere Lehrerinnen und Lehrer uns eingeschärft. Und ich erinnere mich noch genau: irgendwann hing es uns allen zum Hals raus. Was haben wir in der Klasse gemotzt! Ich weiß noch, wie ich gedacht habe: „Mensch, wir sind doch nicht doof, wir haben es verstanden!“
Heute, fast 30 Jahre später im Jahr 2025, erkenne ich, wie naiv ich damals gewesen bin.
Wir vergessen! Und zwar viel schneller, als ich es je für möglich gehalten hätte.
Menschen werden ausgegrenzt, bewertet, eingeteilt in die fürs Land Guten und Nützlichen und in die Nutzlosen und Schlechten. Wieder wird populistisch gehetzt - mit reißerischen Aussagen! Wieder fallen wir rein auf Personen, die uns sehr laut viel zu einfache Antworten auf die komplexen Probleme unserer Zeit, geben wollen. Unsere Welt erlebt ein Déjà-vu. Von wegen „nie wieder“!
Und ich habe meinen Lehrer im Ohr, der sagt: „Macht Eure Hausaufgaben!“ Ja, verrückt, wir lernen tatsächlich nie aus. Demokratie ist nichts, was man auf ewig besitzt. Demokratie funktioniert nur, wenn wir unsere Hausaufgaben machen. Demokratie ist wie eine Sprache – wer ihre Vokabeln nicht übt, verlernt sie. Das ist jetzt keine neue Erkenntnis, aber heute kann ich zeigen, ob ich in der Schule wirklich etwas verstanden habe. Wir alle können zeigen, ob wir in der Lage sind, aus der Geschichte unseres Landes zu lernen.
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Morgen wird in vielen Kirchengemeinden Erntedank gefeiert. Die Pfarrerin Sabrina Wilkenshof hat einen anderen Blick auf dieses beliebte Fest:
Es gibt eigentlich keinen Sonntag, an dem ich weniger gern in die Kirche gehe als Erntedank. Es ist mir zu viel. Zu viel Überfluss, zu viele Ähren, Kartoffelsäcke, Salatköpfe und Maiskolben mit langen braunen Blättern. Mich stört diese Dekoration, die zu verbergen scheint, wo uns das Ernten wirklich viel Mühe macht. Nämlich nicht auf dem Weizenfeld, sondern auf den unabgegrenzten Feldern unseres Lebens. Dort stehen wir manchmal fassungslos vor den Früchten unserer harten Arbeit. Wir ernten Liebe, Lob, aber auch Schmerzen, Tränen und Enttäuschung.
Manchmal haben wir das Gefühl, reich beschenkt zu werden vom Leben, ganz ohne Anstrengung. Anderes muss ich mir hart erarbeiten, bis mir der Dreck unter den Fingernägeln klebt. Erntedank ist mehr als Kürbisse vor dem Altar. Erntedank ist eigentlich eine Lebensaufgabe. Und nichts ist schöner als das warme Gefühl, das einen durchströmt, wenn man von Herzen dankbar ist für das Leben.
Sabrina Wilkenshof: Wie man den Staub von der Hoffnung putzt. Alte Feiertage in neuem Glanz.
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Sie hat genug. Die Autorin und freie Journalistin Beatrice von Weizsäcker ist frustriert, wie wir miteinander und mit der Umwelt umgehen. Sie schreibt auf Instagram:
Ich habe genug. Das meiste brauch ich und will ich nicht mehr. Ich habe genug von Gegenständen, die meinem Leben entgegenstehen. Ich habe genug von Menschen, die so tun als ob. Ich habe genug von Wahrheiten, die keine sind. Ich habe genug von einer Politik, die sich christlich nennt, aber nicht ist. Also weg mit den Gedanken und dem alten Kram und aufs Wesentliche konzentrieren, den Kern, die Mitte. Um beweglicher zu werden. Damit der Weg zum Himmel leichter wird. Ich habe genug. Aber nicht von Gott. Er wird mich aufrichten.
Beatrice von Weizäcker, Instagram: @b.v.weizaecker, Post vom 29.07.2025
https://www.instagram.com/p/DMsLfLPMpQO/?img_index=1
SWR3 Worte
Dass Gott uns Menschen in unserem Alltag begleitet, steht für die Autorin Susanne Niemeyer außer Frage. Sie schreibt:
Morgens um viertel vor fünf gehst du aus dem Haus. Dich fröstelt. Das Bett war warm. Die Straße schläft noch. Die Nacht drückt auf deinen Mantel, kriecht in die Ärmel. Kann sein, dass du seufzt. Gott wartet an der Ecke, wie jeden Morgen. Ihr geht schweigend, ist noch nicht die Zeit, um etwas zu sagen. Aber eure Schritte kennen sich und finden den Weg.
Susanne Niemeyer: Schau hin. Vom Hellersehen und Entdecken
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Beten kann man auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Der Pfarrer Lukas Werthschulte zeigt auf Insta das wahrscheinlich kürzeste Gebet der Welt. Er schreibt:
Ein Seufzen. Das reicht. Es bringt zum Ausdruck, wie viel uns auf der Brust liegt. Was uns umtreibt und beschäftigt. Ein Seufzen reicht, um der Welt um mich herum und Gott zu zeigen: „Es ist viel gerade. Vielleicht so viel, dass mir die Worte fehlen, um all das abgeben zu können, was mich gerade beschäftigt.“
Lukas Werthschulte, Instagram: @predigend , Post vom 12.09.2025
https://www.instagram.com/p/DOgEU9WiLxX/
SWR3 Worte
Eine Gemeindereferentin und ein Priester - bei Insta bekannt unter: „Frengels & Chef“ erklären in ihrem Buch „Dio Mio“ warum ihre Aufgabe erfolgreich ist.
Anders als man es wohl erwarten würde, lautet ihr erster Tipp: man muss Dinge sterben lassen! Priester Grüntjens begründet das so:
Ich glaube, dass im Sterbenlassen eine große Chance steckt. Wir klammern uns so oft an Sterbendes und Totes in unserem Leben, dass wir dabei das Leben völlig verpassen. Ob es eine Beziehung ist, die einfach nur noch am Ende ist, aus der wir uns aber wider besseres Wissen einfach nicht lösen wollen oder können.
Ob es Ziele sind, die wir uns gesetzt haben. Ob es Wünsche und Träume sind, die wir gerne erfüllt sähen. Wir halten uns an Sterbendes und Totes. Lieber am Sterbebett meiner Pläne sitzen, als neue zu machen. Genau diese Haltung hindert uns am Leben.
Im Christentum glauben wir das Paradoxon: aus dem Sterben folgt das Leben.
Das hat seinen Grund in der Auferstehung Jesu, die eben nicht nur eine nette Geschichte von vor 2000 Jahren ist, sondern ganz konkrete Wirklichkeit bedeutet.
Sterben ist kein Ende, sondern ein Anfang.
Michelle Engel und David Grüntjens: Dio Mio! Wenn Kirche Spaß macht, entsteht ein Ort der Begeisterung.
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Der Musiker Jan Simowitsch hat sich auf eine Reise begeben: mit dem Rad zur Nordspitze Dänemarks und dann auf die Färöer-Inseln. Es ist eine Reise zu sich selbst. Er erinnert sich an den Moment nach dem Besuch in einem Secondhandshop, wo er abwechselnd Frack und Lederjacke anprobiert hat:
Und wie ich so von einem Leben ins nächste wechsele und mir bei dieser Verwandlung im Spiegel zuschaue, denke ich an meine gute Freundin Annie, die irgendwann begriffen hat: „Ich bin doch schon wer.“ Mit diesem Eindruck verlasse ich den Secondhandladen, ohne irgendetwas gekauft zu haben, und denke mir: Ich kann alles und alles kann ich sein – und dabei bin ich immer Jan. Einfach nur Jan. Und auch wenn ich alles sein kann, heißt es nicht, dass ich auch alles sein sollte. Es muss am Ende meins sein. Und das kann man sich in keinem Laden der Welt holen. Das kommt von innen. Das kommt aus mir heraus. Wir sind halt nicht die Secondhandversion von irgendwem. Du bist auf einzigartige Weise du und ich bin the one and only ich.
Jan Simowitsch: Und der Wal spuckt mich aus. Von einem der auf Reisen ging, um sich selbst zu finden.
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