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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

24FEB2026
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„Zu welcher Kirchengemeinde gehören Sie denn?“ Das fragen mich immer wieder mal Patienten in der Klinik, wo ich als Klinikseelsorger arbeite. Ich bin schließlich gelernter Pfarrer – und Pfarrerinnen oder Pfarrer kennen die Menschen meistens von ihrem Ort zu Hause. Und dann kommt eben oft die Frage, zu welcher Kirchengemeinde ich denn gehöre.

Inzwischen antworte ich dann meistens: „Meine Gemeinde ist die Klinik!“ Und das ist gar nicht nur als Scherz gemeint. Ich habe tatsächlich keine festen Aufgaben mehr in einer klassischen Kirchengemeinde. Anders als früher im Gemeindepfarramt – da habe ich Gottesdienste in einem Kirchengebäude gefeiert, Konfirmanden begleitet oder Geburtstagsbesuche gemacht. Jetzt arbeite ich fast nur in der Klinik – und bin dort Ansprechperson für Patienten, Angehörige und Mitarbeitende.

Aber wie in einer Kirchengemeinde hat auch in der Klinik das ganze Leben Platz. Patienten, Angehörige und Mitarbeitende haben ja ganz viel miteinander zu tun – und das rund um die Uhr, auch abends oder am Wochenende. Und dabei kommen alle Dinge auf den Tisch, kleine Alltagsherausforderungen genauso wie große persönliche Fragen. Dabei kann es um die Krankheit gehen. Aber gar nicht nur: Der Bettnachbar schnarcht stundenlang, die erwachsenen Kinder schweigen sich während des Besuchs finster an, zu Hause stirbt das geliebte Haustier – all das kann Menschen an Grenzen bringen. Und manchmal ist es für sie hilfreich, mir das zu sagen. Vielleicht auch deshalb, weil ich ja in der Klinik bleibe – und nicht später mit zurückkomme an den Wohnort. Die Zeit im Krankenhaus kann Menschen aber auch beflügeln. Plötzlich entstehen Ideen für ein neues berufliches Projekt, eine alte Freundin meldet sich unverhofft – oder Menschen merken, wie gut sie versorgt werden. Und auch Freude lässt sich mit jemandem teilen. Das ganze Leben eben.

Was vielleicht anders ist als in einer „klassischen“ Kirchengemeinde: Zur Klinik-Gemeinde gehören erst mal alle Menschen. Egal, ob und wie sie glauben oder wo sie Mitglied sind. Als Team der Klinikseelsorge sind wir grundsätzlich für jeden da, das Angebot der Kirche kennt da keine Beschränkungen. Und wie intensiv der Kontakt dann wird, das entscheidet sich immer in der einzelnen Begegnung. Niemand muss mit uns beten oder in der Bibel lesen. Aber wo das gewünscht ist und hilfreich, tun wir es gerne.

„Meine Gemeinde ist die Klinik!“ Und im Moment kann ich mir gar nichts Schöneres vorstellen.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

23FEB2026
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Gibt es im Leben die eine neue Entdeckung? Den entscheidenden Schlüssel, der plötzlich alles zum Guten verändert?

Die Sehnsucht danach scheint jedenfalls groß zu sein. Vor allem, wenn es um die Lösung irgendwelcher Probleme geht: dass es das eine Patentrezept dafür gibt, und die Sache ist erledigt. Seit letztem Sommer laufe ich regelmäßig – und mache zu Hause passende Übungen. Im Internet schaue ich immer wieder mal nach Tipps dazu. Das beeinflusst natürlich die Werbung, die ich dann sehe. Wochenlang wurde mir die eine entscheidende neue Fitness-App präsentiert. Das Versprechen: Wenn ich dieses Trainingsprogramm durchziehe, nur ein paar Minuten am Tag, kann ich mir alles andere getrost sparen.

Ganz ehrlich: Es hat schon Momente gegeben, da war ich kurz davor, das mal auszuprobieren. Wenn ich unzufrieden gewesen bin mit meinem Training, beim Laufen nicht richtig weitergekommen bin. Die Aussicht, mit einer neuen App dann alles zu verändern, hatte schon was.

Das gibt es in vielen Lebensbereichen, glaube ich. Auch bei den großen Themen: „Wenn ich eine neue Stelle bekomme, dann geht’s mir endlich beruflich gut.“ Oder: „Wenn mir die eine Liebe fürs Leben begegnet, dann werde ich glücklich.“

Ich kann das alles gut nachvollziehen. Und kenne auch Menschen, die von sich sagen, dass sie mal den entscheidenden Schlüssel gefunden haben in ihrem Leben. Aber war das jetzt wirklich die eine neue Entdeckung? Oder haben die Menschen dabei nicht auch mitgeholfen?

Mich selbst nehme ich ja immer mit. Und eine neue Perspektive kann mir sicher helfen, etwas umzustellen bei mir. Aber wirklich verändern kann ich mich nicht von außen her. Vielleicht sind auch deshalb so viele Neujahrs-Vorsätze längst verpufft. Weil sie keine innerliche Tiefe hatten.

Wirkliche Veränderung kann nur innerlich geschehen, glaube ich, tief in mir drin. Wenn sich meine Einstellung ändert, meine Haltung.

Ach so: Die Internet-Werbung für die neue Fitness-App mit ihren Übungen habe ich dann doch ignoriert. Und mit einem Mal wurde mir wieder was Neues angezeigt. Jetzt ist es ein ganz anderes Workout-Programm, zu dem ich unbedingt wechseln soll. Vielleicht liegt der Schlüssel eben doch ganz woanders: In mir.

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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

22FEB2026
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Neulich hat sonntagnachmittags heftiger Schneefall eingesetzt. Den ganzen Abend über hat es durchgeschneit, ein Ende war nicht in Sicht. So richtig Winter mit einem Mal.

Gegen 22:30 Uhr sehe ich auf Social Media, wie jemand zwei, drei Orte weiter das Foto einer eingeschneiten Nebenstraße postet. Und dazu schreibt: „Warum wird eigentlich nicht gestreut? Das kann ja lustig werden morgen früh.“

Und dann ging’s los in den Kommentaren: „Die denken halt, man kann auch auf dem Schnee fahren“, schreibt jemand. Ein anderer berichtet, er sei gerade eine halbe Stunde zur Arbeit gefahren – „war Horror“. Und noch jemand meint, auch die Hauptstraßen seien noch nicht geräumt – vor vierzig Jahren habe das immer funktioniert. Plötzlich waren da alle möglichen Behauptungen und Beschuldigungen.

Und ich bin ins Grübeln gekommen, woher diese Anspruchshaltung eigentlich kommt. Dass die Kommune, in der ich lebe, jedes kleine Alltagsproblem binnen Stunden aus dem Weg räumen soll für mich. Und warum die Emotionen so hochkochen, wenn nicht sofort alles perfekt funktioniert und geregelt wird. Ob es nun ums Schneeräumen geht, um die Müllabfuhr, Schule – geschimpft ist oft sehr schnell.

Ich denke: Natürlich funktioniert nicht alles so, wie es vielleicht sollte. Andere Sachen laufen dafür um so besser. „Suchet der Stadt Bestes“ heißt ein Ratschlag, der in der Bibel zu finden ist [Jeremia 29,7; Luther-Übersetzung]. Und das könnte doch heißen: Alles mit etwas mehr Gelassenheit und Ruhe anzusehen. Schon auch zu kritisieren, wenn etwas nicht klappt, aber vielleicht mit weniger Anspruchshaltung. Und auch zu sehen, was gut läuft.

Deshalb habe ich mich gefreut, dass es unter dem Foto und seinem Spruch auch noch andere Reaktionen gab: Jemand hat darauf hingewiesen, dass die Räumarbeiten übergreifend koordiniert werden – und dann nicht jede einzelne Nebenstraße in den Blick nehmen können. „Während es noch schneit, ergibt Räumen nicht viel Sinn“, hat ein Hinweis gelautet. Jemand hat erwähnt: „Vor vierzig Jahren bin ich mal mit dem Bus im Schnee steckengeblieben – da war auch nicht alles geräumt …“ Und dann stand da noch, vielleicht am Wichtigsten: „Danke allen Mitarbeitenden im Winterdienst!“

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

20DEZ2025
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„Ich muss noch so viel tun!“ Mit diesem Gedanken wache ich morgens manchmal auf. Besonders oft in diesen letzten Adventstagen jetzt, wo sich gefühlt alles Richtung Weihnachten beschleunigt und bis dahin noch so viel passieren soll. Privat und auch bei der Arbeit – überall drängen sich die Termine und Aufgaben bis zum Fest. Manchmal fühlt sich mein Leben dann an wie eine einzige To-Do-Liste.

„Ich muss noch so viel tun!“ Dieser Satz macht es meistens eng in mir drin. Und nimmt mir damit die Energie, die ich ja eigentlich dringend bräuchte, wenn er denn Recht hat. Ein Teufelskreis.

„Ich muss noch so viel tun“ – ich glaube, in diesem Satz stimmen zwei Wörter nicht. Zwei kleine Wörter nur, aber die sind vielleicht das ganze Problem.

Das erste Wort: „noch“. „Ich muss noch so viel tun“ – damit mache ich mir doch vor, dass irgendwann alles geschafft wäre! Das wird aber nie so sein. Denn mal ehrlich – wann ist denn der letzte Anruf erledigt, der letzte Besuch gemacht, die letzte Weihnachtskarte geschrieben? Mir fällt bis Heiligabend immer noch was und jemand ein. Das hängt ja gerade mit Weihnachten zusammen – weil da ja oft das Miteinander im Mittelpunkt steht, weil ich da das Bedürfnis spüre, an andere zu denken und ihnen etwas Gutes zu tun. Und das wird sich immer irgendwie unfertig anfühlen. Es ist gesünder, mir das von vornherein klarzumachen, glaube ich.

Und das zweite schwierige Wort: „muss“. „Ich muss so viel tun“ – warum eigentlich? Weil man das von mir erwartet? Weil ich es selbst von mir erwarte? Oder muss ich, weil es um die Menschen geht, die mir wichtig sind? Dann wäre es ein Antrieb von innen heraus – und ich muss mich nicht vorab unter Druck setzen damit.

Auch ohne „muss“ und „noch“ lege ich natürlich nicht die Hände in den Schoß. Mitten in der Bibel steht folgende alte Weisheit: „Was immer deine Hand zu tun bekommt, das tu mit deiner ganzen Kraft!“ [Prediger 9,10a; BasisBibel] Mir gefällt das. Wenn mir Dinge in die Hände kommen, also für mich persönlich dran und machbar sind, dann will ich die mit vollem Einsatz tun. Alles andere sehe ich dann.

Heute gibt es das und das zu tun. Mal sehen, was davon meine Sache wird. Vielleicht ist das ja ein neuer und besserer Gedanke für mich nach dem Aufwachen. Jetzt kurz vor Weihnachten – und überhaupt.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

18DEZ2025
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„Warum bringen Sie manchmal Radio-Beiträge, in denen es gar nicht um Gott geht?“ Manchmal melden sich Hörer mit dieser Rückfrage bei mir. Sie meinen dann Texte, in denen ich nicht ausdrücklich von Gott oder meinem Glauben gesprochen habe. Und es stimmt: Manchmal spreche ich nicht ausdrücklich von Gott. Aber Gott kommt trotzdem immer vor.

Beim Austausch und beim Nachdenken darüber bin ich auf zwei Bücher aus der Bibel gestoßen: das Buch Ester und das Hohelied. Das Esterbuch erzählt die Geschichte, wie die Jüdin Ester im fünften Jahrhundert vor Christus persische Königin wird und die geplante Vernichtung ihres Volkes verhindert. Und das Hohelied ist eine poetische Dichtung über die erotische Liebe zwischen zwei Menschen.

Eine Sache verbindet diese Bücher miteinander: In beiden wird Gott mit keiner Silbe erwähnt. Es wird da auch nicht gebetet oder aus heiligen Schriften gelesen. Auf den ersten Blick scheint der Glaube keine Rolle zu spielen.

Aber trotzdem gilt auch: Diese beiden Bücher stehen schon immer mittendrin in der jüdisch-christlichen Bibel, sind ein Teil dieser religiösen Bibliothek. Den Autoren und auch den Lesern damals muss also völlig klar gewesen sein: Was da passiert, hat mit Gott zu tun. Nur eben zwischen den Zeilen sozusagen. Wenn es Ester gelingt, ihr Volk gegen die Übermacht der Feinde zu verteidigen, dann ist das im Hintergrund von Gott gelenkt. Und genauso hat die menschliche Liebe und Lust ihren Ursprung in Gott.

So ähnlich ist das auch mit manchen meiner Radiobeiträge. Es gibt Themen, da erwähne ich Gott oder meinen Glauben nicht ausdrücklich. Manche Leute sehen das dann kritisch und sagen: „Sie sind doch Christ und von der Kirche – das muss doch auch deutlich erkennbar sein!“ Aber ich rede ja trotzdem von Gott. Weil mein Glaube entscheidenden Einfluss darauf hat, wie ich die Welt wahrnehme und verstehe. Meine Weltanschauung kann ich ja gar nicht abstreifen. Und als Christ glaube ich: Wenn Gott an Weihnachten selbst Mensch wird, dann lässt er sich auch in ganz normal-alltäglichen menschlichen Erfahrungen entdecken. Vielleicht ja auch von Menschen, die von sich selbst sagen würden, dass sie mit dem Glauben gar nichts zu tun haben.

Dass ich Christ bin, zur Kirche gehöre, das sage ich ja nach jedem Beitrag. Auch gleich wieder.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

17DEZ2025
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Auf Facebook entdecke ich einen Artikel der Lokalzeitung: Unser Landkreis und seine Kommunen bekommen neues Geld. So wie überall in Deutschland gerade, das wurde ja beschlossen vor einiger Zeit. Unter dem Beitrag – jede Menge Kommentare. Viele kritisch, man kann das ja auch diskutieren. Aber einer schreibt nur kurz und knapp: „Das geht ja alles gleich weiter an die Flüchtlinge!“

Natürlich ist diese pauschale Behauptung kompletter Unsinn. Mit Kritik an Politik hat das auch nichts mehr zu tun. Hier werden mal eben alle Flüchtlinge als Schmarotzer abgestempelt. Das geht einfach nicht. Aber mich interessiert schon: Wo kommt so eine Meinung, so eine Haltung eigentlich her? Und der Frust, den ich da spüre, der Neid auf andere, die Missgunst?

Ich schaue mir das Facebook-Profil des Kommentierers ein bisschen an. Sofort wird deutlich: Seine Familie kommt ursprünglich nicht aus Deutschland. Sie ist irgendwann hierher übergesiedelt, vermutlich vor ein paar Jahrzehnten. Ob in der Heimat Krieg geherrscht hat oder ob es der Wunsch nach mehr Wohlstand war, weiß ich nicht. Es gibt viele Gründe, das eigene Land zu verlassen. Und alle finde ich irgendwie verständlich.

Was ich nicht verstehe: Warum hetzt jemand mit dieser eigenen Herkunftsgeschichte heute gegen Flüchtlinge? Hat dieser Mensch vergessen, wie es ihm selbst mal ging?

In der Bibel finde ich eine Anregung, wie es anders gehen könnte. Da wird erzählt, wie auch die Israeliten in ein neues Land kommen – und dort zum ersten Mal auf dem Feld Früchte ernten. Zu diesem besonderen Ereignis sollen sie vor Gott ein feierliches Bekenntnis ablegen. Und das beginnt damit, dass sie ihre Herkunftsgeschichte in Worte fassen: „‚Ein heimatloser Aramäer war mein Vater. Er ging nach Ägypten und lebte dort als Fremder. […] [Gott] brachte uns an diesen Ort […]. Hier bringe ich nun die ersten Früchte des Landes, das du, Herr, mir gegeben hast.“ [5. Mose 26,5-10; BasisBibel]

Die Israeliten sollen also nicht vergessen, woher sie kommen, dass sie nicht immer so viel hatten. Das macht um so dankbarer über die Gegenwart. Und zugleich barmherzig im Blick auf andere. Das Bekenntnis in der Bibel endet dann nämlich so: „Freu dich über all das Gute, das der Herr, dein Gott, dir schenkt, dir und allen, die zu dir gehören! […] [Wer auf Hilfe angewiesen ist,] [im Original: „Levit“ als Teil einer schutzbedürftigen Minderheit] soll sich mit dir freuen, und der Fremde, der bei dir lebt.“ [5. Mose 26,11]

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

16DEZ2025
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Besinnlich. So soll die Adventszeit sein, höre ich oft. Oder das Weihnachtsfest. „Einen besinnlichen Advent!“, tönt es durch die Supermarktlautsprecher. – „Besinnliche Weihnachten!“, wünscht mir die Grußkarte.

„Besinnlich“. Ganz offen – ich finde das Wort schrecklich. Weil ich den Eindruck habe: Meistens ist damit nur eine behagliche Atmosphäre gemeint. Ein gemütliches Wohnzimmer mit Kaminfeuer für die Seele sozusagen, hübsch-harmonisch arrangiert. Das ist was Schönes, keine Frage. Aber es verändert nichts in mir. Höchstens spüre ich noch Druck, alles auch möglichst besinnlich herzurichten. Bloße Besinnlichkeit bleibt harmlos und an der Oberfläche.

Worauf ich Lust habe in der Advents- und Weihnachtszeit: Mal in die Tiefe zu gehen. Zu fragen, was mir wichtig ist, was mich wirklich ins Schwingen bringt, mich im Leben motiviert. In meinem Tempo, so, wie es gerade passt für mich. Das hat dann mit mir persönlich zu tun, nicht nur mit einer äußeren Stimmung.

Aber wenn ich mich darauf einlasse, dann ist das auch ein Wagnis. Was dann in mir passiert, kann ich nicht komplett kontrollieren. Und schon gar nicht kann ich es irgendwie steuern und herstellen. Auch meine persönlichen Verletzungen haben dann Platz, auch das, was mir weh tut. Ich muss nichts zur Seite schieben, damit es auch schön besinnlich bleibt. Und wenn wirklich etwas tief in mir angerührt wird, kommt etwas in Bewegung, kann sich verändern.

In der Bibel wird das übrigens ähnlich erzählt. Da beginnt Advent damit, dass Maria, Josef und ihr ungeborenes Kind aufbrechen müssen. Und als Jesus geboren wird, verändert das ihr Leben von Grund auf. Auch die Hirten oder die Weisen aus dem Morgenland kommen nicht an die Krippe, weil sie die besinnliche Stimmung dort so mögen. Sie spüren: Hier beginnt etwas radikal Neues. Und ich werde Teil davon, mein Leben stellt sich völlig auf den Kopf.

Das ist viel mehr als besinnlich. Aber es hat mit dem Wort zu tun, von dem die Besinnlichkeit herkommt: Sich besinnen. Ich besinne mich auf das, was mir in der Tiefe wichtig ist. Wenn das gemeint ist, dann darf es meinetwegen auch besinnlich sein.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

15DEZ2025
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Vor drei Wochen in der S-Bahn. Mir schräg gegenüber sitzt eine Jugendliche, vielleicht 16 oder 17 Jahre alt. Auf ihrem Handy läuft in voller Lautstärke ein Video. Eine christliche Predigt offenbar. Es geht um Gott und Jesus – in sehr eindringlichem Tonfall. Irgendwann steht sie auf und geht weiter.

Als ich später mein Fahrrad nehme und aussteige, finde ich im Helm am Lenker einen Zettel, den mir meine Mitfahrerin dort hinterlassen haben muss. Darauf wird mir kurz und knapp die Welt erklärt: Eigentlich hat Gott mal alles gut geschaffen. Aber die menschliche Sünde hat alles verdorben. Deshalb bin ich jetzt von Gott getrennt und auf dem Weg in die Hölle. Die gute Nachricht: Jesus ist in die Welt gekommen. Und wenn ich mich persönlich zu ihm bekenne, hat mein Leben wieder Zukunft.

Spontan habe ich mich da zurückversetzt gefühlt in meine eigenen Teenager-Tage. Denn da war ich tatsächlich ganz ähnlich unterwegs. „Ich bin verloren und muss wieder mit Gott ins Reine kommen“ – mit solchen wenigen markigen Glaubenssätzen war in meinen Augen alles eindeutig geklärt. Ich dachte auch, das steht genau so in der Bibel.

Erst im Lauf der nächsten Jahre und Jahrzehnte hat sich mein Glaube geweitet. Ich habe ihn hinterfragt, bin mit anderen ins Gespräch gegangen. Ich habe gemerkt, dass die Bibel doch noch etwas dicker ist, viel tiefer eintaucht ins Leben. Mir ist immer klarer und wichtiger geworden, dass Gottes Liebe schon immer alles umfasst, ich gar nicht aus ihr herausfallen kann. Und dass mich das frei macht, meinen Glauben so zu leben, wie es mir entspricht, ohne Angst oder Druck. Erst so kann ich auch wirklich Verantwortung übernehmen für das Dunkle in der Welt oder meine Schuld.

Daran habe ich zurückgedacht beim Blick auf diesen Zettel aus meinem Fahrradhelm. Der hat mich mit seiner Botschaft schon auch peinlich berührt. Ich frage mich, warum solche Sätze eigentlich immer noch weitergegeben werden. Ja auch von Menschen, die längst keine 16 mehr sind, sondern 36 oder 60. Es gibt genügend Christen, die sich nicht weiterentwickeln, in engen lieblosen Vorstellungen von Gott steckenbleiben. Und damit andere Menschen klein halten, vielleicht auch anfälliger machen für billige Versprechungen. Das finde ich bitter und traurig.

Der Jugendlichen aus der S-Bahn neulich jedenfalls wünsche ich gute, gesunde Begegnungen im Lauf ihres Lebens. Mit anderen Menschen, und mit Gott.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

08NOV2025
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Zwei unserer Kinder mögen es immer noch, wenn ich oder meine Frau ihnen abends zum Einschlafen etwas vorsingen. Und das mache ich auch gerne. Seit Jahren nehme ich da meistens dasselbe Lied: ein gesungenes Gebet zu Gott. Es enthält folgende Zeile: „Decke alles, was atmet, mit deiner Liebe zu“. Ich singe das Gebet auch für mich, denn mir gefällt der Gedanke, dass wir Eltern nicht die Einzigen sind, die unsere Kinder abends zudecken. Und dass sie zum Einschlafen noch mehr bekommen als eine warme Decke, ein Dach über dem Kopf oder ein Gute-Nacht-Lied. Sondern auch Gottes Liebe.

Außerdem reicht dieses Gebet ja noch über unsere Kinder und ihre Betten hinaus: „Decke alles, was atmet, mit deiner Liebe zu“. „Alles, was atmet“ – das sind auch die Nachbarn, die anderen Familien in der Stadt, einfach alle weltweit. Und auch längst nicht nur Menschen. Unsere Meerschweinchen eine Etage tiefer sind da genauso gemeint, die Schildkröte draußen im Garten, die Vögel draußen im Baum, die Spinnen drinnen an den Wänden. (Klar, die natürlich auch.)

Aber unseren Kindern geht sogar das noch nicht weit genug. Und schon als sie noch viel kleiner waren, haben sie protestiert gegen den Liedtext. „Papa! Warum nur ‚alles, was atmet‘ – dann fehlen ja die Pflanzen! Die brauchen Gottes Liebe doch auch!“

Sie wussten auch gleich eine Alternative – und seitdem singe ich das Lied immer ein bisschen anders: „Decke alles, was lebt, mit deiner Liebe zu“. Vom Rhythmus her klingt das ein bisschen holprig, der Text passt nicht mehr so richtig zur Melodie. Aber unsere Kinder haben mich überzeugt. Beim Singen fühle ich mich tatsächlich verbunden mit der gesamten Schöpfung. Menschen, Tiere, Pflanzen – sie alle gehören zusammen. Und sind angewiesen auf so viel mehr als man sieht.

Ach ja: Inzwischen, wo unsere Kinder gar nicht mehr so klein sind, könnte ich ihnen ja erklären, dass tatsächlich auch die Pflanzen atmen und dabei Sauerstoff aufnehmen. Über ihre Zellen. Vielleicht gilt das ja – und ich bekomme den Original-Liedtext wieder durch. Und dann ist wirklich die gesamte Welt gemeint: „Decke alles, was atmet, mit deiner Liebe zu“.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

07NOV2025
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„Nächstes Jahr laufe ich Marathon!“ Ein Patient hat das zu mir gesagt – in der Klinik, in der ich als Seelsorger arbeite. Und er hat mich vielsagend angeschaut dabei. Humor lag in seinem Blick, Zuversicht, aber genauso Trauer und Schmerz. Uns beiden war in diesem Moment völlig klar: Es wäre schon ein medizinisches Wunder, wenn er überhaupt jemals wieder laufen könnte, und seien es nur die paar Meter vom Bett ins Bad.

Die nächsten Wochen über bin ich immer wieder mal bei ihm vorbeigekommen, wir haben uns ausgetauscht über Gott und die Welt. Nebenbei habe ich die weiteren Untersuchungen mitbekommen, neue Diagnosen, sein Therapieprogramm – intensives Training, mehrmals täglich. Ich habe miterlebt, wie er Stück für Stück einen neuen Lebensalltag eingeübt hat. Und dabei auch seine Familie und den Freundeskreis mitgenommen hat. Und ich habe mich gefragt: Was soll das eigentlich anderes sein als ein Marathon? Und ja nicht nur für 42 Kilometer, sondern ein ganzes Leben lang …

Im Krankenhaus erlebe ich das immer wieder – dass Menschen ihren ganz persönlichen Marathon absolvieren. Weil über einen langen Zeitraum hinweg so viele Fragen, Aufgaben, Schwierigkeiten zu klären sind. Und wenn ich es recht überlege: Vielleicht hat das Leben ja immer etwas Marathonmäßiges an sich. Weil es Ausdauer und einen langen Atem braucht und weil auf der Wegstrecke nie alles glatt läuft.

Worin genau der persönliche Lebens-Marathon besteht, das entscheidet sich dann bei jedem Menschen anders. Und genauso, wie das Ziel aussieht. Das ist ja auch beim echten Marathon so. Nicht jeder kann und will da unter drei Stunden laufen. Es kann auch darum gehen, einfach durchzukommen. Oder auch zu akzeptieren, dass man nicht so weit kommen kann wie gehofft.

Jede Teilstrecke aber ist es wert, stolz darauf zu sein. Und dann zu spüren: Ich habe etwas geschafft.

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