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SWR4 Abendgedanken
Eine Nacht wieder so richtig dunkel erleben. So wie sie vor 150 Jahren war, ganz dunkel. Davon träumt die Initiative „Paten der Nacht“. Es geht dabei nicht um Nostalgie oder darum die gute alte Zeit zurückzuholen. Sondern darum, dass unsere Erde nachts viel zu stark beleuchtet ist! Deswegen hat die Initiative zum Ziel, dass zumindest einmal im Jahr, die Nacht wieder so dunkel ist wie vor 150 Jahren. Bevor künstliches Licht unsere Leben dauerhaft erhellt hat.
Das Ganze findet heute am 11. September statt. Denn heute ist die internationale „Earth Night“, also auf Deutsch die „Nacht der Erde“. Weltweit setzten sich heute Menschen gegen die sogenannte „Lichtverschmutzung“ ein. Städte und Gemeinden, aber auch Unternehmen und Privathaushalte schalten heute Nacht ihre Außenbeleuchtung aus oder reduzieren sie zumindest deutlich.
So eine dauerhafte Beleuchtung mit Kunstlicht tut der Umwelt, vielen Tieren und auch den Menschen überhaupt nicht gut. Vögel werden auf ihrem Flug in den Süden verwirrt, tausende Insekten sterben und Menschen schlafen schlechter. Sogar ganze Ökosysteme können wegen zu heller Nächte aus dem Takt geraten.
Natürlich nehme ich im Alltag die dauerhafte Beleuchtung nicht als Lichtverschmutzung wahr, ich schätze sie eher. Straßenlaternen sind wichtig, damit ich auch im Dunklen sicher nach Hause kommen kann und beleuchtete Reklamewände gehören einfach zum Stadtbild dazu. Wer aber nachts schon mal weit draußen im Wald oder auf einer Wiese unterwegs war, der kennt den Unterschied: Da kann man am Himmel wieder tausende Sterne sehen, wenn man Glück hat sogar die Milchstraße. Und man erlebt, wie wohltuend natürliche Dunkelheit sein kann.
Die Aktion „Earth Night“ erinnert genau daran: Dunkelheit ist ein Teil unserer natürlichen Umwelt und deshalb auch schützenswert. Damit die Nacht wieder dunkler wird, helfen schon ein paar kleine Tricks. Man kann Außenlampen nur dann einschalten, wenn sie wirklich gebraucht werden, Rollläden schließen, damit Licht nicht unnötig nach draußen strahlt, oder Fassadenlichter nach unten statt in den Himmel strahlen lassen. Die Earth Night zeigt, dass Dunkelheit ihren ganz eigenen Wert hat, den man erst dann erlebt, wenn man der Beleuchtung eine Pause gönnt.
In der Bibel wird die Schöpfung als ein Geschenk Gottes beschrieben, das die Menschen pflegen und bewahren sollen. Deshalb ist es doch heute Abend einen Versuch wert, das eine oder andere künstliche Licht auszuschalten. Und stattdessen draußen oder am Fenster den Blick zum Himmel zu richten, sich in Dunkelheit zu hüllen und wiederzuentdecken wie kostbar die Nacht sein kann.
SWR4 Abendgedanken
Heute Vormittag um 11 Uhr war es fast überall richtig laut! Aus vielen Lautsprechern hat man diesen typischen heulenden Ton gehört. Denn heute war der bundesweite Warntag.
Auf einen Schlag haben Millionen Menschen die gleiche Nachricht erhalten, sie sind für einen kurzen Moment in ihrem Alltag unterbrochen worden. Mir kommt da ein Gedanke, und ich frage mich: Wenn ich die Möglichkeit hätte eine Botschaft zu senden, die alle Menschen erreicht, welche wäre das? Spontan fallen mir da einige Alltagsweisheiten ein.
Doch wenn ich gründlicher überlege, wäre meine ganz persönliche Botschaft eine andere. Ich würde an alle Handys schreiben: „Vertrau darauf, dass Gutes vor dir liegt“. Vertrauen haben und hoffen können, das ist für mich etwas typisch Christliches. Denn Gott begleitet den Weg jedes Menschen, auch wenn noch nicht klar ist, wohin er führt.
Und in meiner Fantasie, überlege ich auch noch, welche Botschaften Gott selbst auf die Handys schicken würde. „Du bist wertvoll“, fällt mir ein. Egal wie viel ein Mensch leistet oder was er erreicht hat: Alle haben das Recht würdevoll behandelt zu werden. Jeder Mensch hat seinen Wert und daran darf er auch immer wieder erinnert werden.
So eine Nachricht von Gott könnte aber auch eine Einladung sein: „Schau heute einmal nicht nur auf dich selbst.“ Egal ob ich einer Freundin für ihre tolle Geburtstagsrede ein Kompliment mache, einem Kollegen bei seinen Problemen mit einem Projekt beistehe oder meinem älteren Nachbarn mit seinem Tablet helfe. Solche kleinen Gesten machen den Unterschied.
Und noch was könnte Gott uns aufs Handy schreiben: „Du bist nicht allein“. Eine kleine Erinnerung daran, dass man im Leben nicht alles alleine schaffen muss und
dass es mit Unterstützung oft leichter geht. Alle können dazu beitragen, dass sich andere weniger allein fühlen.
Natürlich braucht Gott für seine Botschaften keine Lautsprecher und keine Handy-Nachrichten, die auf einen Schlag an Millionen Leute verschickt werden. Gott wirkt durch Menschen. Wenn jemand Hoffnung weitergibt, ein gutes Wort parat hat, oder einen anderen erleben lässt: Ich steh dir bei. Und Gottes Botschaften sind auch in der Natur zu finden: Wenn das kühle Wasser im Badesee mich erfrischt oder ein Mensch von seinem geliebten Hund getröstet wird, weil der einfach immer spürt, wenn es ihm nicht gut geht.
Gott braucht keinen Warntag. Bei ihm gibt`s für jeden Menschen Botschaften. Jeden Tag.
SWR4 Abendgedanken
„Ich hab‘ es doch nur gut gemeint!“ Den Satz habe ich schon oft gehört und mindestens genauso oft auch selbst gesagt. Zum Beispiel als ich die Pflanzen meiner Schwester zu häufig gegossen habe als sie im Urlaub war, und die deshalb eingegangen sind. Oder als mein Kollege bei seiner großen Daten-Lösch-Aktion alle wichtigen Adressen und Termine aus unserem digitalen Kalender gelöscht hat.
Eine Episode aus dem Neuen Testament gibt einen super Hinweis, worauf es in solchen Situationen eigentlich ankommt.
In der Geschichte trifft Jesus den wohnungslosen Bartimäus. Der ist blind und sitzt am Straßenrand. Als er mitbekommt, dass Jesus da ist, fängt er an laut zu schreien: „Jesus, hab Erbarmen mit mir!“. Die Leute, die um Bartimäus herumstehen, sind genervt und schnauzen ihn an: „Sei doch leise, Jesus will nichts von dir wissen!“ Aber Jesus hört das Rufen und befiehlt den umstehenden Leuten: „Ruft ihn her!“. Und dann als Bartimäus vor Jesus steht, passiert der entscheidende Moment. Jesus sieht ihn an und fragt: „Was soll ich für dich tun?“ Jesus entscheidet nicht eigenmächtig, wie er unterstützen kann. Er zeigt mit der Frage seinen Respekt und will erstmal wissen, was der Mensch, der vor ihm steht eigentlich braucht. Dadurch ist Bartimäus nicht einfach nur ein „Hilfsbedürftiger“, dem etwas fehlt und der nicht alleine entscheiden kann. Er hat eine eigene Stimme und weiß ja auch selbst, was er möchte. Jesus gibt ihm die Möglichkeit, das auch zu sagen.
Bartimäus antwortet: „Ich möchte wieder sehen können.“ Dann erst heilt ihn Jesus.
Die Heilung steht am Ende der Geschichte. Aber die wichtigste Botschaft steckt weiter vorne, eben in der Frage: „Was soll ich für dich tun?“.
„Erst fragen und dann handeln“, das ist ein Motto, dass ich mir von Jesus abschauen kann. Denn oft genug ertappe ich mich dabei, wie ich die Probleme von anderen lösen will, ohne dass sie mich darum gebeten haben. Sei es, dass ich für meinen Partner aufräume, und er anschließend seine Sachen nicht mehr findet. Oder dass ich meine Freundin mit Ratschlägen überschütte, obwohl sie nur jemanden braucht, der ihr ganz in Ruhe zuhört.
Ich muss nicht immer sofort eine Lösung haben. Oft ist Zeit haben und aufmerksam sein was viel Wichtigeres. Wie bei meiner Freundin, die sich einfach nur den Frust von ihrer Seele reden will und gar nicht nach einer wirklichen Lösung sucht.
Gute Hilfe ist nicht das, was ich selbst für gut halte. Sie beginnt mit der einfachen Frage á la Jesus: „Was soll ich für dich tun?“
SWR4 Abendgedanken
Vorstellungsrunden gibt es fast überall: im Job, der Schule, im Verein oder sogar auf Partys. Oft laufen sie nach demselben Muster ab: Name, Beruf, vielleicht noch ein Hobby. Manchmal sind sie zäh und fast schon langweilig. Ich erinnere mich aber an eine ganz besondere Vorstellungsrunde.
Das war auf einer Fortbildung und die Leiterin hat uns darum gebeten, dass wir anstelle der üblichen Floskeln, eine Anekdote zu unserem Vornamen erzählen sollten.
Es war verrückt. Von der ersten Person an, war ich voll dabei und habe allen aufmerksam zugehört. Was für ein bunter Blumenstrauß an persönlichen Geschichten da zusammengekommen ist. Von Zoe habe ich erfahren, dass ihr Name auf Altgriechisch „Leben“ heißt und dass sie so genannt wurde, weil ihre Oma kurz vor ihrer Geburt gestorben ist. Ulla hat erzählt, dass ihr eigentlicher Name Ursula ist, aber dass sie noch nie mit ihrem Geburtsnamen angesprochen wurde und dass ihr der Name auch ganz fremd ist. Und Jakob ist zu seinem Namen gekommen, weil seine Eltern sich beim Pilgern auf dem Jakobsweg kennengelernt haben.
Die zwanzig Männer und Frauen im Raum, von denen ich ja niemand vorher gekannt habe, sind viel greifbarer geworden. Denn sofort ist es um mehr gegangen, als nur um den eigenen Namen. Seit dieser Runde höre ich einen Satz aus der Bibel mit ganz anderen Ohren. Da sagt Gott einmal: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“
Wenn hinter einem Namen so viele Geschichten und Erinnerungen stecken und Gott meinen Namen kennt, dann kennt er auch meine Geschichte. Und nicht nur die, die sich hinter meinem Namen versteckt.
Mir ist bewusst geworden: Namen schaffen Nähe. Wer mich beim Namen ruft, spricht immer auch ein Stück meiner Identität an. Und Namen drücken aus, dass man in Beziehung zueinander steht. Es macht einen Unterschied, ob ich mit „Entschuldigung, Sie da hinten“ angesprochen werde oder mit meinem Namen.
Eltern geben ihrem Kind einen Namen. Freunde sprechen einander mit Namen an. Und Gott kennt eben auch den Namen eines jeden Menschen. Auch bei ihm bin ich nicht eine unter vielen, sondern Gott nimmt mich bewusst wahr. Mit allem was mich ausmacht.
Von der Vorstellungsrunde von damals habe ich mir zwar nicht alle Namen merken können, aber mit jedem Namen ist ein Mensch sichtbar geworden. Und ich will mir vorstellen, dass es bei Gott genauso ist, wenn er sagt: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“
SWR4 Abendgedanken
Wenn eine Frau ihr erstes Kind erwartet, sind die Menschen drum herum oft auf ganz besondere Weise aufgeregt. Bei meiner Familie ist das gerade so, denn meine Schwester erwartet ihr erstes Kind. Besonders meine neunjährige Nichte Sophie, die Tochter meines Bruders, kann es gar nicht abwarten Cousine zu werden. Sie fiebert mit und ist total interessiert. Deshalb hat sie auch mitbekommen, dass meine Schwester lange nach einer Hebamme gesucht hat.
Als wir uns mal wieder mit der Familie getroffen haben, hat Sophie meine Schwester gefragt: „Hast du jetzt schon eine Bet-Amme?“. Wir haben uns alle amüsiert, denn sie hat mir nichts dir nichts, ein neues Wort erfunden, die „Bet-Amme“.
Was für ein goldiger Versprecher! Und irgendwie ist da ja auch etwas dran, an der Idee von einer Bet-Amme. Was die Hebamme für den medizinischen Bereich ist, das könnte eine Bet-Amme auf seelische Weise tun.
Denn ein Kind zu erwarten ist ja nicht nur etwas Medizinisches, da tut sich auch innerlich ganz viel. Das Leben verändert sich komplett. Aus einem Paar wird eine Familie, Verantwortungen wachsen, die Hoffnungen natürlich auch und manchmal auch die Sorgen. Und gerade die Geburt selbst ist unplanbar. Ein Ereignis bei dem man so sehr auf Hilfe angewiesen ist und doch über sich selbst hinauswächst.
Wie gut wäre es da, wenn alle werdenden Eltern eine oder gleich mehrere Bet-Ammen hätten. Also Menschen, die einfach da sind, zuhören und die kleinen und großen Veränderungen mit begleiten: Der Nachbar, der ein frisch gekochtes Mittagessen vorbeibringt, Freundinnen, die im Wochenbett zu Besuch kommen und die Wohnung aufräumen, oder Großeltern, die viel Zeit und Erfahrung mitbringen, bei
Fragen weiterhelfen und Sicherheit geben können. Und eben alle, die beten oder an die werdende Mutter und das Kind denken, wenn die Geburt losgeht.
Sophie hat ganz unbewusst ein Wort erfunden, dass in vielen Lebenslagen helfen kann: die Bet-Amme. Jemand, der begleitet, wenn das Leben eine neue Richtung einschlägt. Gerade wenn Neues beginnt, oder sich das Leben ganz plötzlich verändert, tut es gut zu wissen, dass da jemand ist, der einen im Herzen trägt und gute Gedanken zum Himmel schickt.
Was für ein Segen, wenn ich Menschen um mich habe, die sich nicht aufdrängen, aber mit mir mitgehen, Hoffnung schenken und gerade an den großen Wendepunkten des Lebens unterstützen. So eben wie eine ganz persönliche Bet-Amme.
SWR4 Abendgedanken
Jeder Mensch hat eine Zeitheimat. Ja, richtig gehört „Zeit“ und „Heimat“ in einem Wort.
Diesen Begriff habe ich neu kennengelernt und erstmal überlegt, was dahintersteckt. Man könnte ja spontan meinen, dass damit eine Heimat auf Zeit gemeint ist, also sowas wie eine Ferienunterkunft oder wenn man irgendwo zur Zwischenmiete wohnt. Das ist es aber nicht. Die „Zeitheimat“ meint eine Phase im eigenen Leben, die besonders prägend war. Die Zeit im Leben, die so etwas wie die Heimat der eigenen Persönlichkeit geworden ist.
Für die meisten Leute liegt die Zeitheimat in ihrer Jugend. Die Musik, die damals lief, welche Frisuren und Kleidung gerade in waren oder die eine Sendung, zu der sich wirklich alle vor dem Fernseher getroffen haben. All das und noch vieles mehr, sei es typisches Essen oder beliebte Hobbys, ergeben zusammen die Zeitheimat eines Menschen. Es ist die Lebensphase, in der man erste Schritte alleine geht und seine eigene Persönlichkeit immer mehr entfaltet.
In dieser Zeit entstehen viele Erinnerungen, die sich wohl tiefer festsetzen als andere. Vielleicht weil man in diesen Jahren vieles zum ersten Mal ganz für sich persönlich und eigenständig erlebt. Zum ersten Mal alleine mit Freunden in den Urlaub fahren, sich das erste Mal verlieben oder stolz auf den ersten eigenen Lohn sein. Und bei alldem das Gefühl zu haben, dass die Musik, Filme oder bestimmte Orte „die eigenen“ sind.
Bei mir war das Anfang der 2000er. Seitdem hat sich mein Geschmack verändert und über manche Outfits aus meiner Jugend kann ich nur noch herzlich lachen. Trotzdem habe ich eine besondere Verbindung zu genau dieser Zeit. Deshalb kann ich immer noch die Lieder aus meiner Jugend auswendig oder unterhalte mich
stundenlang mit meinen Freundinnen über Serien von früher, gemeinsame Erlebnisse oder wie revolutionär es damals war von einem Discman zu einem MP3-Player zu wechseln. Eben weil diese Dinge mit einem ganz bestimmten Lebensgefühl und einer Vertrautheit verbunden sind.
Die Zeitheimat ist viel mehr als Nostalgie. Sie ist ein Teil der eigenen Identität. So etwas wie ein Ankerpunkt, und ich kann mir Zeit nehmen und gedanklich immer mal wieder in diese Erlebnisse eintauchen. Einfach weil es dem Herzen guttut.
Die Heimat eines Menschen ist also viel mehr als nur ein Ort. Sie liegt in dem einen besonderen Lagerfeuerlied, im Gefühl mit viel zu weiten Schlaghosen zu gehen oder dem Geruch von Freibadpommes und Chlor. Und egal wie sehr sich die Welt verändert oder wo man zu Hause ist: Zu meiner eigene Zeitheimat kann ich immer wieder zurückkehren. Und so gönne ich meiner Seele ein Stückchen Heimat.“
SWR4 Abendgedanken
Die achtzehnjährige Carla aus meiner Straße häkelt und stickt für ihr Leben gern. Friedrich ist ein Arbeitskollege meines Partners, er besteigt mit Anfang sechzig noch einen Sechstausender und die 94-jährige Rosemarie schreibt an ihrer Doktorarbeit. Allen dreien ist eines gemeinsam: Sie passen nicht in typische Altersklischees.
Vermutlich hören sie immer wieder Sätze wie: „Was? Das machst du in deinem Alter?“. Dahinter steckt die Vorstellung, dass es für jedes Alter bestimmte Dinge gibt, die man tut oder eben besser lässt. Und wenn jemand da nicht reinpasst, sorgt das schnell für Verwunderung. Eigentlich schade, denn ob ich etwas kann oder mir zutraue, hängt doch nicht nur vom Alter ab. Das findet auch die katholische Kirche hier im Südwesten, oder genauer gesagt das Erzbistum Freiburg.
Schon seit April finden zwischen Mannheim und Konstanz Veranstaltungen statt, immer unter dem Motto „Respekt kennt kein Alter!“, wie zum Beispiel am 14. Juli in Rastatt. Es geht darum, dass jüngere und ältere Menschen miteinander ins Gespräch kommen, eigene Vorurteile und Altersbilder hinterfragen und erleben: Wir können viel voneinander lernen.
In Zeiten in denen von „konservativen Boomern“ und der „faulen Generation Z“ gesprochen wird, hält die Freiburger Kampagne dagegen. Denn wer mit solchen Begriffen um sich schmeißt, steckt Menschen oft in Schubladen, bevor man sie überhaupt richtig kennengelernt hat. Menschen sind so viel mehr als ihr Alter und irgendwelche Klischees. Eine Doktorandin muss nicht 26 sein.
Natürlich gibt es Lebensphasen, die von ähnlichen Erlebnissen geprägt sind, z. B. wenn man kleine Kinder hat und wahnsinnig gefordert ist und gleichzeitig auch so viele schöne Momente erlebt, wenn Kinderaugen strahlen. Oder wenn man im Alter merkt, dass manches mühsamer wird, aber man gleichzeitig auf viele Erfahrungen
zurückgreifen kann und deshalb so viel gelassener ist. Es ist schön, wenn man sich dann mit Gleichgesinnten austauschen kann und diese Gemeinsamkeiten einander näherbringen.
Trotzdem wird es niemandem gerecht, wenn jemand pauschal von „den Alten“ und „den Jungen“ spricht. Umso besser, wenn ich auf dem Schirm habe, dass nicht jeder ältere Mensch technikfern sein muss. Und nicht jeder junge Mensch auf TikTok oder anderen sozialen Medien lebt.
Und ganz sicher entdecken diejenigen überraschend viele Gemeinsamkeiten, die nicht darauf schauen wie alt jemand ist, sondern was einen Menschen begeistert, beschäftigt oder antreibt. Das merke ich selbst immer wieder, wenn ich in der Boulderhalle meine Klettergruppe treffe und da Jutta dabei ist, die mit Mitte Fünfzig ihre Leidenschaft fürs Klettern entdeckt hat.
Meinen Respekt kriegen alle, die einander zuhören und voneinander lernen, ganz egal wie alt sie sind.
SWR4 Abendgedanken
Was es heißt mit dem Guten zu rechnen, daran hat mich eine Café-Mitarbeiterin erinnert. Sie hat mir gezeigt, dass es viel verändern kann, wenn ich mit einem warmherzigen Blick durch die Welt gehe.
Es war in Mannheim in einem Café und ich habe gerade einen Cappuccino bestellt. Meine Karte hatte ich schon gezückt, da sagt die Kellnerin zu mir: „Wir nehmen leider nur Bargeld“. „Mist“ geht es mir direkt durch den Kopf, denn ich habe keins mehr. Kaum noch 50 Cent im Geldbeutel, wie unangenehm. Mein Kopf rattert und ich überlege hektisch wie ich am schnellsten zum nächsten Bankautomaten komme. Ich setzte schon an: „Ohje, das tut mir jetzt leid…“ da meint die Kellnerin freundlich und ganz entspannt zu mir: „Kommen Sie doch einfach morgen nochmal vorbei und zahlen Sie den Kaffee dann.“ Ich bin total verblüfft und freue mich gleichzeitig riesig! Die Kellnerin und ich, wir kennen uns nicht und trotzdem vertraut sie darauf, dass ich wiederkomme und den Kaffee bezahlen werde.
Man könnte jetzt sagen: gut, das sind ja nur ein paar Euro, wenn die nicht zurückkommen, davon geht kein Laden pleite. So eine große Sache ist das nicht. Aber für mich ist es das schon. Denn hinter der kleinen Geste steckt eine ganze Lebenshaltung und die Frage wie ich mit Menschen umgehe. Ob ich eben von vorne herein misstraue, oder erst mal mit dem Guten rechne.
Laufe ich direkt weiter, wenn mich unterwegs jemand anspricht oder höre ich mir erstmal an, was er oder sie zu sagen hat? Wird ein frischgebackener Papa von seinem Chef für voll genommen, wenn er nach Entlastung fragt, weil gerade alles zu viel ist? Und nimmt ein Team die Vorschläge einer jungen Kollegin ernst, auch wenn sie noch gar nicht lange im Betrieb ist?
Ich kann jeden Tag neu entscheiden, ob ich zuerst das Risiko sehen will oder das Gute. Es geht mir um dieses erste Wollen. Das, was ich bewusst erwarte.
Natürlich wäre es naiv, wenn ich allem und jedem grenzenlos vertraue. Ich rede hier auch nicht davon zu allem ja zu sagen ohne auf das eigene Bauchgefühl zu hören. Aber ich weiß, dass ein liebevoller Blick auf die Welt guttut. Er ist auch etwas typisch Christliches: Weil ich fest davon überzeugt bin, dass Gott in jedem Menschen erstmal sein ganzes Potential sieht, deshalb kann ich das auch.
Den Kaffee habe ich natürlich am nächsten Tag bezahlt. Aber das Wichtigste, was ich aus dem Café mitgenommen habe, war die großherzig entspannte Reaktion der Kellnerin: Kommen Sie doch einfach morgen wieder!“
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Als eine Freundin von mir schwanger war, hat sie ihrem engsten Freundeskreis Kerzen geschenkt. Und als dann die Wehen losgegangen sind, hat sie kurz Bescheid gesagt… Da haben wir sie alle angezündet. Mein Nachbar hat das für seinen verstorbenen Schulkameraden im Internet gemacht, mit einer digitalen Kerze auf einer Gedenkhomepage. Und meine Kollegin pflegt in ihrer Familie eine andere schöne Kerzentradition: sie lassen immer, wenn jemand Geburtstag hat, die Taufkerze von demjenigen brennen.
Menschen zünden aus ganz unterschiedlichen Gründen Kerzen an. Manche weil sie dankbar sind, andere weil ihnen eine schwierige Aufgabe bevorsteht, oder weil sie an einen lieben Menschen denken, der nicht mehr da ist. Kerzen zeigen immer, dass man sich innerlich mit jemandem verbindet und das soll auch von außen sichtbar werden. Besonders deutlich wird das, wenn nach einem tragischen Ereignis irgendwo ein Meer aus Lichtern brennt.
Die Theologin und Autorin Annette Jantzen greift diesen Gedanken auf. Sie hat eine ganz besondere Bezeichnung für die Kerzen gefunden, die jemand mit einem besonderen Anliegen aufstellt. Sie nennt sie „die Merkposten Gottes“. Damit meint sie einerseits, dass Kerzen von uns Menschen als Erinnerungsstützen für Gott gedacht sind, damit er niemanden vergisst und kein Anliegen verloren geht. Und andererseits, erklärt Annette Jantzen weiter, können solche Kerzen auch als Zeichen von Gott für uns Menschen verstanden werden. Dass wir zumindest „ein bisschen“ sehen können, dass Gott an uns denkt und an das was uns umtreibt. Glück oder Sorgen.
Mir gefällt dieser Gedanke. Wenn Kerzen brennen, dann ist das ein Hinweis für Gott und für mich. Das passt, denn jede bewusst angezündete Kerze erzählt davon, dass jemand an einen anderen Menschen denkt. Wie bei der Kerze, die ich für meine
Freundin angezündet habe mit der Hoffnung dass bei der Geburt alles gut laufen wird.
Kerzen können auch für all das stehen, was man nicht in Worte fassen kann, das aber irgendwo zum Ausdruck kommen will. Natürlich wird nicht alles gleich gut sobald man eine Kerze anzündet. Man kann ja auch zweifeln an so einer Geste. Für mich jedenfalls sind Kerzen kleine Hoffnungsschimmer, ein zaghafter Wunsch nach Halt in einer Welt, die von vielen Unsicherheiten geprägt ist.
Wenn heute irgendwo mitten im Sommer eine Kerze auf der Küchenkommode steht, weil da jemand eine große Sorge hat, dann flackert da ein Merkposten Gottes. Und alle kleinen Lichter zusammen zeigen, dass kein Mensch mit seinen Gedanken und Gefühlen allein bleiben muss. In jeder Kerze, die bewusst aufgestellt ist leuchtet ein Hinweis Gottes, der sagt: „Ich bin da. Das könnt ihr euch ruhig merken.“
SWR4 Abendgedanken
Wer mit Geschwistern aufgewachsen ist, kennt das: Es gibt die tollen Momente, in denen es einfach nur schön ist einander zu haben. Und es gibt den typischen Geschwisterneid. Ich bin mit drei älteren Geschwistern aufgewachsen, da gab es natürlich auch Diskussionen. Zum Beispiel beim Mittagessen darüber, wer ein halbes Fischstäbchen mehr bekommt als die anderen.
Klarer Fall von „Futterneid“ – wenn zumindest einer befürchtet, dass das Essen nicht für alle reicht und man selbst deshalb zu kurz kommt. Futterneid scheint, tief im Menschen zu stecken und ich habe ihn auch in einer Geschichte von Jesus entdeckt. Es überrascht mich nicht, dass das vorkommt. Immerhin verstehen sich Jesu Jüngerinnen und Jünger ja quasi auch als Geschwister, eben als Glaubensgeschwister.
Das Ganze spielt in der Rushhour von Jesu Leben. Er ist ständig unterwegs und überall, wo er ist, sind unendlich viele Leute, die ihn hören und sehen wollen. Die Jünger, also seine Wahlfamilie, scheinen davon irgendwann genervt zu sein. Sie wollen endlich mal Ruhe und Jesus für sich alleine haben. Wenigstens am Abend. So zumindest verstehe ich das, wenn sie sich bei Jesus beschweren und zu ihm sagen: „Jesus, es ist schon spät. Es reicht jetzt. Schicke die Menschen los, damit sie sich in der Stadt etwas zu essen kaufen können.“ Aber Jesus antwortet nur: „Wir haben Essen dabei, gebt den Leuten doch davon etwas ab!“. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie seine Freunde vermutlich die Augen verdrehen: „Mensch, jetzt sind doch mal wir dran. Nicht schon wieder alles teilen, das wenige Essen und die Zeit mit ihm.“
Absolut verständlich, denn laut Bibel hatten sie nur noch fünf Brote und zwei Fische dabei und die Menschenmenge war riesig. Am Ende geben die Freunde nach, hören auf Jesus und verteilen das wenige Essen unter den Leuten. Was dann passiert ist
unglaublich: Alle Menschen werden satt. Am Ende waren sogar zwölf Körbe voll Brot und Fisch übrig.
Ich muss nicht glauben, dass alles genauso passiert ist und trotzdem erfahre ich etwas aus der Geschichte: Dass teilen so viel Neues ermöglicht. Manchmal so viel, dass man es kaum glauben kann. Und das trotz typischer Futterneid-Gedanken! Die Freundinnen und Freunde Jesu hatten Vertrauen und wurden überrascht. Das ist genau der Punkt! Nicht die Frage, wie aus fünf Broten und zwei Fischen plötzlich Unmengen an Essen geworden sind. Sondern, was passiert, wenn Menschen es schaffen ihren Futterneid beiseite zu schieben.
Ich kann teilen: Meine zaghafte Zuversicht, Obst aus dem Garten, einen Glücksmoment, etwas Geld, oder die Motivation für eine gute Sache, oder eben einfach das, was ich gerade habe.
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