Zeige Beiträge 1 bis 10 von 28 »
Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Die Fähigkeit, selbst Licht zu erzeugen, zählt zu den wichtigsten Errungenschaften der Menschheit. Ein Feuer, eine Fackel, Öllampen. Ohne diese Möglichkeiten, wäre die Menschheit heute nicht da, wo sie ist. Und wenn ich an unser Leben heute denke, bin ich heilfroh und dankbar, dass wir elektrisches Licht haben. Denn einfach so das Licht einschalten zu können, das ist ein Segen: Im Winter morgens nach dem Aufstehen. Oder wenn mir etwas runtergefallen ist und ich es im Halbdunkel nicht mehr wiederfinde. Und Gott sei Dank können auch Ärztinnen und Pfleger, Mechatroniker und Mitarbeitende im Labor im hellen Licht arbeiten. Ohne Licht wäre unser Alltag nicht denkbar.
Heute Abend freue ich mich aber darauf, das Licht ausgeschaltet zu lassen. Denn heute, am dritten Samstag im März, ruft die Umweltorganisation WWF wieder dazu auf, bei der Earth Hour mitzumachen. Earth Hour, auf Deutsch: Stunde der Erde - so heißt eine Aktion, die auf den Klimawandel aufmerksam machen und ein weltweites Zeichen setzen möchte. Die Idee ist simpel: Eine Stunde lang bleiben weltweit Lichter aus – in Städten, an Wahrzeichen und bekannten Sehenswürdigkeiten, auch in vielen privaten Wohnungen. Auch bei mir in Mainz werden der Mainzer Dom und die Christuskirche und etliche andere Gebäude dunkel bleiben. Zumindest für diese eine Stunde von halb neun bis halb zehn.
Falls Sie heute Abend noch nichts vorhaben, kann ich Ihnen einen kleinen Abendspaziergang ans Herz legen: Ich staune jedes Mal aufs Neue, wie anders die Stadt wirkt, wenn große Bauwerke auf einmal im Dunkeln liegen.
Viel Strom wird bei der Earth Hour nicht gespart. Aber darum geht es auch nicht vorrangig. Viel wichtiger ist das Zeichen: Weltweit bleibt es für eine Stunde dunkel. Und überall auf der Welt wird mit diesem Lichtsignal daran erinnert, wie sehr der Klimawandel unsere Erde und viele Menschen schon jetzt bedroht. Auch bei mir zu Hause bleibt heute Abend ab halb neun das Licht aus. Es ist ein kleines Zeichen, das ich setzen kann, um daran zu erinnern: Wir alle tragen gemeinsam Verantwortung für Gottes gute Schöpfung. Damit hier auf der Erde noch lange das Licht anbleibt und alle gut leben können.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44118Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
„Wo du hingehst, da will auch ich hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch.“ So heißt es an einer Stelle in der Bibel. Viele Paare suchen sich diesen Satz als Trauspruch für ihre kirchliche Hochzeit aus. So ein Trauspruch kann ein Motto oder ein Leitspruch für die Ehe sein.
„Wo du hingehst, da will auch ich hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch.“ Dieser Satz ist voller Liebe, voller Loyalität und Zukunftsgewissheit. Und ich glaube: Damit ist er ein gutes Motto für den weiteren gemeinsamen Weg eines Paares. Schließlich geht es doch genau darum: Gemeinsam durchs Leben zu gehen, egal was kommt. Dieser Trauspruch macht deutlich: Genau das möchten sich zwei ganz fest versprechen.
In der Bibel sind die beiden, die einander so die Treue schwören, zwei Frauen: Es sind Schwiegertochter und Schwiegermutter.
Die Geschichte der beiden ist wirklich bemerkenswert: Da ist die alte Frau, Noomi. Ihr Mann ist gestorben und ihre Söhne auch. Noomi fühlt sich fremd und allein in der Heimat ihres Mannes, die nicht ihre Heimat ist. So entscheidet sie sich, in ihre alte Heimat zurückzukehren. Und da ist Rut, ihre Schwiegertochter. Rut entschließt sich, mit Noomi in deren Heimat zu gehen. Allen Herausforderungen zum Trotz. „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.“ Eine mutige Entscheidung. Ob da Liebe im Spiel war? Ich weiß es nicht – aber diese unbedingte Loyalität und gegenseitige Übernahme von Verantwortung füreinander sind schon etwas ganz Besonderes. Und das ist es auch, was Brautpaare an diesem Satz so anspricht: Zwei, die bedingungslos zueinander halten und gemeinsam in die Zukunft gehen.
Als Pfarrerin darf ich zwei Menschen an diesem entscheidenden Punkt in ihrem Leben begleiten. Ich darf mit ihnen ihre Hochzeit vorbereiten und sie schließlich feiern. Dabei bewegt es mich jedes Mal aufs Neue, ihnen Gottes Segen zuzusprechen. Denn schließlich ist Segen ja auch nichts anderes, als dass Gott zu uns sagt: Ich bin bei euch, wo immer ihr hin geht, und ich bleibe bei euch, wo immer ihr auch seid.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44117Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Bei einem Besuch in Hamburg habe ich vor einiger Zeit einen besonderen Ort entdeckt. Auf den ersten Blick wirkt die U-Bahnstation Emilienstraße wie jede andere auch. Doch dann zeigt sich: Hier auf dem Bahnsteig ist ein besonderer Ort. In dem kleinen Büdchen zwischen den Gleisen ist kein gewöhnlicher Kiosk – sondern „Das Ohr“: ein Zuhör-Kiosk. Auf Schildern wird erklärt, was es mit diesem Zuhör-Kiosk auf sich hat: „Ich höre Ihnen zu! Kostenlos. Jetzt gleich – oder ein anderes Mal.“
Christoph Busch hat den Zuhör-Kiosk vor knapp 10 Jahren ins Leben gerufen. Als Drehbuchautor ist er immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Sein Plan ist aufgegangen. Viele Menschen haben Lust auf einen kleinen Plausch zwischendurch. Und viele Menschen scheinen nur darauf gewartet zu haben, dass sie sich endlich mal alles von der Seele reden können und ihnen einer wirklich zuhört.
Tatsächlich waren es so viele Menschen, dass Christoph Busch schnell gemerkt hat: Meine Zeit reicht nicht aus. Ich brauche Unterstützung. So gibt es jetzt einen großen Kreis von Ehrenamtlichen, die dem Zuhör-Kiosk „Das Ohr“ ihre offenen Ohren zur Verfügung stellen. Sie hören Fröhliches und Belangloses, hören zu bei schweren Schicksalsschlägen, komplizierten Problemen und vielen offenen Fragen. Ich finde es toll, dass sie das machen. Einander zuhören ist so wichtig. Mir tut es gut, wenn ein guter Freund, meine Schwester oder auch jemand Fremdes im Urlaub ein offenes Ohr für mich hat. Ich fühle mich dann gesehen. Mit allem, was ich bin. Wenn ich meine Freude teile, wird sie doppelt so groß und was mich bedrückt, fühlt sich, wenn ich es jemandem erzählt habe, nicht mehr ganz so schwer an. Darum bin ich froh, dass es Menschen gibt, die anderen einfach zuhören. Vertrauensvoll und offen.
Ich glaube, deswegen ist beten für mich auch so wichtig. Denn beim Beten kann ich genau das erleben: Gott hat ein offenes Ohr für mich. Zu jeder Zeit und für alle Anliegen. Gottes Zuhör-Kiosk, der immer geöffnet ist. Wie wunderbar!
Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Wenn ich als Kind mit meinen Geschwistern oder Nachbarskindern nachmittags draußen gespielt habe, dann gab es eine Regel: Wenn draußen die Straßenlaternen angehen, dann gibt es Abendbrot und wir müssen nach Hause kommen. Oft hat uns das herausgerissen aus unserem Spiel und unserem Miteinander. Denn es war klar: Nach dem Abendessen geht es ins Bett und der Tag ist vorbei. Das Licht der Straßenlaternen war eine ganz eigene Zeitansage.
Menschen, die wie ich in Mainz um die große Christuskirche herum leben, kennen noch einen anderen Zeitgeber: Denn drei Mal am Tag erklingt das Glockenspiel vom Turm der Christuskirche: morgens um viertel vor 8, mittags um 12 Uhr und abends um 18 Uhr. Die 25 kleinen Glocken hängen ganz oben im Kirchturm. Schaut man genau hinauf, kann man sie über der Kuppel der Kirche gut erkennen. Gestiftet wurden sie von der Stadt Mainz Anfang der 1950er Jahre, als die im Krieg zerstörte Christuskirche wieder aufgebaut wurde. Seitdem hängen sie dort oben und spielen jedes Mal ein bekanntes Kirchenlied. Alle paar Wochen wechseln die Lieder, so passen sie immer zur Jahreszeit. Seit über 70 Jahren hat sich nichts daran verändert – die Technik, die Lieder, die Uhrzeiten sind gleichgeblieben. Nur manche Glocken haben sich inzwischen etwas verstimmt.
Immer wieder erzählen mir Menschen, wie wichtig das Glockenspiel für sie als Zeitansage ist. Hört man morgens die Glocken – dann ist es höchste Zeit aufzustehen.. Oder man muss sich schnell auf dem Weg zur Schule machen, damit man nicht zu spät kommt. Und abends ist es wie bei mir früher: Wenn die Glocken spielen, dann ist es Zeit fürs Abendbrot.
Mein Tagesablauf ist inzwischen oft anders, so dass mich das abendliche Glockenspiel nicht nach Hause zum Essen ruft. Aber die Glocken machen dennoch etwas mit mir: Sie rufen mich heraus aus meinen Gedanken und aus dem, was ich gerade tue. Ich merke dann: Oh, so spät ist es schon! Und meistens überlege ich: Was brauche ich jetzt? Weitermachen oder doch lieber eine Pause? So ist mir das Glockenspiel zu meiner ganz eigenen Zeitansage geworden.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43423Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Vor einigen Tagen saß ich bei meiner Ärztin im Wartezimmer. Und da ist mir ein Lied eingefallen. Der Sänger Bosse singt es und es heißt „Wartesaal“. „Wir sitzen im Wartesaal zum Glücklich sein“ singt er da. Er meint kein Wartezimmer in einer Arztpraxis, wie das, in dem ich gesessen habe. Sondern er singt vom großen Ganzen. Der Sänger Bosse singt davon, dass wir Träume haben, aber uns manchmal nicht trauen, sie wahr werden zu lassen. Dass wir Pläne nicht angehen, sondern sie aufschieben. Und dass wir immer darauf warten, dass wir später irgendwann glücklich sind. „Und so bleiben wir im Wartesaal zum Glücklichsein und warten mal und warten mal“ singt er weiter.
So wie Bosse vom Warten singt, meint er kein unbeschwertes Warten. Sondern ein Warten, das uns nicht guttut.
Jetzt im Advent warten wir darauf, dass es Weihnachten wird. Ab heute verkürzen uns Adventskalender die Wartezeit. Jeden Tag öffnen wir ein Türchen, freuen uns über ein Stück Schokolade, eine kleine Überraschung oder eine Geschichte. Sich jeden Tag über eine Kleinigkeit freuen, macht das Warten deutlich schöner. Und es lässt uns fast aus dem Blick verlieren, dass wir überhaupt warten.
Ich glaube, der Advent ist eine gute Zeit zum Warten. Dieses Jahr nehme ich mir vor, mir mehr Zeit für das Warten zu nehmen und mich weniger mit allen Vorbereitungen und Terminen zu stressen. Ich will das Genießen nicht aufschieben, sondern jetzt schon spüren. Und mir die Wartezeit schön machen.
Ich will mir auch Zeit nehmen, um bei mir das große Ganze in den Blick zu nehmen. Das, wovon der Sänger Bosse gesungen hat. Worauf warte ich eigentlich? Welche Träume, welche Pläne habe ich noch? Was brauche ich, dass ich das eine oder andere endlich angehe? Und ich will mich fragen: Sitze ich noch, wie der Sänger Bosse gesungen hat, im Wartesaal zum Glücklichsein? Oder bin ich jetzt schon glücklich?
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43422SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Heute ist der erste Advent. Und ganz ehrlich: Ich bin noch nicht in Adventsstimmung: Mir ist gar nicht nach Weihnachtsmarkt und Glühwein zumute. Zu Hause habe ich auch noch nichts dekoriert und vorbereitet: Ich habe bis jetzt noch nicht mal einen Adventskranz besorgt.
Zuerst hat mich das geärgert: Am ersten Advent dastehen ohne Adventskranz– wie blöd ist das denn! Dann habe ich überlegt: Wie könnte ich es hinkriegen, doch noch einen Adventskranz zu besorgen? Oder könnte ich noch irgendwie einen basteln? Aber diese Überlegungen habe ich ganz schnell wieder verworfen – der Stress wäre zu groß.
Und nun stehe ich da ohne Adventskranz am ersten Advent. Je länger ich mir das bewusst mache, desto mehr finde ich mich damit ab. Vielleicht besorge ich einfach später noch einen.
Während ich darüber nachdenke, erinnere ich mich auch daran, was Advent eigentlich bedeutet. Der Advent ist eine „Wartezeit“. Im Advent warten wir auf das, was noch kommt. Wir zählen die Tage herunter und üben uns in Geduld. Es ist die Zeit, um sich auf Weihnachten vorzubereiten.
Also muss auch nicht am ersten Advent alles schon perfekt sein. Mit vielem können wir uns Zeit lassen. Schließlich ist Weihnachten erst am 24. Dezember – bis dahin ist Zeit für Vorbereitungen.
Eins meiner Lieblingslieder im Advent fragt: „Wie soll ich dich empfangen und wie begegne ich dir?“ Mir gefällt diese Frage: Wie soll ich dich empfangen? Im Lied ist Gott gemeint – schließlich feiern wir an Weihnachten, dass Jesus geboren und Gott Mensch wird. Gott kommt in unsere Welt. Und ich habe jetzt Zeit, mich darauf vorzubereiten und frage mich: Wie möchte ich mich dieses Jahr auf Weihnachten einstimmen? Was brauche ich in diesem Advent, damit es für mich Weihnachten werden kann? Brauche ich mehr gemütliche Auszeiten zu Hause am Adventskranz? Mehr Zeit zum Innehalten? Oder brauche ich in diesem Jahr eher viel fröhliches Beisammensein auf dem Weihnachtsmarkt und beim Plätzchenbacken?
So schön ein Adventskranz auch ist – dieses Jahr verzichte ich wohl auf ihn. Ich belasse es bei einer Kerze und freue mich an ihrem Licht. Denn ich merke, dass ich dieses Jahr vor allem mehr den Moment genießen möchte, damit es bei mir so richtig Weihnachten werden kann.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43421Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Mit dem Blick zurück geht es vorwärts. Klingt komisch? Ist aber so - zumindest beim Rudern. Wer schon einmal in einem Ruderboot gesessen hat, kennt es vielleicht: Das ungewohnte Gefühl, nicht zu sehen, wohin man steuert und fährt.
Als Jugendliche habe ich für einige Zeit viel gerudert. In großen, breiten Booten, sogenannten Zweiern oder Vierern, mit mehreren anderen zusammen. Und in ganz leichten, schmalen Ruderbooten, den Skiffs, in denen man allein oder zu zweit sehr schnell vorankommt. Ich erinnere mich gut daran. Wie leicht und lautlos das Boot über das Wasser gleitet. Auf der Wasseroberfläche hinterlassen die Ruderschläge und das Boot Abdrücke. Besonders schön ist das frühmorgens oder abends. Dann sind das Licht und die Stimmung auf dem Wasser so besonders. Oft habe ich dann gestaunt, wie schön diese Welt sein kann.
An die Blickrichtung beim Rudern musste ich mich erst gewöhnen. Denn man sitzt genau andersrum als sonst. Normalerweise gehe ich vorwärts durchs Leben und sehe, wohin ich gehe. Beim Rudern ist es genau umgekehrt: Ich sehe nach hinten: Die Landschaft zieht an mir vorbei und ich weiß nicht genau, was vor mir liegt. Bin ich allein im Boot unterwegs, muss ich mich immer mal wieder umdrehen, um zu sehen, was vor mir liegt oder um den Kurs zu korrigieren. Mit der Zeit entwickelt man ein gutes Gespür dafür. Im Vierer ist daher der Steuermann wichtig. Ihm kann man vertrauen, denn er sitzt als Einziger im Boot mit Blick nach vorn.
Die Bibel erzählt davon, dass Jesus zu ähnlichem Vertrauen aufgefordert hat. „Fahr hinaus, wo es tief ist!“ (Lukas 5,4) hat er zu Simon, einem Fischer am See Genezareth, gesagt. Das bedeutet so viel wie: Fahr so weit hinaus auf den See, bis zu der Stelle, an der du nicht mehr bis auf den Grund sehen kannst. Bis zu dem Ort, an dem du nicht weißt, was kommt und was dich erwartet.
„Vertrau mir“, sagt Jesus, „Lass dich darauf ein – und fahr los.“
Was für eine Ansage! Simon hat es gewagt. Er hat Jesus vertraut und ist aufgebrochen ins Unbekannte. Und er ist mit einem Netz voller Fische belohnt worden.
„Fahr hinaus, wo es tief ist.“ Jesu Worte fordern mich auch heraus: Lass dich darauf ein, dass du nicht wissen und sehen kannst, was die Zukunft bringt. Hab Vertrauen, dass der Steuermann richtig steuert. Und sei gewiss: Es kann gut werden.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43008Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Es ist Zeit für ein bisschen Gartenarbeit. Meine Blumen und Pflanzen auf dem Balkon müssen jetzt versorgt werden, damit sie gut durch den Winter kommen. So schaue ich: Wo muss eine Pflanze nur ein bisschen gestutzt werden, wo sind radikalere Rückschnitte nötig?
Da, wo Krankheiten oder Schädlinge einer Pflanze zugesetzt haben, kürze ich die Äste. Auch dünne Äste, die unter der Last der Blüten gelitten haben, schneide ich ab. In der Hoffnung, dass die Pflanze im nächsten Jahr mit voller Kraft nachwächst und noch buschiger und schöner wird. Besonders bei meinem Oleander ist das dieses Jahr richtig nötig.
Letztes Jahr habe ich diesen Zeitpunkt nämlich verpasst. Und alle meine Pflanzen einfach wachsen lassen. Das hat wahrscheinlich die Vögel auf meinem Balkon gefreut. Aber dieses Jahr möchte ich es anders machen und die Pflanzen besser versorgen. Durch diese Arbeit nehme ich auch den Wechsel der Jahreszeiten bewusster wahr.
Denn ich denke dann daran, wie ich mich über das Aufblühen der Pflanzen im Frühjahr gefreut habe. Ich erinnere mich an die Sommerabende, die ich in diesem Jahr auf dem Balkon verbracht habe. Wie oft habe ich mich da über das Blühen und Wachsen in den Kübeln gefreut! Mir fällt auch wieder ein, wie oft ich ans Gießen oder Düngen denken musste. Jetzt dürfen die Pflanzen den Winter über ruhen – und ich freue mich schon darauf, wenn ich im nächsten Frühjahr die ersten grünen Blättchen und Knospen entdecke.
„Alles hat seine Zeit“, wussten schon die Menschen zur Zeit der Bibel. (Prediger 3)
Und so versuche ich, nicht in Gedanken schon beim nächsten Frühjahr zu sein. Sondern dem Rückschnitt auch etwas abzugewinnen. Bei meinen Pflanzen geht das ganz einfach – einfach ein paar Äste kürzen. Und falls ich mal zu viel abschneide, wird es schon wieder nachwachsen mit der Zeit.
Mit Blick auf mein Leben ist das schon schwieriger. Wo müsste ich da ein bisschen was kürzen? Wovon brauche ich weniger? Weniger Bequemlichkeit? Oder weniger Zeit vor dem Fernseher oder dem Handy? Oder wie könnte es gelingen – etwas weniger Stress?
Alles hat seine Zeit. Und vielleicht ist jetzt die Zeit, mit der Gartenschere in der Hand genau das mal in den Blick zu nehmen.
Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Ich habe das Schaukeln für mich entdeckt. Denn in der Nähe meiner Wohnung gibt es seit Neuestem drei Schaukeln. Keine Baby- oder Kinderschaukeln, sondern Schaukeln für Erwachsene. Sie stehen direkt am Rheinufer. Wenn man darauf schaukelt, hat man einen wunderbaren Blick auf den Rhein. Fast immer, wenn ich dort vorbeikomme, lege ich eine kurze Schaukelpause ein. Ich lasse meinen Blick schweifen über die Bäume am anderen Ufer, die Schiffe auf dem Rhein und in den Himmel. Für ein paar Minuten durch die Luft fliegen – herrlich! Wenn ich schaukele, fühle ich mich leicht und frei. Voller Kraft hole ich Schwung, um noch höher hinauszukommen. Schon als Kind habe ich es geliebt, richtig hochzuschaukeln. Bis zu dem Punkt, an dem man selbst einen kleinen Hopser macht.
Und beim Schaukeln kommt mir wie von selbst ein Satz aus der Bibel zugeflogen: „Alle, die auf Gott hoffen, bekommen neue Kraft. Sie fliegen dahin wie Adler.“ (Jes 40,31)
So geht es mir beim Schaukeln: Als ob ich mich mit Flügeln durch die Luft fliege. Voller Kraft, die ich nicht ganz allein aufbringe.
Menschen, die auf Gott hoffen, bekommen von ihm neue Kraft. Das verspricht dieser Satz aus der Bibel. Das passt zum Schaukeln. Denn auch beim Schaukeln besteht nur ein Teil daraus, schwungvoll durch die Luft zu fliegen. Das Schaukeln lebt vom Wechsel: Es geht vor und zurück. Und wieder vor und zurück. Beim Schaukeln braucht es beide Richtungen. Ich finde es heilsam, dass mich das Schaukeln daran erinnert: Es geht nicht immer nur vorwärts. Denn das ist nicht nur beim Schaukeln so. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich auch sonst dann und wann mal einen Schritt zurück machen oder eine Weile warten muss, bevor ich wieder mit neuer Kraft weitergehen kann.
Vielleicht tun mir die Schaukelpausen auch deshalb so gut. Ganz leicht und spielerisch erinnert mich das Schaukeln daran, dass Warten genauso zum Leben gehört, wie einen Schritt zurück zu machen. „Alle, die auf Gott hoffen, bekommen neue Kraft. Sie fliegen dahin wie Adler.“
In diesem Satz aus der Bibel steckt auch eine große Portion Gottvertrauen. Die Kraft kommt nicht von irgendwo – Gott schenkt sie uns. Damit immer wieder ein Schritt nach vorne folgen kann. Und ich freue mich, wenn mir das beim Schaukeln bewusst wird.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43006Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
„Du bist nicht allein allein“. Unter diesem Motto setzt die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau in diesen Wochen ein Zeichen gegen die Einsamkeit. Wenn ich mich einsam fühle, dann habe ich den Eindruck: Ich bin die Einzige, der es so geht. Es fühlt sich an, als ob nur ich einsam wäre. Dabei stimmt das gar nicht: Umfragen zeigen, dass weit mehr als die Hälfte aller Erwachsenen Einsamkeit erleben. In den letzten Jahren geben besonders junge Menschen an, sich einsam zu fühlen.
Einsam kann man in jeder Lebenslage sein, ganz gleich wie alt man ist, ob man berufstätig ist und viel Geld hat oder mitten in der Ausbildung steckt und aufs Geld achten muss. Auch wer verheiratet ist oder gute Freundinnen und Freunde hat, kann sich einsam fühlen.
Einsamkeit betrifft viel mehr Menschen als gedacht. Daher heißt die Aktion der evangelischen Kirche: „Du bist nicht allein allein“.
Dahinter steht die Überzeugung: Wenn wir uns als Gesellschaft zusammentun, können wir viel gegen die Einsamkeit unternehmen. Manchmal hilft es schon, über das Thema zu reden. Und zu merken: Einsamkeit kennen viel mehr Menschen, als ich gedacht habe. Vielen geht es nicht gut damit. Es hilft aber, darüber zu reden.
Mit der Aktion möchte die evangelische Kirche genau dazu anregen: Über Einsamkeit ins Gespräch zu kommen. Wann mache ich das schon – jemanden fragen, wann er oder sie sich einsam fühlt. Oder was ihr hilft gegen die Einsamkeit?
Auch die Bibel erzählt von Menschen, die sich einsam fühlen – und aus der Einsamkeit herausfinden. Da ist zum Beispiel einer, der wegen seiner Krankheit von der Gesellschaft ausgeschlossen ist. Jesus sieht ihn und erkennt, wie es um ihn steht. Jesus gibt ihm weder Ratschläge noch bemitleidet er ihn ungefragt. Stattdessen sieht er ihn an und fragt ihn: „Was willst du, dass ich für dich tue?“ (Lukas 18,41). Jesus nimmt sein Gegenüber wahr mit allen Gefühlen und Erfahrungen, auch mit seiner Einsamkeit. „Was willst du, dass ich für dich tue?“, fragt er ihn und ermöglicht es seinem Gegenüber, sich mitzuteilen. Und das ist der erste Schritt. Ich muss nicht die Lösung für die Probleme anderer haben. Aber ich kann etwas tun: Ich kann das Gespräch suchen und fragen: „Was willst du, dass ich für dich tue?“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42235Zeige Beiträge 1 bis 10 von 28 »
