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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

05JUL2026
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Für mich schmeckt Dippekuche mit Apfelkompott nach Leben. Dippekuche heißt es bei uns zuhause, hochdeutsch würde man Topfkuchen dazu sagen. Die Zutaten sind geriebene Kartoffeln und Zwiebel, Ei, Dörrfleisch, Salz, Pfeffer. Alles zu einem Teig verrühren; Teig in einen Bräter füllen und ganz lange im Backofen backen. Die Kruste sollte ganz dunkel sein und beim Reinbeißen krachen. Dazu gibt es Apfelkompott.

Dass dieses Essen für mich nach Leben schmeckt, das liegt daran, dass es das letzte Mittagessen war, das ich gemeinsam mit meiner schwer kranken Oma gegessen habe. Eine Woche später ist sie gestorben.

Rheinischer Sauerbraten und Kohlrabi schmecken für mich auch nach Leben. Eine sterbenskranke Freundin hat sich Sauerbraten und Kohlrabi gewünscht. Wir haben es ihr gekocht, und dann haben wir es zusammen am Mittagstisch im Hospiz gegessen. Ein paar Tage später ist sie gestorben.

In der Bibel, in Psalm 23, sagt ein Mensch zu Gott: „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.“ (Psalm 23,5) Lange habe ich mit diesem Satz nichts anfangen können. Jetzt denke ich, der Feind, das ist der Tod. Zu wissen, dass ein Mensch bald sterben wird, ist fürchterlich. Es ist wie Leben im Angesicht des Feindes. Aber in dieser Situation wird der Tisch gedeckt. Lieblingsessen. Gemeinsames Essen. Apfelkompott auf der Zunge schmecken. In mir bleiben diese Erinnerungen. Gemeinsam essen, gemeinsam leben, trotzdem. Dem Tod trotzen mit einem gedeckten Tisch und so ein Zeichen setzen.

Schließlich bleibt Psalm 23 nicht am gedeckten Tisch stehen, sondern geht noch weiter. Wer den Psalm zuende spricht, betet schlussendlich: „Ich werde bleiben im Hause Gottes immerdar.“ (Psalm 23,6) Bis dahin erinnern mich Dippekuche, Apfelkompott, Sauerbraten und Kohlrabi an liebe Menschen und an die Ewigkeit.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

04JUL2026
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Man hört ja oft: es steht nicht gut um die Kirche. Die Mitglieder werden weniger. Es muss gespart werden. Gemeindehäuser schließen, auch Kirchen. Gemeinden werden zusammengelegt. Das macht alles keine gute Laune. Dabei geben sich in den Gemeinden und in den Kirchenleitungen ganz Viele ganz viel Mühe.

Vor einem Monat war ich auf dem Jugendkirchentag in Alsfeld in Oberhessen. Der Jugendkirchentag findet alle zwei Jahre an einem anderen Ort unserer Landeskirche statt. Für vier Tage kommen zwischen vier- bis fünftausend Jugendliche zusammen. Es gibt Gottesdienste im Schwimmbad, kreative Mitmachangebote, wie Taschen aus alten Werbebannern nähen oder Graffitikunst machen, Turmklettern und sich abseilen oder Lebendkicker spielen, Konzerte, Danceparties und Andachten im Kerzenschein, Diskussionen über Churchfluencer oder zur Wehrpflicht. Der größte Teil des Programms wird von Jugendlichen für Jugendliche gemacht. Voll das Engagement.

An einem Abend schaue ich mir die Danceparty in der mittelalterlichen Walpurgiskirche an. An Wänden und Decken zucken Scheinwerfer und Lichter. Wo sonst Stühle stehen, tanzen an diesem Abend Teenager. Im Bogen vor dem Altar hängt ein großes fünfhundert Jahre altes Triumphkreuz. Jesus am Kreuz, Maria und Johannes daneben, auch sie sind vom Discolicht beleuchtet.

Der nächste Song wird gespielt: „Son of a Preacher Man“ von Dusty Springfield. Ein Soulklassiker aus den Sechzigern. Die Jugend tanzt dazu. Sie kann auch gut mit alten Songs. Ich stehe am Rand und wippe leicht im Takt.  Mir gefällt der Kontrast zwischen dem fünfhundert Jahre alte Kruzifix und den Fünfzehnjährigen, die darunter tanzen. Sie erleben hoffentlich, dass Kirche ein Ort für Jugendliche sein kann – nicht nur an diesem Abend im Discolicht.

Mmh – Son of a Preacher Man – Sohn eines Predigers. Jesus hat man doch einen Wanderprediger genannt. Und wir Christenmenschen sind alle die Nachkommen dieses Predigers, des Preacher Man Jesus Christus.

In diesem Moment beschleicht mich das Gefühl, dass es um die Kirche doch gar nicht so schlecht bestellt ist.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

03JUL2026
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Für mich schmeckt Dippekuche mit Apfelkompott nach Leben. Dippekuche heißt es bei uns zuhause, hochdeutsch würde man Topfkuchen dazu sagen. Die Zutaten sind geriebene Kartoffeln und Zwiebel, Ei, Dörrfleisch, Salz, Pfeffer. Alles zu einem Teig verrühren; Teig in einen Bräter füllen und ganz lange im Backofen backen. Die Kruste sollte ganz dunkel sein und beim Reinbeißen krachen. Dazu gibt es Apfelkompott.

Dass dieses Essen für mich nach Leben schmeckt, das liegt daran, dass es das letzte Mittagessen war, das ich gemeinsam mit meiner schwer kranken Oma gegessen habe. Eine Woche später ist sie gestorben.

Rheinischer Sauerbraten und Kohlrabi schmecken für mich auch nach Leben. Eine sterbenskranke Freundin hat sich Sauerbraten und Kohlrabi gewünscht. Wir haben es ihr gekocht, und dann haben wir es zusammen am Mittagstisch im Hospiz gegessen. Ein paar Tage später ist sie gestorben.

In der Bibel, in Psalm 23, sagt ein Mensch zu Gott: „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.“ (Psalm 23,5) Lange habe ich mit diesem Satz nichts anfangen können. Jetzt denke ich, der Feind, das ist der Tod. Zu wissen, dass ein Mensch bald sterben wird, ist fürchterlich. Es ist wie Leben im Angesicht des Feindes. Aber in dieser Situation wird der Tisch gedeckt. Lieblingsessen. Gemeinsames Essen. Apfelkompott auf der Zunge schmecken. In mir bleiben diese Erinnerungen. Gemeinsam essen, gemeinsam leben, trotzdem. Dem Tod trotzen mit einem gedeckten Tisch und so ein Zeichen setzen.

Schließlich bleibt Psalm 23 nicht am gedeckten Tisch stehen, sondern geht noch weiter. Wer den Psalm zuende spricht, betet schlussendlich: „Ich werde bleiben im Hause Gottes immerdar.“ (Psalm 23,6) Bis dahin erinnern mich Dippekuche, Apfelkompott, Sauerbraten und Kohlrabi an liebe Menschen und an die Ewigkeit.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

02JUL2026
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Ein mächtiges Sommergewitter. Starker Regen. Tropfen so groß, dass sie im Gesicht ein bisschen weh tun. Es blitzt und donnert gleichzeitig. Blitze krachen in den Acker. Das Gewitter über ihm. Er mittendrin. Ein junger Mann, 21 Jahre alt, Jurastudent. Er hat solche Angst und ruft in seiner Not: „Heilige Anna hilf. Dann will ich Mönch werden.“ Er überlebt das Unwetter. Keine zwei Woche später klopft er an der Pforte eines Augustinerklosters an. Er löst ein, was er in seiner Not gelobt hat, und wird Mönch.

Der junge Mann heißt Martin Luther. Die Geschichte von dem Gewitter soll heute vor 521 Jahren, am 2. Juli 1505, auf einem Acker bei Stotternheim passiert sein.

Aber ob es dieses Gewitter und das Gelübde, Mönch zu werden, wirklich gegeben hat, das wissen wir nicht. Heutzutage vermutet man, dass der junge Martin es nur behauptet hat, damit er sein Jurastudium abbrechen und ein anderes Leben beginnen konnte.

Von einem Martin Luther, der Jahre später die Kirche reformieren würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt niemand etwas. Trotzdem gibt es eine Verbindung vom Gewitter in Stotternheim zur Reformation der Kirche.

Denn ein wesentliches Thema der Reformation ist die Freiheit des Menschen. Martin Luther hat herausgearbeitet, dass der Christenmensch in Fragen des Glaubens frei ist. Er braucht keinen Vermittler auf der Erde, sondern er steht unmittelbar vor Gott. Man könnte sagen: „Bist doch selbst groß. Kannst für dich selbst sprechen.“

Im Gewitter von Stotternheim war Martin Luther noch der unfreie Martin, abhängig von Autoritäten und wenig mutig, um seine Entscheidungen vor anderen eigenständig zu vertreten.

Ein paar Jahre später hat er erkannt, dass Jesus Christus frei macht. Das hat ihm so viel Mut gegeben, dass er sogar ein Verhör vor dem Kaiser ausgehalten hat. Am Ende hat er sich getraut zu sagen: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir.“ Dabei war das gesellschaftliche Gewitter, das er damit ausgelöst hat, weitaus größer als das Unwetter bei Stotternheim.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

25MRZ2026
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Wenn es draußen wärmer wird, sehe ich wieder mehr Fahrradfahrer durch die Landschaft rollen und Joggerinnen durch die Wälder laufen. Wie wichtig Bewegung für den Körper ist, brauche ich nicht zu sagen. Aber wie wichtig der Körper für den Glauben ist, muss ich an dieser Stelle mal erwähnen.

Der Apostel Paulus hat einmal über den Körper geschrieben: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt?“ (1Kor 6,19a) Paulus sagt also, dass im Körper die göttliche Geistkraft wohnt. Das hat Folgen für meinen Umgang mit dem Körper, und es wirft die Frage auf: Wie gehe ich mit meinem Körper um?

Wahrscheinlich sollte ich meinem Körper mehr Aufmerksamkeit widmen. Wäre das eine Begründung für mehr Sport? Wer mag, darf das daraus ableiten. Sich ein leckeres Essen zuzubereiten, tut dem Körper aber ebenfalls gut. Aber sowohl beim Sport und als auch beim Essen gilt: achte auf das rechte Maß und auf einen liebevollen Umgang mit dir selbst. Sich selbst zu kasteien hilft genauso wenig, wie über die Stränge zu schlagen.

Doch es geht nicht nur darum, sich selbst Gutes zu tun. Genauso wichtig ist die Einsicht, dass eben jeder Körper ein Tempel des Hl. Geistes ist. Auch in einem schwachen oder kranken Körper wohnt Gottes Geistkraft. Sie wohnt sogar in einem Menschen, der seinen Körper nicht mag oder für unzulänglich erachtet.

Also lass dir sagen: du bist ein Tempel des Hl. Geistes. Gottes Geistkraft ist in dir. Das darfst du deinen Körper auch spüren lassen. Jetzt, wo der Frühling kommt, geh raus und lass dich von der Sonne bescheinen und spüre die Wärme auf der Haut. Du hast hat es verdient.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

24MRZ2026
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Ein alter, frommer Bäcker hat mir mal erzählt, dass er während der Arbeit oft betet. Brote formen und dabei ein Gebet sprechen. Und er hat gesagt: „Es braucht keine besondere Haltung, um zu beten. Man muss auch nicht die Hände falten. Hauptsache man sprichst mit Gott.“ Das ist sehr wahr. Und mir tut es gut zu wissen: ich brauche nicht so viel Aufhebens um das Wie des Betens zu machen. Einfach mit Gott reden, wann und wo auch immer.

Wie so oft gibt es auch eine zweite Perspektive. Ich habe nämlich mittlerweile zusätzlich festgestellt, dass es für mich gut ist, wenn ich auch mal eine besondere Gebetshaltung einnehme. Sogar Bewegungen können mir beim Beten helfen.

Wenn ich zum Beispiel dastehe und die Hände mit offenen Handflächen vor der Körpermitte halte, dann bin ich konzentriert. Ich stimme mich bewusster auf das Beten ein. Außerdem tut es gut, Routinen – auch die Routinen der Arbeit – zu unterbrechen.

Gott braucht es nicht, dass ich eine besondere Haltung einnehmen. Gott macht das Gebet nicht davon abhängig, wie ich beim Gebet dastehe, ob ich die Hände falte, oder ob ich gleichzeitig Brote forme.

Aber für mich macht es einen Unterschied. Ich erlebe das Gebet anders, je nachdem, wie ich dastehe oder mich bewege. Darum geht es nämlich auch beim Beten: dass ich etwas wahrnehme. Ich behaupte sogar, dass ich in dem, was ich mit dem Körper wahrnehme, Antworten von Gott finden kann. Das Gebet ist nicht einseitig – also, dass nur ich rede und Gott zuhört. Gott teilt mir ebenfalls etwas mit. Und dafür ist es gut, meine Sinne zu öffnen und meinen ganzen Körper als Sinnesorgan zu empfinden.

In der Sprache der Bibel klingt das so: „Darum freut sich mein Herz. Es jauchzt meine Leber. Mein Fleisch wohnt in Sicherheit, denn meine Kehle überlässt du [Gott] nicht der Unterwelt.“ (Ps 16,7-10; übers. v. S. Schroer/ T. Staubli) Das klingt doch nach ganzem Körpereinsatz und ich merke: Beten geht auf viele Weisen: nebenher, bei der Arbeit, als Unterbrechung der Routine, in Ruhe, mit Bewegung und mit dem ganzen Körper.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

23MRZ2026
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Haben Sie als Kind auch im Gras gelegen und in die Wolken geguckt? Die Wolken haben manchmal wie Tiere oder Figuren ausgesehen. Ich habe Hasen und mal eine Lokomotive am Himmel entdeckt. Manchmal sind die Gedanken mit den Wolken auf Reisen gegangen.

Heute ist Welttag der Meteorologie. Denn heute vor bald 80 Jahren haben die Meteorologen aus aller Welt vereinbart, dass sie bei Wettervorhersagen künftig zusammenarbeiten werden.

Das war eine schlaue Idee, denn eine Wolke macht nicht an Ländergrenzen Halt. Man hat erkannt, dass man das Wetter besser vorhersagen kann, wenn man länderübergreifend zusammenarbeitet. Seit dieser Zeit können extreme Wetterereignisse besser vorhergesagt werden, und man kann sich besser auf Naturkatastrophen vorbereiten.

Der Blick in die Wolken und die Frage, wie das Wetter wird, war von jeher wichtig. Ernten hängen vom Wetter ab. Transport und Verkehr ebenso. Unwetter können ganze Landstriche verwüsten. Wetter kann lebensbedrohlich werden. Weil das alles so ist, darum hat schon vor Urzeiten die Beschäftigung mit Wolken, Wind und Regen eine religiöse Bedeutung bekommen. Die Menschen haben sogar geglaubt, dass Gott auf den Wolken durch den Himmel fährt. Darum steht in einem alten Gebet in der Bibel: „Gott, Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagen und kommst daher auf den Fittichen des Windes.“ (Ps 104,3)

Mit Gott auf der Wolke hat die moderne Meteorologie natürlich nichts zu schaffen. Sie ist eine Naturwissenschaft. Auch ich habe damals, als ich im Gras gelegen habe, nicht gesehen, dass Gott auf der Wolken-Lokomotive unterwegs war.

Trotzdem schaue ich heute noch gerne in die Wolken. Es verschafft meinen Gedanken freien Lauf. Es unterbricht den Alltag. Wenn sich Figuren und Formen am Himmel bilden, komme ich auf Ideen. Auch mal in den Himmel zu schauen ist besser als immer stur geradeaus.

Ich habe auch keine Angst vor Höhenflügen. Denn, wenn ich aus dem Gras aufstehe, dann stehe ich immer wieder mit beiden Beinen auf der Erde und auf dem Boden der Tatsachen. Aber nach dem Blick in die Wolken fühlt es sich freier an als zuvor.

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03JAN2026
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Als Kind habe ich es komisch gefunden, wenn die Erwachsenen von „zwischen den Jahren“ gesprochen haben. Das hat mir zwar keine Angst gemacht, aber es war ein bisschen rätselhaft und geheimnisvoll. Ich habe es nicht verstanden. Was für ein „Dazwischen“ haben die Erwachsenen gemeint, wenn doch eigentlich das alte Jahr an Silvester um Mitternacht aufhört und zeitgleich, Schlag Zwölf, das neue beginnt.

Später habe ich gelernt „zwischen den Jahren“ ist die Zeit zwischen dem ersten Weihnachtstag und dem Dreikönigstag. Ganz früher hat man entweder an Weihnachten oder an Dreikönig den Beginn eines neuen Jahres gefeiert. Deswegen heißt die Zeit zwischen diesen Festtagen „zwischen den Jahren“.

Also ist „zwischen den Jahren“ doch gar nicht so rätselhaft und geheimnisvoll. Obwohl – es gibt nicht wenige Menschen, die gerade in dieser Zeit Horoskope lesen oder die Wohnung ausräuchern oder keine Wäsche waschen. Das sind alles irgendwie rätselhafte Gewohnheiten und Bräuche zwischen den Jahren. Sie sprechen dafür, dass es ein Bedürfnis gibt, den Übergang vom Alten zum Neuen zu gestalten.

Ich finde: die Kunst des Übergangs besteht besonders darin, nicht im Alten hängen zu bleiben, sondern vorwärts zu gehen. Ähnlich wie bei dem Satz, den Gott im Buch Jesaja spricht: „Ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.“ (Jes 65,17)

Also nach vorne leben, auch wenn ich selbst natürlich keinen neuen Himmel oder Erde schaffen kann. Aber in meiner kleinen Welt kann ich schon ein paar Dingen anpacken. Vor allem will ich mir nicht mehr alles zu Herzen nehmen.

Mein Brauch dazu ist eine Wanderung zwischen den Jahren. Möglicherweise allein und im eigenen Rhythmus gehen. Mich an das vergangene Jahr erinnern. Mir Empfehlungen für das Neue geben. Und sogar das Dazwischen hinter mir lassen, um mit Zuversicht dem Neuen entgegen zu gehen.

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02JAN2026
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Es ist eine grundlegende Überzeugung im Christentum, dass Gott jeden Menschen mit Würde ausgestattet hat. Auch in unserem Grundgesetz kommt diese Überzeugung zum Ausdruck, wenn es heißt: die Würde des Menschen unantastbar. Trotzdem muss ich feststellen, wie oft Menschen unwürdig behandelt werden. Darum finde ich es total wichtig, sich für die Würde einzusetzen. Und ich frage: was wäre, wenn Würde endlich würde – also geschehen würde?

Ich denke: Wenn Würde würde, dann wäre es Franzi egal, welche Kleidergröße sie hat und Metin wüsste gar nicht, was „in shape sein“ bedeutet.

Wenn Würde würde, dann würde miteinander anstatt übereinander gelacht werden.

Wenn Würde würde, dann würden wir uns gegenseitig etwas gönnen ohne  neidisch zu schauen. Und Donald würde nicht auf Grönland spitzen.

Ich glaube, wenn Würde würde, dann wäre die Frage „Was kann ich für dich tun?“ wichtiger als die Worte „Ich will haben!“

Wenn Würde würde, dann würde Frau Zimmermann im Pflegeheim gefragt werden, ob es in Ordnung ist, wenn man sie duzt.

Wenn Würde würde, dann würden Diskurse mit Argumenten in der Sache geführt und keine Person bräuchte persönliche Bedürfnisse in die Waagschale werfen.

Wenn Würde würde, dann würde Alexander angesichts von mehreren Millionen Opfern des Dritten Reiches nicht vom Vogelschiss sprechen.

Wenn Würde würde, dann wäre Würde bestimmt bald ein Fach in der Schule, weil man fürs Leben lernen soll.

Wenn Würde würde, dann würden die Frisörin Kim und die Pflegerin Melissa  angemessen entlohnt.

Wenn Würde würde, dann würden die Opfer von Missbrauch nicht nur gehört, sondern ihre Täter auch zur Rechenschaft gezogen.

Wenn Würde würde, dann würde fürs Tierwohl nicht nur Bobby, der Hund, gestreichelt werden, sondern auch Fanny, die Kuh, auf eine Weide gelassen.

Wenn Würde würde, dann wäre das für alle würdevoll und es würde ein gutes Jahr werden.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

01JAN2026
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Ich habe gehört, dass es im Französischen zwei verschiedene Worte für Zukunft gibt. Es gibt das Wort avenir und das Wort future. Avenir meint die Zukunft, die auf mich zukommt. Das, was mir geschieht oder widerfährt. Future ist die gestaltete Zukunft. Die Zukunft, die von mir gemacht wird, die ich selbst in die Hand nehme.

Mir leuchtet das ein, zwei Arten von Zukunft zu unterscheiden. Vor allem überzeugt es mich, Zukunft auch als das zu verstehen, was ich gestalten kann. Zukunft kommt mir nicht nur entgegen, sondern ich mache sie auch selbst.

Ich finde, dazu passt die Jahreslosung für 2026. Die Jahreslosung ist stets ein biblischer Satz als Motto für das neue Jahr. In diesem Jahr kommt die Losung aus dem Buch der Offenbarung und heißt: „Siehe, ich mache alles neu.“ (Offb 21,5) Das passt doch zu future, oder? Die Zukunft selbst in die Hand nehmen. Neu machen.

Wenn ich allerdings den Satz in der Bibel suche und lese, dann entdecke ich: nicht ich bin es, der die Zukunft macht, sondern Gott. Weil Gott sagt: „Ich mache alles neu.“

Also was jetzt? Muss ich doch alles einfach geschehen zu lassen? Nein, ich muss nicht alles geschehen lassen. Die Bibel ist nämlich genauso voll mit Sätzen, die mich ermutigen, die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

Die Wahrheit liegt also in der Mitte. Darum klingt in dem kurzen Satz „Ich mache alles neu“ beides an. Ich kann selbst etwas tun. Aber ich kann nicht alles selber machen.

Die Jahreslosung ist Ermutigung und Hinweis zugleich. Sie ermutigt mich, Dinge anzupacken. Selber zu machen. Gleichzeitig weist sie mich darauf hin, nicht überheblich zu werden. Es liegt eben doch nicht alles in meiner Hand. Vieles widerfährt mir. Ein Leben zwischen future und avenir.

Ich wünsche Ihnen für das neue Jahr Liebe, Mut und Stärke, um Ihre Zukunft in die Hand zu nehmen. Und gleichzeitig wünsche ich Ihnen Hoffnung, Gelassenheit und Vertrauen, um der Zukunft zu begegnen, die auf Sie zukommt.

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