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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

07FEB2026
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Ich bin beim Neujahrsempfang der örtlichen Tageszeitung, und die Chefredakteurin hat eine Schachtel mit Zetteln, mit denen sie vorstellt, was für sie zu gutem Journalismus gehört. Zum Beispiel, dass die Informationen richtig sind. Dass eine Journalistin unabhängig ist und transparent arbeitet. Dass die Artikel relevant sind für die Leserschaft. Es kommen noch eine ganze Reihe an Schlagworten, und dann kommt ein Zettel, der so gar nicht zu den anderen passt. Auf ihm steht: Hoffnung.

Damit hätte ich hier – mitten in der Redaktion der Zeitung – nicht gerechnet. Aber die Chefredakteurin sagt: „In einer Welt voller Krisen, Kriege und Unsicherheit braucht es auch das, was Mut macht und auf eine andere Zukunft hoffen lässt. Und auch das wollen wir in unseren Artikeln bieten.“

Hoffnung und Zukunft – je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr möchte ich, dass die beiden zusammengehören. Eine Zukunft ohne Hoffnung mag ich mir nicht vorstellen. Das wäre ganz schön trostlos.

Dass Zukunft nur mit Hoffnung geht, das lese ich auch in den alten Zeilen von Jeremia, einem der Propheten. Vor ungefähr 2500 Jahren schreibt er in Gottes Namen: „Ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben.“ (Jer 29,11) Auch damals bei Jeremia ist die Ausgangslage alles andere als rosig. Die Menschen sind aus der Heimat vertrieben worden und in dem Land fühlen sie sich unsicher und von Gott verlassen. Aber Jeremia ermutigt, dass es anders werden kann. Dass die Zukunft noch offen ist, und Gott nicht von ihrer Seite weicht.

Darauf möchte ich auch heute noch vertrauen. Und trotzdem kann ich nicht hoffnungsvoll in die Zukunft stürmen. Das muss ich auch gar nicht. Denn die Hoffnung ist eher von der feinen, leisen Sorte. Schnell wird sie übertönt von schlechten Nachrichten und Katastrophenmeldungen. Aber ich glaube, sie ist ausdauernd und findet ihre Nischen. Und wenn ich genau hinschaue, dann kann ich sie entdecken: bei Menschen, die nicht nur an sich selbst denken, sondern sich auch verantwortlich für andere fühlen. Wenn eine Kollegin für mich einspringt, weil bei mir gerade Land unter ist. Oder wenn jemand Position bezieht und eingreift, weil jemand anderes gerade abfällig behandelt wird.

Dass der Zukunft die Hoffnung nicht abhandenkommt, dafür mag ich etwas tun. Und auch wenn meine Möglichkeiten beschränkt sind, weigere ich mich, mich von dem lähmen zu lassen, was mich jetzt gerade bedrängt. Sondern ich halte Ausschau nach dem, was Blicke verändert, was Herzen verbindet und was meine Seele leichter macht.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

06FEB2026
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Bei mir ist noch Weihnachten. Zumindest ein bisschen – auch, wenn schon Anfang Februar ist. Tannenzweige, Krippe und Weihnachtskugeln sind zwar schon gut verpackt im Keller gelandet, aber vom großen leuchtenden Stern im Wohnzimmerfenster kann ich mich in diesem Jahr noch nicht trennen. Ich brauche sein Licht. Gerade jetzt, wenn das Grau sich an manchen Tagen hartnäckig hält und es viele Tage gibt, an denen es nasskalt und ungemütlich ist. Und auch die Weltlage ist weit davon entfernt mein Gemüt aufzuhellen.

Der Stern mit seinem Licht tut mir dann besonders gut. Denn er macht nicht nur mein Wohnzimmer hell, sondern er erinnert mich daran, dass Weihnachten weitergeht. Zu Weihnachten gehören für mich unbedingt die Weisen aus dem Morgenland, die dem Stern gefolgt sind. Es sind Gottessucher, die einen langen Atem haben. Die sich von widrigen Umständen unterwegs nicht aufhalten lassen. Und die in der Zukunft noch etwas erwarten. Damit sind sie für mich echte Vorbilder – auch noch im Februar.

Vor knapp 80 Jahren hat der Theologe Karl Rahner einen Text zu den Weisen aus dem Morgenland geschrieben, in dem er seine Leserschaft direkt anspornt: „Lasst auch uns auf die abenteuerliche Reise des Herzens zu Gott gehen! Lasst uns laufen! Lasst uns vergessen, was hinter uns liegt. Es ist noch alles Zukunft. Es sind noch alle Möglichkeiten des Lebens offen, …“
Und zu sich selbst sagt er: „Verzage nicht: der Stern ist da und leuchtet. (…) Warum schiebst du selbst die Wolken vor den Stern? Die Wolken der Verdrossenheit, der Enttäuschung, der Bitterkeit des Versagthabens (…)? Gib die Wehr auf: der Stern leuchtet!“[1]

Wie lange der Stern in meinem Wohnzimmer noch leuchten wird, weiß ich noch nicht. Und auch nicht, was heute auf mich zukommen wird. Aber ich möchte mich vom Stern anstiften lassen, mich aufzumachen und mein Herz offen zu halten – für das, was heute zwischen all dem Alltagsgrau durchscheint. Was mich innerlich stärkt und mich zufrieden sein lässt. Dann leuchtet der Stern – wie der Stern in der Weihnachtsgeschichte – dort, wo ich etwas von Gott finden kann.

 

[1]Aus: Karl Rahner, Von der seligen Reise des gottsuchenden Menschen. Gedanken zum Fest der Erscheinung des Herrn, in: Geist und Leben 22 (1949) 405-409

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

05FEB2026
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Es ist wieder mal jede Menge los. Zu viel los und eigentlich müsste alles gleichzeitig bedacht und getan werden. Ein riesiger Berg, der sich da vor mir auftürmt. Er scheint unbesiegbar.

Unbesiegbar und riesig – so wird auch Goliat in der Bibel beschrieben. Der Riese, der vierzig Tage lang morgens und abends herumbrüllt und die Israeliten zum Zweikampf auffordert. Und dann taucht David auf. Der kleine Hirtenjunge. Ihn hatte niemand auf dem Schirm. Wie auch. Zu jung, zu unerfahren, zu klein und zu schwach. Und doch ist er es, der sich Goliat stellt und ihn am Ende nur mit einer Steinschleuder besiegt.

Schon als Kind mochte ich die Geschichte, und dass es da um Krieg und Gewalt geht, habe ich damals gar nicht so sehr bemerkt. Für mich zählte Davids Mut, und dass ein Schwacher einen Stärkeren besiegen kann.

Wenn ich heute die Geschichte lese, dann fasziniert mich an David vor allem, wie er in der Situation handelt. Ich mag, dass er angesichts der Größe von Goliat nicht wie alle anderen vor Angst in Schockstarre verfällt, sondern dass er sich der Situation stellt. Auch wenn es so nicht geplant war. Eigentlich sollte David nur zu seinen Brüdern gehen und schauen, ob es ihnen gut geht, nicht kämpfen. Aber an der Front angekommen merkt David irgendwie: Hier bin ich gefragt. Jetzt muss ich ran. Für mich heißt das: David schafft es in der Stresssituation, auf sein Herz zu hören und zu handeln.

Und damit nicht genug. Ich schätze an David, dass er weiß, was er kann und was ihn stark macht. Und das ist nicht die Rüstung, in die man ihn vor dem Kampf stecken will. Im Gegenteil. Als ihm König Saul den Helm auf den Kopf setzt und den Brustpanzer überstreift, da sagt David: „Ich kann in diesen Sachen nicht gehen, ich bin nicht daran gewöhnt.“ (1 Sam 17,39). Schnell legt er die Rüstung wieder ab und tritt dem Riesen mit dem entgegen, was er kennt: nämlich mit Hirtenstab und Schleuder in der Hand, fünf Steinen in der Tasche und einer großen Portion Gottvertrauen.

Von David kann ich vier Dinge lernen, die tragen, wenn es ernst wird: zum einen auf die innere Stimme zu hören. Dann die Frage: wofür will ich wirklich stehen und meine Kraft einsetzen? Als nächstes, dass ich darauf vertraue, was ich kann und was mir in ähnlichen Situationen schon einmal geholfen hat. Und zu guter Letzt: zuversichtlich bleiben, dass es gut gehen kann.

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SWR1 3vor8

01FEB2026
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Es ist noch früh heute Morgen, aber ich mute Ihnen dennoch direkt ein Fremdwort zu: „makarios“. Makarios ist griechisch und heißt übersetzt „selig“. Und wer heute einen katholischen Gottesdienst mitfeiert, wird dieses Wort in den so genannten Seligpreisungen ganz oft hören. Da heißt es zum Beispiel: „Selig sind, die Frieden stiften“ oder „Selig die Trauernden“ (Mt 5,1-12a).

Makarios bedeutet aber nicht einfach nur „selig“. Es ist viel mehr und meint eigentlich eine Seligkeit, die alles umfasst. „Makarios“, „selig“ bin ich, wenn alles einfach passt. Wenn es nichts mehr auszusetzen gibt. Wenn ich aus tiefstem Herzen zufrieden bin, unabhängig davon, wie meine Lebenssituation gerade ist. Selig sein – das gehört ganz eng zu der Vorstellung, wie es bei Gott sein soll.

Bei der katholischen Theologin Annette Jantzen[1] habe ich etwas ganz Interessantes gelesen. Es gehört in die Kategorie „Spezialwissen“. Sie schreibt, dass das Wort „makarios“ in der Bibel außer in den Seligpreisungen nur noch in der Szene vorkommt, in der sich Maria über ihre Schwangerschaft freut. Maria sagt da über sich selbst: „von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.“ (Lk 1,48)

Selig sein, bedeutet doch dann: in Maria, aber auch in mir und in allen Menschen steckt ein göttlicher Kern, der wachsen und geboren werden wird. Wie ein Kind. Das kann ich nicht selbst machen, sondern ist ein Geschenk. Ein Versprechen, dass Gottes Seligkeit grenzenlos ist und dass es in mir passiert, ohne dass ich dafür etwas tun muss.

Das im Hinterkopf, lese ich die Seligpreisungen nochmal anders. Gerade den Menschen, die leiden, traurig, arm, verfolgt oder einsam sind, ist Gottes Nähe zugesagt. Gerade mitten in der schweren Lebenssituation findet Gott mich. Dann wächst Gottes Nähe in mir, nicht immer spürbar, aber einfach präsent.

Diese Präsenz Gottes in meinem Leben ist so schwer und gleichzeitig so schön zu glauben. Vielleicht kann ich es mir immer wieder bewusst machen, wenn ich glückselige Momente erlebe, wenn ich ein bisschen „makarios“ bin: Ja, Gott ist tatsächlich in mir.

 

[1]4. Sonntag im Jahreskreis A // zum Evangelium | Gotteswort, weiblich (aufgerufen am 21.01.2026)

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SWR1 3vor8

28DEZ2025
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In meinem Freundeskreis gibt es gerade viele, deren Eltern alt werden. Und ich bin beeindruckt, wie sie damit umgehen.

Zum Beispiel Michael. Seine Mutter ist gerade 90 geworden. Mit ein bisschen Unterstützung hat sie lange Zeit alleine wohnen können. Michael hat organisiert, dass jemand seiner Mutter mittags Essen bringt. Und dass sie einen Notknopf hat, falls sie stürzt. Aber nun hat das nicht mehr gereicht. Es war klar, jemand muss bei ihr im Haus sein, weil er selbst eine gute Stunde entfernt wohnt. Ein paar Wochen hat er sie zu sich geholt. Mitten in seinem Alltag war er Tag und Nacht für sie da. Aber auf Dauer ging das nicht. Michael war am Ende seiner Kräfte, und für ihn war klar: „Meine Mama soll in ihrem vertrauten Umfeld sein, und ich besuche sie ein Mal die Woche.“ Es war nicht leicht, aber nun hat er eine Pflegekraft gefunden, die zu seiner Mutter gezogen ist.

Anders ist es bei Katharina. Sie wohnt mit ihrer Familie im selben Haus wie ihre Eltern. Sie ist Tag und Nacht verfügbar, wenn die Eltern Hilfe brauchen. Beim Strümpfe anziehen, einkaufen, zum Arzt gehen. Da hängt richtig viel an ihr. Aber Katharina sagt: „Sie waren ihr ganzes Leben für andere da. Erst für die eigenen Eltern, dann für verwandte Tanten und Onkel und auch für meine Geschwister und mich. Jetzt sind sie mal dran!“

Michael und Katharina. Sie ploppen in meinem Kopf auf, wenn ich heute im katholischen Gottesdienst Worte aus dem Buch Jesus Sirach höre, und es da heißt: „Kind, nimm dich deines Vaters im Alter an“ (Sir 3,12), „Wer seine Mutter ehrt, sammelt Schätze“ (Sir 3,4).

Für die Eltern da sein, sie ehren – das heißt: Tu das, was du kannst, damit sie auch im Alter gut leben und ihre Würde behalten können. Gerade, wenn sie gebrechlich, pflegebedürftig oder dement werden. Und versuche trotzdem auch, auf dich selbst zu achten. Darauf, dich nicht zu überfordern und auch andere Hilfen mit einzubinden. Aus den Gesprächen mit Michael und Katharina weiß ich: das ist nicht immer einfach, und es kostet Nerven, wenn der schwerhörige Vater das Hörgerät nicht benutzt. Oder wenn man diskutieren muss, dass die Mutter sich besser nicht mehr hinters Steuer setzt. Da kann ein ganzer Gefühlscocktail zusammenkommen – und das scheint völlig normal zu sein.)Eine Mischung aus sich überfordert fühlen, genervt sein, sich nach Alternativen umsehen, ein schlechtes Gewissen haben, aber eben auch die große Liebe zu den Eltern.

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

30NOV2025
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Es sind uralte Klänge, die uns an diesem ersten Adventsonntag begrüßen. Klänge, die ganz behutsam in alte Zeiten zurücktragen.

Wir sind ungefähr im Jahr 900 im Kloster Einsiedeln in der Schweiz. Dort ist vermutlich die Melodie zum Hymnus „Veni redemptor gentium“ entstanden. Es ist das älteste Lied für die Adventszeit. Den Text hat Ambrosius von Mailand bereits im 4. Jahrhundert geschrieben.

Veni redemptor gentium, ostende partum virginis;
Miretur omne saeculum: talis decet partus Deum.

Musik 1

“Veni redemptor gentium“, wörtlich übersetzt heißt das: „Komm, Erlöser der Völker“.
Das ist keine harmlose Bitte im Sinne von: wenn es dir passt, komm doch vorbei. Sondern da ruft ein verzweifelter Mensch nach dem Erlöser. Und „Erlöser“ - das war im biblischen Zusammenhang jemand, der einen anderen Menschen, der Schulden gemacht hatte und deswegen als Sklave arbeiten musste, freikaufen, ihn auslösen konnte. Jemand, der also aus einer Situation befreit, aus der man sich selbst nicht helfen kann.

Musik 2

Ich glaube, diese Sehnsucht, herausgeholt zu werden aus dem, was gefangen hält, haben Menschen zu jeder Zeit gespürt. Wie groß ist der Wunsch, befreit zu werden aus bedrängenden äußeren Lebensumständen, zum Beispiel wenn das Geld am Monatsende nicht reicht, eine schwere Krankheit das Leben einschränkt oder es in der Familie Streit gibt.
Und dann gibt es auch noch das, was mich innerlich unfrei macht. Wenn das Gedankenkarussell nachts nicht aufhört sich zu drehen oder Selbstzweifel an mir nagen.

Und so haben Generationen durch die Jahrhunderte hindurch diesen Adventshymnus gesungen. Erst in Latein und dann rund 1000 Jahre später auch in Deutsch, als Martin Luther die lateinischen Strophen ins Deutsche übertragen hat.
Und auch heute noch ist das Lied im katholischen Gotteslob zu finden. Dort beginnt es mit den Worten:

Komm, du Heiland aller Welt
Sohn der Jungfrau mach dich kund.
Darob staune, was da lebt:
also will Gott werden Mensch.

Gott will Mensch werden. Aber wie? Und wer ist Jesus Christus dann? Mensch oder Gott? Oder beides? Im 4. Jahrhundert haben die Theologen darüber heftig gestritten und wurden nicht müde zu betonen: Das Kind, das Maria geboren hat, ist ein echtes Menschenkind. Es muss gestillt und gewickelt werden. Es ist auf andere angewiesen wie jedes Baby.
Aber zugleich ist es wirklich Gott. Gott, der erlösen und befreien kann, und der Licht ins Dunkel bringt, wie die Sonne.

Wie die Sonne sich erhebt
und den Weg als Held durcheilt,
so erschien er in der Welt,
wesenhaft ganz Gott und Mensch.

Musik 2

Ganz Gott und ganz Mensch. Mit dem Verstand ist das kaum zu erfassen. Da braucht es Herz und Emotionen. Und was wäre da nicht besser geeignet als die Musik?

Musik 3

Wie der Hymnus damals zur Zeit von Ambrosius geklungen hat, wissen wir heute nicht mehr. Aber Augustinus, der zur gleichen Zeit gelebt hat, beschreibt, wie die Gesänge auf ihn gewirkt haben. Er schreibt: „Die Weisen drangen an mein Ohr, und die Wahrheit flößte sich ins Herz […]: die Tränen flossen, und mir war wohl bei ihnen“ (Bekenntnisse 9, 14).

Auch bei mir geht dieses Adventslied direkt vom Ohr ins Herz. Und die alten Klänge tragen meine Sehnsucht Richtung Weihnachten.

 

Komponist:

T: nach Ambrosius von Mailand „Veni redemptor gentium“

Ü: Markus Jenny 1971

M: Einsiedeln 12 Jh. / Martin Luther 1524

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SWR1 3vor8

30NOV2025
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Es sind dramatische Worte, die heute diejenigen hören, die in einem katholischen Gottesdienst sind. Da ist die Rede davon, dass die Sonne finster wird. Und, so heißt es dann: „der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden“. (Mt 24,29) Alles gerät aus den Fugen. Endzeitstimmung. Von wegen heimelig-schöner Advent.

Dass der Advent auch eine aufrüttelnde, ja sogar erschütternde Zeit sein kann, die mich weiterbringen kann, habe ich bei Alfred Delp gelernt. Er war Jesuitenpater und wurde von den Nazis hingerichtet. Er hat erlebt, wie die Welt aus den Fugen gerät. Wie unmenschlich und grausam es zugehen kann. Und vermutlich schreibt er gerade deshalb: „Der Advent ist eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll, zu sich selbst.“ Und weiter schreibt er, dass, gerade wenn man hilflos ist, und die Welt über einem zusammenbricht, dass einen dann „goldene Fäden erreichen können“, die sich zwischen Himmel und Erde aufspannen.

Es sind sperrige Worte von Alfred Delp, und ich musste seine Zeilen ein paar Mal lesen. Doch mich lässt der Satz nicht los, dass der Advent mich erschüttern soll, und ich wach werden soll zu mir selbst. Das heißt doch, dass ich mich mit mir selbst konfrontiere und mir Zeit nehme zu entdecken, wer ich als Mensch bin. Was mich ausmacht, aber auch welche offenen Stellen ich mit mir rumtrage. Wo ich noch hinter meinen Möglichkeiten zurückbleibe und auch mit anderen nicht gut umgehe.
Das anzuschauen, ist kein Spaziergang. Es ist herb zu erkennen, dass mir nicht alles gelingt. Und ich fühle mich ohnmächtig, wenn ich merke, dass ich nicht alles selbst in der Hand habe, dass ich verletzlich und endlich bin.
Aber ich habe in solchen Momenten auch schon die „goldenen Fäden zwischen Himmel und Erde“ entdeckt, von denen Alfred Delp schreibt. Wenn ich mich selbst wahrnehme und aushalte, was ist, dann kann ich auch etwas von Gott erahnen. In einer Kraft, die mir zukommt und die mich aufrichtet, wenn ich innerlich fast zusammenfalle. Ich denke da auch an Nina, die seit Jahren an einer chronischen Krankheit leidet. Sie ist sehr reflektiert und denkt oft über ihre Situation nach. Ich bewundere sie für ihre Stärke, die sie aufbringt, um mit ihrer Krankheit zu leben. Sie macht mich sogar immer wieder auf schöne Dinge aufmerksam und kann anderen Menschen Kraft geben. Ihre Krankheit ist erschütternd, aber an Nina werden mir die goldenen Fäden deutlich, die sich zwischen Himmel und Erde aufspannen – trotz allem.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

29NOV2025
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Heute schon an Dreikönig denken? Gar nicht so abwegig. Der Adventskalender „Der Andere Advent“ macht das in diesem Jahr auch. Unter dem Motto: „Und sie holten ihre Schätze hervor“ gibt es Texte, die mich auffordern nachzudenken oder die mich zum Schmunzeln bringen.
„Und sie holten ihre Schätze hervor“ – das ist ein Zitat aus der Weihnachtsgeschichte. Gemeint sind die Weisen aus dem Morgenland, die zu Jesus kommen und ihm Geschenke mitbringen: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Nicht gerade typische Geschenke für ein Neugeborenes, aber Geschenke mit Bedeutung.

Gold ist wertvoll. Ein kostbares Geschenk für einen König. Mit dem Gold sagen die Weisen: du, Jesus, bist das Kostbarste und Wertvollste, das es für uns auf Erden gibt.
Weihrauch duftet kräftig, wenn man es verbrennt. Man verwendet Weihrauch vor allem bei Gottesdiensten. Es verbindet die Erde mit dem Himmel und trägt die Gebete der Betenden zu Gott. Vom Weihrauch gehen auch heilende Kräfte aus, so wie von Jesus, der Menschen geheilt hat.
Und dann ist da noch die Myrrhe. Das ist ein Harz, das man in das Öl für die Totensalbung gemischt hat. Es deutet darauf hin, dass es auch herbe, bittere Erfahrungen im Leben gibt, und es erinnert daran, dass alle Menschen, auch das Jesus-Kind, irgendwann sterben werden. Aber auch, dass wir selbst im Tod bei Gott aufgehoben sind.

Die Macherinnen und Macher des Adventskalenders haben sich davon inspirieren lassen und fragen: „Was sind eigentlich unsere Schätze?“ Und die Chefredakteurin Iris Macke ermuntert dazu, „mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und so zu entdecken, wie viel Schönes es darin gibt.“

Dieser Schatzsuche schließe ich mich gerne an. Ich möchte aufmerksam sein für die kostbaren Dinge, die, wie Gold, Glanz in meinen Alltag bringen. Das kann manchmal nur eine Liedzeile sein, die mich tröstet.
Heilsam, wie Weihrauch, ist es für mich, wenn ich es schaffe, am Tag einen Moment bewusst innezuhalten und zu beten. Dann bekommt manches, was erdenschwer ist, eine himmlische Leichtigkeit an die Seite.
Und beschenkt werde ich, wenn mir jemand sein Vertrauen schenkt. Selbst dann, wenn es bittere Erfahrungen, Myrrhe-Erfahrungen, sind. So wie neulich Petra, die mir von der Freundin ihres Sohnes erzählt hat, die sich mit dem Leben so schwertut und es an manchen Tagen nicht aus dem Bett schafft.

Gold, Weihrauch und Myrrhe – Schätze, die ich auch heute entdecken kann. Und ich bin gespannt, welche ich bis Weihnachten finden werde.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

27NOV2025
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Im Schwetzinger Schlosspark hat in den vergangenen Tagen jede Skulptur, die im Freien steht, ein Holzhäuschen drumherum gebaut bekommen. Der Park wird winterfest gemacht, und die Holzhäuschen sind dazu da, die Skulpturen vor Frost und Nässe zu schützen.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, auch mein Herz winterfest zu machen, es also auf die dunklen und oft belastenden Wintermonate vorzubereiten und zu schützen.

Ganz abschotten und einbauen, wie die Skulpturen im Schlosspark, möchte ich mein Herz natürlich nicht. Ich möchte schon noch mitbekommen, wie es den Menschen geht, mit denen ich zu tun habe. Möchte sensibel dafür sein, wenn jemand einsam ist oder mich berühren lassen, wenn mir jemand erzählt, dass es ihr gerade schlecht geht. Und genauso möchte ich spüren, dass mein Herz schneller schlägt, wenn ich in jemanden verliebt bin, oder wie mein Herz vor Freude schier zu platzen scheint, wenn ich im Konzert bin und die Musik mich ganz erfüllt.

Mein Herz winterfest zu machen, meint etwas anderes und ist irgendwas zwischen „ich möchte mich nicht abschotten“ und „ich möchte nicht allem schutzlos ausgeliefert sein“.

Die Bibel beschreibt dieses dazwischen mit dem Bild eines „festen Herzen“. Der Apostel Paulus schreibt an einer Stelle: „Lasst euch nicht (…) irreführen; denn es ist gut, dass euer Herz durch Gottes Gnade gefestigt wird.“ (Hebr 13,9).
Ein festes Herz haben – das heißt, dass ich weiß, was mich trägt und stützt. Was mir hilft, mich nicht verrückt machen zu lassen von dem, was jeden Tag so ansteht. Dass ich mich durch die Meinung von anderen nicht ständig verunsichern lasse. Und dass mich äußere Umstände, wie die Lage in der Welt oder das herbstliche Wetter, nicht gleich aus der Bahn werfen.

Doch wie soll das gehen? Das Herz fest machen, auch wenn es um mich herum kalt wird und stürmt? Die täglichen Herausforderungen bleiben. Und sie werden auch nicht kleiner, nur weil ich mir vornehme, mir weniger Sorgen zu machen.

In der Bibelstelle heißt es, dass das durch Gnade passiert. Dass es mir also geschenkt wird. Dass ich, wie bei meinem Herzschlag, nichts dafür tun kann. Mein Herz pocht ja auch von selbst.

Aber ich kann mir vorstellen, dass Gott um mein Herz ein Häuschen aus Liebe gebaut hat. Also eine Art Extra-Schutzschicht, die mich – wie die Skulpturen im Park – mittendrin im Leben sein lässt, aber mich eben auch, so gut es geht, vor bleibenden Schäden behütet. Und dieser Glaube allein, dieses Zutrauen könnte schon reichen, dass ich gut behütet durch den Winter komme.

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SWR1 3vor8

26OKT2025
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Ich denke gern über Worte nach, die etwas angestaubt sind. Das Wort „Demut“ ist eines davon. Ein Wort, in dem ganz viel Lebensweisheit steckt, aber auch eines, auf das man gut aufpassen muss. Denn das Wort darf nicht in falsche Hände geraten und benutzt werden, um andere runterzumachen. Demut meint auch nicht, dass ich mich selbst klein mache oder gar für wertlos halte. Doch was heißt es dann?

Der Abschnitt aus dem Lukasevangelium, der heute in katholischen Gottesdiensten zu hören ist, hilft mir, etwas besser zu verstehen, was Demut meint. Jesus erzählt in einem Gleichnis von zwei Menschen. Der eine macht auf den ersten Blick alles richtig. Heute würde man sagen, er lebt einfach und nachhaltig, verzichtet auf übermäßigen Konsum und spendet für die, die weniger haben. Der andere ist das genaue Gegenteil. Er denkt nur an sich und den eigenen Vorteil.
Beide gehen in den Tempel, um zu beten. Schnell wird dem einen klar: so wie ich bislang gelebt habe, kann es nicht weitergehen. Er betet: „Gott, vergib mir. Ich weiß, dass ich ein Sünder bin.“ (Lk 18,13). Der andere aber fühlt sich moralisch überlegen, schließlich führt er ein vorbildliches Leben und hat sich nichts vorzuwerfen. Hochmütig betet er: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen Menschen“ (Lk 18,11).
Jesus macht damit denen, die ihm zuhören, deutlich: egal, wie gut du lebst, halte dich nicht für etwas Besseres. Dieses Urteil steht dir nicht zu.

Und da sind wir wieder bei der Demut. Denn wer demütig ist, braucht die anderen nicht, um groß zu sein. Sondern schaut ehrlich auf sich selbst. Und kann dabei erkennen: da gibt es einiges, was wertvoll und liebenswert an mir ist. Was mir gelingt und was ich einbringen kann, damit es anderen dient. Aber ich gestehe mir auch ein, dass ich an Grenzen komme. Dass ich nicht immer so bin, wie ich mich gern nach außen gebe. Das erfordert Mut. Denn ich muss mich mir selbst stellen.

Wie es im Alltag gehen kann, weder in die Falle zu tappen, überheblich zu werden noch sich klein und ohnmächtig zu fühlen, zeigt eine jüdische Erzählung. Darin empfiehlt ein Rabbi seinen Schülern: „Jeder von euch muss zwei Taschen in seiner Jacke haben, um nach Bedarf in die eine oder andere greifen zu können: In der einen Tasche liegt ein Zettel, auf dem steht: ‘Ich bin Erde und Asche’, und auf dem Zettel in der anderen Tasche steht: ‘Um meinetwillen ist die Welt erschaffen worden’“.

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