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SWR Kultur Lied zum Sonntag

09NOV2025
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„Singe, du Volk des Herrn, das er aus Not erlöste.
Im Leid blieb er nicht fern; er kam, dass er dich tröste.“

Diese Worte nach Psalm 107 sind aus einem alten Lied des reformierten Dichters Matthias Jorissen. Hören wir in eine neue Bearbeitung hinein:

Musik

Heute ist der Gedenktag an die Reichspogromnacht im Jahr 1938. Mit ihr hat die letzte Phase der Ausgrenzung und systematischen Vernichtung der Juden in Deutschland begonnen. Ich denke heute an die Kirchenmusikerin Lili Wieruszowski. Bis 1933 hatte sie in verschiedenen Kirchengemeinden in Köln die Orgel gespielt. Doch dann erhielt sie plötzlich Berufsverbot. Nach den Rassegesetzen der Nationalsozialisten galt die evangelische Christin nun als Jüdin. Sie konnte in die Schweiz flüchten.
In ihrem Exil hat sie die Strophen des Psalmliedes neu formuliert. Die Worte einer ihrer Strophen passen zu ihrem eigenen Schicksal:

„Die schmachtend irreliefen, trostlos im fremden Land,
und die zum Herren riefen, der ihnen Wege fand …“

Musik

Lili Wieruszowski hat für sich einen Weg aus der Verfolgung gefunden. Aber wirkliche Sicherheit fand sie erst nach dem Krieg. Sie konnte überleben, doch nur in ständiger Angst, wieder ausgewiesen zu werden.In ihrer nächsten Strophe beschwört sie die Menschen, „die da gefangen saßen in Kerker und in Zwang“ und die nach Gott „schrien bang“, der „sie mächtig riss aus aller Finsternis“:

Musik

Lili Wieruszowski wurde als Jüdin geboren und als Christin erzogen. Auch Jesus wurde als Jude geboren – und er blieb sein Leben lang Jude. Nicht erst im „Dritten Reich“ hat die Kirche das vergessen. Unzählige Menschen wurden verfolgt und vernichtet – und die Kirche hat geschwiegen. Daran denke ich heute voller Scham und Trauer.Aber der Psalm wäre kein Psalm Israels, wenn er nicht von einer unbeirrbaren Hoffnung erzählen würde:

„Denen in Wind und Wellen wollt aller Mut entfliehn,
ihr Schifflein gar zerschellen, und die zum Herren schrien,
und er gebot der Flut, gab ihnen heimzureisen
in seiner treuen Hut: sollen den Herren preisen.“

Musik

Diese Worte sind fast nicht auszusprechen angesichts der Millionen, die nicht mehr „heimreisen“ durften. Und doch gibt es Israel, eine Heimat für Juden. Heute, am 9. November, denke ich an die entführten Geiseln, die überleben und heimkommen konnten. Und ich denke an die Juden in Deutschland. Ich wünsche mir, dass sie hier eine sichere Heimat haben.

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Musikangaben:

Titel / Lied: „Dankt, dankt dem Herrn und ehret“ (EG RWL 627)
Komponist:
T: Matthias Jorissen 1798 / Lili Wieruszowski 1942/1946
M: Loys Bourgeois / Michiya Azumi
Musik: Kammerchor der Hochschule für Kirchenmusik Heidelberg / Michiya Azumi / Chorfest Baden / „Nacht der Chöre“ / 05.07.2025 / St. Bonifatius, Emmendingen

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SWR4 Sonntags-/Feiertagsgedanken

26OKT2025
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Am Kragen meiner Jacken und Sakkos trage ich eine kleine gelbe Schleife aus Metall. Wenn ich was anderes anziehe, dann stecke ich auch die Schleife um. Seit ungefähr anderthalb Jahren trage ich sie. Die meisten Leute achten nicht darauf, sehen sie vielleicht nicht einmal. Nur wenige sprechen mich darauf an.

Aber neulich ist mir das innerhalb einer Woche gleich mehrmals passiert. Beim ersten Mal war es eine Touristin in Heidelberg auf der Straße, die an mir vorbeigegangen ist. Sie nickte zu meiner Schleife hin und sagte: „Beautiful!“ – „Schön!“  

Ja, die sieht schon ganz nett aus. Aber die Frau hat offensichtlich mehr gemeint. Kurz darauf hatte ich eine Tagung mit Kolleginnen und Kollegen. Zwei davon haben mich auf meine Schleife angesprochen. Wie toll sie die fänden. Und in der Uni-Bibliothek hat sich ein Student nach mir umgedreht und gesagt: „Ich danke dir für deine Unterstützung!“ Als ich ihn fragend anschaute, hat er erklärt: „Ich bin aus Israel.“

Ja, Israel. Ich habe die Schleife all die Zeit getragen, um zu zeigen: Ich denke an die Familien, deren Angehörige im Gazastreifen als Geiseln gefangen gehalten wurden. Und auch an die, deren Angehörige umgebracht wurden. Und meine Schleife bringt mich darüber ins Gespräch. Zum Beispiel, als ich eine Frau getroffen habe, die auch eine trug. Sie erzählte: „Meine Tochter ist von der Hamas ermordet worden.“ Ihre Tochter war mit einem Freund zu Besuch in einem Kibbuz gewesen. Dort wurden sie beide erschossen. Eigentlich hatten sie an diesem Tag zurückreisen wollen. Ich habe mich lange mit der Mutter unterhalten. Als wir uns voneinander verabschiedet haben, habe ich gesagt: „Jetzt denke ich bei meiner Schleife immer an Sie und an Ihre Tochter.“

Ja, und deshalb trage ich die Schleife immer noch. Gott sei Dank sind die letzten Geiseln jetzt endlich frei! Ich habe mich wahnsinnig gefreut, mit all denen, die sie jubelnd und singend empfangen haben. Aber viele Familien haben ihre Lieben nicht zurückbekommen. Zum Beispiel die Frau, die ich kennengelernt habe. Ich sehe die Fotos all der Ermordeten. Ich denke auch an die Palästinenser in Gaza, die von der Hamas im Grunde auch als Geiseln gehalten werden. Sie können dort ja nicht weg. Von den Terroristen werden sie als menschliche Schutzschilde benutzt. Und ich denke an Juden in Deutschland und in anderen Ländern, die von ihrer Unsicherheit und Angst erzählen.

Für all diese Menschen ist es nicht vorbei. Das Leid bleibt – und es kommt immer noch neues Leid dazu.

Meine kleine gelbe Schleife ist da gar nichts. Aber wenn ich damit zeigen kann: Ich habe all diese Menschen nicht vergessen – dann ist sie zumindest etwas.

Nicht vergessen, gedenken – das ist in der Bibel ein ganz wichtiger Punkt. Immer wieder bitten Menschen Gott: Vergiss uns nicht! Gedenke an uns! Erinnere dich! Und Gott verspricht auch immer wieder: Ich vergesse euch nicht.

Da ist die kleine Schleife für mich so etwas wie ein Knoten im Taschentuch. Für die Menschen, die um ihre Angehörigen gezittert haben – oder die nie aufhören werden, um sie zu trauern. Für Israel – das Land, in dem alle Menschen Anteil genommen haben an ihrem Leid. Und für die Juden in Deutschland, die immer wieder die Erinnerung wachgehalten haben.

Ich will mich daran erinnern, mich zu erinnern. Jeden Tag. So ist die kleine gelbe Schleife für mich auch ein Gebet. Ich gucke auf meine Schleife und schicke mein Gebet in den Himmel. Zum Gott Israels, dem Gott Jesu, dem Gott, der nicht vergisst, der sich erinnert, Tag und Nacht. Zu Gott, der mein Gebet hört.

Ja, es ist auch ein Gebet für all die Opfer des fürchterlichen Krieges, der mit dem Terrorangriff anfing. Die Menschen, in deren Wohnvierteln, unter deren Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern sich die Terroristen verschanzt haben.

Ich nenne den gelben Anstecker „meine Fürbittenschleife“. Eine kleine Schleife für ein riesiges Gebet gegen unermessliches Leid. Ich könnte nicht jeden Tag alle die vielen Gebete sprechen, die da nötig wären. Da hilft mir meine Fürbittenschleife. Wenn ich auf sie schaue, dann vergesse ich nicht. Nicht die Menschen in Israel, nicht die Juden in Deutschland, nicht die anderen Opfer des endlosen Schreckens.

Die Schleife wiegt kaum etwas. Aber das, was sie bedeutet, das wiegt eine ganze Welt. Die Welt, in der ich antworten will, wenn Gott fragt: „Mensch, wo bist du?“

Dann sage ich: Ewiger, ich bin hier. Und ich bete für deine Welt. An jedem Tag – und heute am Sonntag!

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Christian Hartung aus Kirchberg im Hunsrück von der evangelischen Kirche.

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

28SEP2025
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Musik

Ein junger Mann reist quer durchs Land, auf dem Weg zu einer Universität. Doch er kommt nie dort an. Er wird überfallen und ausgeplündert, irrt weiter, hin und her – gibt seine Studienpläne auf, findet aber endlich eine gute Anstellung. Glücklich schreibt er ein Lied – es wird eins der bekanntesten Kirchenlieder:
„Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit.“
Der junge Mann – Georg Neumark heißt er – ist überzeugt: „Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut!“ Heute, fast 400 Jahre später, schreibt der Chorleiter Klaus-Martin Bresgott neue Strophen auf die alte Melodie:

Musik
Mein Gott, im Widerstreit der Welten,
im Flug der Zeit vergeht mein Tun.
Ich weiß nicht, welche Ziele gelten,
mein Schlaf ist ein unsich’res Ruhn.
Ich suche nach dem Gleichgewicht
voll Sehnsucht und doch zögerlich.

Hin und her gerissen sein. Zu viele sich widersprechende Ziele. Den jungen Georg Neumark haben zur Zeit des dreißigjährigen Krieges vor allem äußere Einflüsse aus dem Gleichgewicht gebracht. Viele Menschen heute kämpfen damit in ihrem Inneren.
Wohin soll die Reise gehen? Wie komme ich zum Ziel? Ohne unterwegs ausgeplündert zu werden?

Musik
Ich stehe zaghaft vor der Freiheit,
die, Vater, du mir zugetraut.
Mein Herz ist bang und deine Klarheit
Erschreckt mich tief unter der Haut.
Mein Mut ist wie ein Emigrant,
sucht fragend Trost im fremden Land.

Freiheit. Wunderbar und oft ersehnt. Doch auch eine große Herausforderung.
Was erwartet Gott von mir? Offenbar geht es darum gar nicht. Gott erwartet nichts, Gott traut mir etwas zu. Aber ist mein Herz stark genug dafür? Reicht mein Mut?
„Mein Mut ist wie ein Emigrant ...“
Mein Mut zieht in die Fremde. Zögernd, zaghaft stolpere ich hinterher. Wo geht das hin?

Musik
Doch blitzt dein Segen in der Sonne,
lacht mir die Ewigkeit in dir.
Von Neuem spür ich voller Wonne
die Freiheit deiner Kraft in mir.
Im Morgentau und Mondeslicht
blickst, Vater, du mir ins Gesicht.

Segen. Lachen. Ein freundliches Gesicht. Es ist Gottes Freiheit, die mir Kraft gibt. Ja, so komme ich zum Ziel. Vielleicht nicht zu dem, das ich im Sinn hatte. Aber zu dem, das Gott für mich bereithält. So hat es auch Georg Neumark erlebt. Hören wir ihn zum Schluss noch einmal selbst:

Musik
Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichen Segen,
so wird er bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

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Musikquellen
Choral: Gut. 500 Jahre Evangelischer Choral. Athesinus Consort Berlin, Klaus-Martin Bresgott
Komponist

T: Georg Neumark / Klaus-Martin Bresgott (Strophen 4 - 6)
M: Georg Neumark / Satz: Georg Neumark / Felix Mendelssohn

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SWR4 Sonntags-/Feiertagsgedanken

10AUG2025
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Ich bin kein Prophet. Ich weiß nicht, was kommen wird. Umso aufmerksamer höre ich Propheten zu, wenn ich welchen begegne. Propheten – das sind Leute, die etwas gesehen haben. Die etwas jetzt schon wissen. Die tiefere Einsicht haben. Den größeren Weitblick.

Solche Leute gibt es auch heute. Gar nicht so wenige. Wenn alles gut geht, dann werden sie auch gehört, zum Beispiel auf einem Rundfunksender oder in einer Zeitung. Prophet auf Sendung! Jetzt!

Vor 2500 Jahren gab es noch kein Radio. Aber auch da waren Propheten auf Sendung. Direkt von Gott ausgesandt und mit einer Botschaft losgeschickt.

Ein Prophet – Jesaja hieß er – hat damals seine Heimatstadt Jerusalem betrachtet: den Berg, auf dem Gottes Tempel stand. Gottes Haus in der Mitte der Stadt: Da konnte doch nichts mehr schiefgehen! Aber Jesaja hat Unheil und Verderben gesehen. Ungerechtigkeit und Korruption. Und dann einen großen Krieg.

Doch da gehen die Wolken über dem Tempel auf. Und der Prophet sieht noch viel mehr, er sieht weit über Unheil und Krieg hinaus: Der Berg, auf dem Gottes Haus steht – der wird größer sein als alle anderen Berge. Er wird sie alle überragen. Kein Krieg und kein Erdbeben können ihm etwas anhaben.

Und Jesaja sieht Menschen, unzählige Menschen. Von allen Seiten strömen sie auf den Berg mit Gottes Haus zu. Aber sie haben nicht Krieg im Sinn. Nein, sie wollen lernen. Sie wollen wissen, welche Wege Gott den Menschen zeigt. Wege zum Frieden, zum Glück, zu Gerechtigkeit. Wege dorthin, wo alles heil wird, wo alles endlich gut wird.

Jesaja sieht, wie Gott selbst den Streit schlichtet. Streit zwischen Völkern, zwischen mächtigen Staaten. Und dann bringen die Völker ihre Schwerter. Die schmieden sie zu Pflugscharen um. Und aus den Eisenspitzen ihrer Lanzen machen sie Winzermesser. Die Schwerter werden jetzt nicht mehr gebraucht! Kein einziges Volk braucht mehr Waffen. Niemand lernt mehr, wie Krieg geht.

Mein Gott, was für Bilder! Tröstend und voller Hoffnung – von Gott für sein Volk. Verkündet von seinem Propheten. Aber vielleicht sind sie doch zu großartig, diese Bilder? Ich fürchte, Jesajas Zeitgenossen konnten damit erstmal nicht viel anfangen. Sie wollten ihm nicht glauben. Jedenfalls nicht gleich. Später haben sie es dann doch aufgeschrieben. Und jetzt steht es seit über 2000 Jahren in der Bibel.

Vielleicht stimmt es ja doch, was die Propheten gesehen haben? Viele Menschen haben darauf gehofft. Zu den unterschiedlichsten Zeiten. Und ändert sich nicht schon etwas, wenn man darauf hofft? Fest daran glaubt? Auch heute?

Ja, ich weiß: Es klingt wie ein Märchen. Aber ich weiß auch: Wenn das Herz so voller Glauben und Hoffnung ist, dann kann sich etwas ändern. Ich weiß von Menschen, die so ein Herz haben. Ein Herz voller Glauben und Hoffnung. Voller Sehnsucht, dass die Menschen endlich den Weg zum Frieden finden. Oft leben solche Menschen dort, wo es am schlimmsten ist. Wo gar keine Hoffnung ist. Wo niemand an etwas anderes glaubt als an Hass und Gewalt.

Die Propheten in der Bibel, die haben in solchen schlimmen Zeiten gelebt. Und trotzdem die Hoffnung nicht aufgegeben. Dass die Welt nicht bleiben muss, wie sie ist. Dass Gott sich nicht einfach abfindet mit dem Unheil. Dem Unfrieden und Hass, der Gemeinheit.

Und sie haben auch den Weg gesehen, den Gott dorthin zeigt. „Gottes Weisung“ – in ihrer Sprache: „Tora“. So heißt bei den Juden der wichtigste Teil der Bibel. Das sind die ersten fünf Bücher, auch in meiner christlichen Bibel. Da drin stehen die Zehn Gebote. Zehn – und noch viel mehr. 613 insgesamt. Die sind wie ein Kompass. Ein Kompass, mit dem man sich auf den Weg machen kann.  Und das, was man nicht gleich versteht – über das muss man einfach immer wieder nachdenken. Und mit anderen darüber sprechen. Lernen. Ein ganzes Leben lang.

Damit kann man wirklich nie aufhören. Und nicht aufhören, auf wirklichen Frieden zu hoffen. Frieden, der mehr ist als eine Pause zwischen zwei Kriegen. Ja, das klingt wie ein Märchen. Aber wer diese Vision, dieses Prophetenbild einmal im Herzen hat, der vergisst das nicht mehr.

Und wenn Ihnen das Bild zu groß ist – dann gibt es eine ganz einfache Lösung: Machen Sie es kleiner. So dass es in Ihren Alltag passt. So wie man einen 200-Euroschein in Kleingeld wechselt, damit man damit bezahlen kann. Nehmen Sie dieses Kleingeld in Ihren Alltag: ein Lächeln, ein freundliches Wort, eine hilfreiche Hand. Denken Sie nicht, das nützt ja doch nichts! Wenn wir das alle üben, jeden Tag, dann fängt die Welt an, sich zu verändern – und so zu werden, wie der Prophet sie gesehen hat. Gott ist da, mitten unter uns. Und wo Gott ist, da ist jetzt schon Frieden.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

03AUG2025
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„Solang wir Atem holen, erweckt uns Gottes Ruf, ins Lied zu übertragen, wozu er uns erschuf.“

Mit diesen Worten beginnt ein moderner Psalm aus den Niederlanden. Der Pfarrer Sytze de Vries hat ihn vor 40 Jahren für ein Chorjubiläum geschrieben. Sein deutscher Kollege Jürgen Henkys hat die Worte treffend übertragen: „Einander zugewiesen als Farben eines Klangs sind wir im Chor des Lebens die Stimme tiefen Danks.“ Viele Farben hat dieser Klang. Keine darf dabei fehlen. Erst alle Farben zusammen machen diesen besonderen Klang aus. So loben wir Gott.

Musik: 1. Strophe
Solang wir Atem holen, erweckt uns Gottes Ruf, ins Lied zu übertragen, wozu er uns erschuf: Einander zugewiesen als Farben eines Klangs sind wir im Chor des Lebens die Stimme tiefen Danks.

Der Chor des Lebens. In ihm haben schon Generationen vor uns gesungen. Sytze de Vries hat eine alte walisische Choralweise für sein Lied ausgesucht. Auf diese Melodie gibt es im niederländischen Gesangbuch ein Lied über die heilende Kraft Gottes. Daran knüpft er an – seine Stimme und sein Atem waren krank, als er sein Loblied geschrieben hat. Davon erzählt die zweite Strophe: „Auch wenn die eigne Stimme mir ihren Dienst versagt, das Lied auf andren Lippen trägt, bis der Morgen tagt. Von Atemnot befallen, im Kummer stumm gemacht – das Hoffnungslied mit allen hat mich ans Licht gebracht.“
Es wird wieder Licht, auch für den Kranken. „Das Dunkel muss erbleichen vor Psalmen in der Nacht“, heißt es in der 3. Strophe:

Musik: 3. Strophe
Das Dunkel muss erbleichen vor Psalmen in der Nacht. Selbst Mauern können fallen: Singt denn aus aller Macht! Gott, lass es nie uns fehlen an Weisen und Gesang, die unsern Gang beseelen das liebe Leben lang.

Die Finsternis löst sich auf ins Morgengrauen. Neues Vertrauen, neue Hoffnung lassen den Druck auf der Brust nachlassen. Die Nacht weicht dem Licht eines neuen Tages. Angst und Not bleiben in den Schatten der Nacht zurück.
Viele stimmen nun gemeinsam das Loblied an. Es greift weit hinaus, über alle Not, alles Leid – bis ans Ende der Zeit. Die Bibel malt von diesem Ende ein hoffnungsvolles Bild: ein Hochzeitsfest, das allen Kummer auflöst. Schon hören wir Braut und Bräutigam näherkommen, hören Tanzmusik, fröhlichen Gesang: „Das Lied hebt seine Flügel und schwebt im Hoffnungswind.“

Musik: 4. Strophe
Das Lied hebt seine Flügel und schwebt im Hoffnungswind. Es übersteigt die Ängste um Leben, das verrinnt. Es blickt hinaus ins Weite, es atmet deinen Geist. Schon tönt in unserem Singen von fern das Hochzeitsfest.

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Titel / Lied:
„Solang wir Atem holen“ (nL+ 193)

Komponist:
T: Sytze de Vries 1985 / deutsch: Jürgen Henkys 2010
M: Llangloffan (traditionelle walisische Choralmelodie) / Bearbeitung: Kord Michaelis

Musik: Motettenchor Pforzheim, Leitung: Kord Michaelis. Livemitschnitt von der Nacht der Chöre auf dem Chorfest Baden in Emmendingen, 05.07.2025

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

22JUN2025
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Vorsichtig klopft sie an, die Musik. Dreht sich verträumt, selbstvergessen. Wie Lichtstrahlen, die durch ein Fenster fallen und in denen der Staub tanzt. So fängt es an. Mit Licht. Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht.

Musik „Du: Nenn‘ ich dich: Licht …“

„Du: Nenn‘ ich dich: Licht, nenn‘ ich dich: Sein.“

Musik „So groß. A.“

 

„So groß. A.“ So groß ist Gott. Alles fängt mit ihm an. Am Anfang schuf Gott …

„A und O“ nennt der Berliner Chorleiter Klaus-Martin Bresgott seine moderne Variation auf ein berühmtes Klavierstück aus dem 19. Jahrhundert. Komponiert hat dieses Stück der französische Komponist Erik Satie. Er hat es Gymnopédie genannt. Tatsächlich eine Art Tanz.

„So groß. A.“ Staub, der im Licht tanzt. Licht der Schöpfung. Tanz, aus dem Leben entsteht. Leben, das singt – zu Gottes Lob.

Selbstvergessen träumend höre ich zu. Und kann nicht anders als staunend einzustimmen:

„So groß. A.

Nenn ich dich: Zeit,

nenn ich dich: Ewigkeit,

nenn ich dich: Gott.

 

Musik: „Nenn‘ ich dich: Zeit, nenn‘ ich dich: Ewigkeit, nenn‘ ich dich: Gott.“

Beim Anfang bleibt es nicht. Weit spannt sich Gottes Ewigkeit über unsere Zeit. Sie spannt sich über Traurigkeit und Fröhlichkeit, über Widrigkeit und Leichtigkeit.

Gottesferne, Gottesnähe. A und O, Alpha und Omega, Anfang und Ende.

Von Gott ist mein Leben ausgegangen, in Gott mündet es wieder.

Musik: „So groß. A. Nenn ich dich: mein Gott. O.“

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SWR4 Sonntags-/Feiertagsgedanken

11MAI2025
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Fachleute sind gefragt. Im Radio, im Fernsehen, in der Zeitung – jeden Tag erklären sie uns die Politik, die Wirtschaft oder eine Gesundheitsfrage. Schon faszinierend, wie die Redaktionen immer wieder jemanden finden, der Bescheid weiß!

Das hätte ich gerne auch in meinem Alltag. Wenn ich nicht weiterweiß. Wenn eine wichtige Lebensentscheidung ansteht. Wenn es eng und schwierig wird. Wenn es mal nicht um die großen Fragen der Welt geht, sondern um die für mich nicht weniger großen meiner persönlichen Welt.

Aber wenn ich so darüber nachdenke: Auf eine Expertin konnte ich doch von Anfang an immer wieder zurückgreifen – auf meine Mutter. Wenn ich als Kind Kummer hatte. Oder später, als ich nicht wusste, was ich studieren soll. Bei allen größeren und kleineren Fragen des Lebens. Und noch später – als meine eigenen Kinder mit ihren Sorgen und Problemen kamen: Da hatte ich auch immer eine Expertin an meiner Seite, nämlich meine Frau. Natürlich wusste sie auch nicht immer weiter. Aber eines habe ich an ihr immer bewundert: Wie sie trösten konnte. Das tut sie heute noch, wo die Kinder längst erwachsen sind.

Ich glaube wirklich, im Trösten sind Mütter von Natur aus Expertinnen. Meist ein Leben lang, dann auch als Großmütter oder Urgroßmütter. Es gibt auch Mütter, die das nicht so gut können. Und leider auch welche, die das nicht einmal wollen. Vielleicht haben sie selber von ihrer eigenen Mutter zu wenig bekommen. Aber trotzdem: Trösten – das gehört doch schon immer zum Bild einer Mutter dazu!

Ja, nicht jede Mutter kann es gleich gut. Und natürlich können auch Väter und Großväter trösten. Einige können das sogar richtig gut! Aber – in der Regel kann die Mama es doch besser. Sie weiß genau, was hilft. Was gerade jetzt gefragt ist. Und die Oma, die kennt dann gleich noch ein Sprüchlein oder einen Liedvers. „Heile heile Segen.“ Und es wird wieder gut.

Auch erwachsene Kinder brauchen solchen Trost immer wieder. Wenn die Ehe in die Brüche geht. Wenn der Arbeitgeber einem kündigt. Oder wenn etwas richtig Schlimmes passiert. Eine schwere Krankheit. Ein Todesfall. Die Mutter tröstet, hört zu, gibt einen Rat. Ich kann mich ausweinen, aussprechen.

Heute, am Muttertag – da frage ich mich: Geben wir diesen Expertinnen eigentlich den Platz, der ihnen zusteht? Unsere Welt, die ist doch schon zuweilen recht trostlos. So vieles macht Angst, tut weh, löst Leid und Schmerz aus. Und hier, mitten unter uns, sind haufenweise Expertinnen! Sollten die nicht viel mehr beachtet werden? Damit die Welt getröstet wird?

Damit meine ich gar nicht einmal, dass Mütter gleich die Welt regieren sollen. Mir würde es schon reichen, wenn sie immer wieder um Rat gefragt werden, wenn es wirklich wichtig ist. Wenn sozusagen jeder Tag im Jahr ein Muttertag wäre. Wenn Mütter nicht nur einmal im Jahr einen Blumenstrauß bekommen würden. Sondern, wenn sie jeden Abend zur besten Sendezeit gefragt würden. Als Expertinnen: „Was leisten Sie – so nebenbei? In der Pflege Ihrer eigenen Eltern? Oder für die Bildung Ihrer Kinder? Was sagen Sie dazu, dass Ihre Kinder in den Krieg ziehen sollen?“

Wer fragt die Mütter? Etwa in einer Wirtschaftskrise, von der sogar die Milliardäre etwas merken – denn die stößt ärmere Menschen richtig in Not und Elend. Da sollte in der Tagesschau oder in der Radiosendung zwischen der Musik eine Mutter befragt werden: „Was heißt das für Sie und für Ihre Familie? Welche Erwartungen, welche Forderungen hätten Sie jetzt an Wirtschaft und Politik? Und welchen Rat würden Sie den Mächtigen mit auf den Weg geben?“

Und am nächsten Tag hieße die Schlagzeile auf allen Titelseiten: „Mutter fordert bezahlbare Lebensmittel!“ Oder: „Mütter für Gerechtigkeit in der Pflege“. Oder auch: „Weltmüttergipfel legt Friedensplan für die Ukraine vor“. Und an den Vorschlägen und Ratschlägen dieser Expertinnen käme keiner so leicht vorbei!

Wie viel mütterlicher, wie viel barmherziger sähe es da auf der Welt aus! Überhaupt: Barmherzigkeit. Das ist in der Bibel ein ganz wichtiges Wort. Ständig ist von Gottes Barmherzigkeit die Rede. Barmherzigkeit ist Gottes mütterliche Seite. Genauso wie das Trösten. „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“, sagt Gott einmal. Ohne Trost und Barmherzigkeit funktioniert die Welt einfach nicht. Davon erzählt die Bibel immer wieder.

Ja, davon muss einfach immer wieder die Rede sein. Nicht nur am Muttertag. Und überhaupt nicht nur an den Sonntagen. Immer. Und nicht nur geredet werden soll davon – wir brauchen Menschen, die barmherzig sind und die trösten können. Überall. Also brauchen wir überall Mütter, die das können und die anderen gerne zeigen, wie das geht. Damit unsere Welt mütterlicher wird.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Muttertag!

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

27APR2025
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„Herr! schicke, was du willst, ein Liebes oder Leides; ich bin vergnügt, daß Beides aus Deinen Händen quillt.”

Wer so betet, der gibt sich ganz hin. Er weiß: Nicht alles geht nach Wunsch. Aber: Auch das Unerwünschte nimmt sich leichter aus Gottes Hand.
Leid aus Gottes Hand? Das ist für mich ein schwer zu ertragender Gedanke! Doch dieser Beter bittet: Gott, teile du mir zu, was ich tragen kann! Und gib mir dann auch die Kraft, es zu tragen.

Herr! schicke, was du willt,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, daß Beides
Aus Deinen Händen quillt.

Der schwäbische Pfarrer und Dichter Eduard Mörike hat dieses Gebet geschrieben. Und der aus Köln stammende Komponist Max Bruch hat es als Chorlied vertont. Nun vereinigen sich mehrere Stimmen zum Gebet.

Eine wichtige Entscheidung hat Bruch gleich am Anfang getroffen. Die im gesprochenen Text unbetonte Anrede: „Herr! schicke, was du willt …“ – wird in diesem Chorsatz gleich dreimal gesungen und – sich steigernd – am Schluss besonders betont: „Herr! – Schicke, was du willt …!“ Damit zeigt die Musik an, warum der Beter sich so hingeben kann: Er gibt Gott sein Leben in die Hände, nennt Gott seinen Herrn – und nimmt nun aus Gottes Händen Freude und Schmerz, „ein Liebes oder Leides“.
Aber – so die Bitte – doch von beidem nicht zu viel:

Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!

So beginnt eine ältere Strophe, in einem anderen Rhythmus. Mörike hat sie als junger Schriftsteller einer seiner Romanfiguren in den Mund gelegt und erst viele Jahre später mit dem Gebet verbunden: „Wollest mit Freuden und wollest mit Leiden mich nicht überschütten! Doch in der Mitten liegt holdes Bescheiden.“

Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.

Dieses Gebet und seine Vertonung stammen aus dem 19. Jahrhundert. Mir ist beides auch heute wichtig: die Demut, auch das Schwere aus Gottes Händen nehmen zu wollen – und die Weisheit, dass beide ihr rechtes Maß finden müssen. Ich finde, so eine maßvolle, weise Demut macht frei. Ich quäle mich dann mit dem Leiden nicht mehr so ab. Ich weiß: Das Leid muss ein Maß haben. Aber die Freude auch. So viel, wie ich eben tragen kann. Alles andere soll Gott tragen. Er ist der Herr. Er wird mich nicht im Stich lassen.

Herr! schicke, was du willt,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, daß Beides
Aus Deinen Händen quillt.

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Gebet (Eduard Mörike / Max Bruch)
Komponist
T: Eduard Mörike
M: Max Bruch
Satzfassung: Klaus-Martin Bresgott

Mörike, Eduard / Bruch, Max: Gebet; Athesinus-Consort Berlin / Klaus-Martin Bresgott; CHORAL:GUT. 500 Jahre Evangelischer Choral; felicitas-records; LC 83632

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

02MRZ2025
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Musik

„Was brach da durch das Wintergrau / und schmückt das schwarze Beet so blau, / als ob's im Himmel wohne? / Die kleine Anemone: / Ich pflanzt' sie da genau.“

Anfang März: Die ersten Vorboten des Frühlings tauchen auf. Auch in Dänemark, wo unser Lied heute herkommt. Es erzählt davon, wie ein Pfarrer eine Anemone an der geschützten Stelle einer milden Insel ausgegraben und in seinen Pfarrgarten verpflanzt hat. Und jetzt streckt sie ihre blauen Blütenblätter in den rauen Wind der Nordseeküste – es scheint ihr nichts anzuhaben.

Musik

„Jeg tænkte, den må dø“ – „Ich dachte, sie muss sterben!“ So wundert sich der dänische Pfarrer über die Widerstandskraft der kleinen Blume.

Wir schreiben das Jahr 1943. Pfarrer Kaj Munk ist weit über die Grenzen seiner kleinen Gemeinde hinaus bekannt – er ist damals der meistgespielte Bühnenautor in Dänemark. Vor allem aber ist er die Stimme des Widerstands gegen die deutsche Besatzung. Unermüdlich schreibt und predigt er gegen die Gewalt und das Unrecht an. Dabei hält er sich fest an Jesus – den „Meister mit der schweren Dornenkrone“, wie er ihn einmal nennt. Und an Hoffnungszeichen aus der Natur wie die Anemone: Sie lebt – trotz der widrigen Umstände. Kaj Munk weiß, dass er selbst vielleicht bald sterben muss. Er sucht den Märtyrertod nicht. Aber wenn es sein soll, nimmt er ihn in Kauf.

Musik

„Jetzt seh ich sie sich wiegen ... / Sie lässt sich nicht besiegen … /, als gäbe ihr die Widrigkeit / nur eine größ're Sicherheit: / Wie eine Amazone / steht meine Anemone / und ist zum Kampf bereit.“

Kaj Munk war zum Kampf bereit. Im Dezember 1943 hat er verbotenerweise im Kopenhagener Dom gepredigt. Inzwischen hat auch in Dänemark die Verfolgung der Juden eingesetzt. Kaj Munk sagt: „Wenn man mit der Verfolgung einer Gruppe unserer Landsleute anfängt, nur um ihrer Abstammung willen, dann ist es christliche Pflicht der Kirche zu rufen: Das ist gegen das Grundgesetz im Reiche Christi, die Barmherzigkeit! – Dann wollen wir mit Gottes Hilfe versuchen, das Volk zum Aufruhr zu bringen.“
Nur wenige Wochen später wurde Kaj Munk von einem Sonderkommando der SS aus seinem Pfarrhaus geholt. Am nächsten Morgen fand man die Leiche des Erschossenen an einem Straßenrand.

Musik

Kaj Munk hat seinen Landsleuten nicht nur die Kraft zum Widerstand gegeben. Er hat ihnen Hoffnung gegeben. Hoffnung auf einen Gott, dessen Kraft in den Schwachen mächtig ist. Diese Hoffnung möchte ich in unsere heutige Situation mitnehmen. In all das Hoffnungslose, scheinbar Aussichtslose: Es mag noch dauern, bis es Frühling wird. Doch Kaj Munk verstand die kleine blaue Blume als Zeichen Gottes:

“Die blauen Blütenblätter / sind mir des Frühlings Täuflingskleid, / sind mein willkomm'ner Retter / aus Hoffnungslosigkeit. / Ich bücke mich und streichle sacht / die neue zarte Blütenpracht. / Wie hat dich mir zum Lohne, / du kleine Anemone, / der Schöpfer schön gemacht!”

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T: Kaj Munk: „Den blå Anemone“ (1943; deutsche Nachdichtung: Christian Hartung)
M: Egil Harder (1945)

Munk, Kaj; Harder, Egil; Den Blå Anemone; DR Radiopigekoret; Phillip Faber; Se, Hvilken Morgenstund. Den Danske Sangskat; 01-008; (P) (C) 2005 SONY BMG MUSIC ENTERTAINMENT A/S & DR

https://www.kirche-im-swr.de/?m=41619
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SWR4 Sonntags-/Feiertagsgedanken

09FEB2025
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„Hört nicht auf zu beten!“, hat der Apostel Paulus einmal in einem Brief an die Christen in Rom geschrieben. Die hatten dort nicht viel zu lachen: Jesus war von den Römern gekreuzigt worden. Und sie selbst galten als Störenfriede: als Aufrührer und Gefahr für den Staat.

Not lehrt Beten, heißt es ja. Doch manchmal verstummen Menschen in Not auch und können einfach nicht mehr beten. Vielleicht war in Rom die Not größer als das Vertrauen ins Gebet. Ich denke an Menschen, die mir sagen: Ach, Beten – das lohnt sich doch nicht. Ich hab so viel gebetet, erzählt einer nach dem Tod seiner Frau. Dass sie’s schafft, dass sie noch ein bisschen leben kann. Aber es hat nichts genutzt, sie ist gestorben. – Ich hab so viel gebetet, sagt eine andere. Dass endlich Frieden wird. So viele Menschen hoffen darauf. Aber es wird nur immer schlimmer. Ihr Vertrauen, dass sie jemand hört, hat die Frau verloren.

Vielleicht haben sie damals in Rom ja auch so geredet. Eine Hand voll Christen – verfolgt vom Kaiser und gegängelt von den Behörden. „Hört nicht auf zu beten“, sagt Paulus ihnen. Bleibt dran! Lasst das Gebet nicht abreißen!

Ich war vielleicht 11 Jahre alt, als ich einmal aufgehört habe zu beten. Bei mir war nichts weiter Schlimmes passiert. Trotzdem habe auch ich mich gefragt: Wer hört das, was ich sage? Es antwortet ja niemand, oder? Mein kindliches Vertrauen hatte ich verloren. Die Kindergebete passten plötzlich nicht mehr. Ein Gefühl, als wäre ich viel zu früh erwachsen geworden.

Doch nach ein paar Jahren bin ich auf eine schöne Geschichte gestoßen. Einem Gaukler, einem Straßenkünstler und Spaßmacher, schien sein Leben eines Tages leer und sinnlos. Er wollte in ein Kloster eintreten und nur noch für Gott leben. Aber – er konnte nicht beten. Er wusste einfach nicht, wie das geht. Da hat er sich auf das besonnen, was er doch konnte. Und hat angefangen zu tanzen. Er konnte gar nicht mehr aufhören. Der Abt des Klosters hat ihn dabei heimlich beobachtet. Und hat ihn zu sich gerufen. Der Gaukler dachte traurig: Ach, jetzt werde ich bestimmt aus dem Kloster geschmissen! Doch der Abt sagte: Was hast du für ein wunderschönes Gebet getanzt! Mach weiter so!

Beten ist noch viel mehr als Worte zu machen. Und auch mehr als zu hoffen, dass da jemand sofort antwortet. Beten bedeutet, Kontakt zu halten und mich meinem Gott zu zeigen: Sprechend oder schweigend. Tanzend und singend – oder ganz still atmend. Wenn das so ist: Kann man dann überhaupt aufhören zu beten?

Der jüdische Gelehrte Abraham Joshua Heschel hat einmal geschrieben, dass das Gebet kein Mittel ist, das man gelegentlich anwenden kann – „ein letzter Ausweg dann und wann. Es ist vielmehr ein fester Wohnsitz für das Innerste der Person. Alle Dinge haben eine Heimat: Der Vogel hat sein Nest, der Fuchs seinen Bau und die Bienen ihren Stock. Eine Seele ohne Gebet“ – schreibt der Gelehrte – „eine Seele ohne Gebet ist eine Seele ohne Heimat.“

Als ich als Kind meinte, ich könnte nicht mehr beten – da habe ich mich gefühlt wie ohne Heimat, ohne Obdach. Doch jetzt verstehe ich: Ich bin eigentlich immer in dieser Heimat geblieben. Ich war nur zu klein, um das zu verstehen. Mein Gebet hat viele Formen, viele Gesichter. Jede Seele hat bei Gott eine Heimat. In einem der schönsten Gebete der Bibel lese ich, dass ich nie aus dieser Heimat der Seele herausfallen kann. „Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“ Vielleicht kennen Sie diesen wunderbaren Satz. In diesem Gebet, diesem Psalm, da heißt es auch: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“

Meine Seele ist immer zu Hause. Auch wenn ich ausbrechen will, wenn ich von Gott nichts wissen will. Oder enttäuscht bin und mein Vertrauen verloren habe, dass da einer ist, der mich hört: Wenn ich bete, dass der geliebte Mensch an meiner Seite doch noch einmal gesund werden darf. Oder wenn ich bete um Frieden in der Welt. Wenn ich am liebsten laut schreien will: Das Beten lohnt sich doch sowieso nicht! Zeitverschwendung!

Trotzdem – schreibt der Apostel Paulus in seinem Brief: „Hört nicht auf zu beten!“ – Dran bleiben und den Kontakt nicht abreißen lassen. Gott ist da. Gott umgibt mich von allen Seiten und hält seine Hand über mir. Auch am äußersten Meer. Auch in Not und Finsternis. Sogar, wenn ich mich verlassen fühle und ohne Heimat. Oder keine Worte mehr finde und auch nicht mehr tanzen mag.

„Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand“, heißt es in einem Kirchenlied. Da wohnt meine Seele. Da darf sie ruhig werden. Und darauf vertrauen: Man kann wahrscheinlich gar nicht nicht beten.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=41580
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