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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Ein Spruch wie geschaffen für den morgendlichen Blick in den Spiegel: „Der, der ich bin, grüßt traurig den, der ich sein könnte." Au Backe. Was steckt nicht alles in diesem Spruch: Wünsche, Sehnsüchte, Träume und zwar durchweg unerfüllte. „Der, der ich bin, grüßt traurig den, der ich sein könnte." Was haben wir für Vorstellungen gehabt als das Leben noch vor uns lag wie ein unberührtes Schneefeld?! Welche Visionen haben wir gehabt von uns und den Dingen, die wir uns vorgenommen haben. Und so stehen wir nun vor dem Spiegel, der so entlarvend sein kann. Immer wieder, nicht nur am Morgen, sondern immer dann, wenn wir uns selbst tief und ehrlich in die Augen schauen. Da sieht mich der an, der ich bin. So und nicht anders. Ist Leben in diesen Augen? Freude, vielleicht gar ein Strahlen? Ist mein Blick traurig, verbittert oder weicht er aus, mir selbst und den anderen? Die Augen sind die Fenster zur Seele, heißt es. Augen lügen nicht. Sie erzählen ohne Worte wie es einem geht, wie es mit einem steht. Und wenn sie einen traurig anschauen, dann ist es eben so. Dann muss und kann man sich kein Lächeln abringen. Aber erkennen und anerkennen was ist. Wenn Traurigkeit oder Enttäuschung darin zu sehen sind, dann haben sie ihren Grund. Und ihn zu sehen und zu betrauern ist der erste Schritt zum geraden Blick zu sich selbst. Das, was mich beim offenen Blick in den Spiegel anschaut ist mein Leben, mit allem was drin steckt. Mit allen Macken und Abschürfungen, mit allen Fähigkeiten und Fehlern. Mit allen Erfolgen und allen Misserfolgen, mit Dingen, die ich zu verantworten habe, aber auch mit Dingen für die ich nichts, aber auch gar nichts kann. Wenn ich immer wieder versuche mir klar zu machen: ich kann zwar vieles steuern in meinem Leben, aber vieles liegt auch nicht in meiner Hand, sondern in Gottes Hand. Und wenn ich versuche dieses Leben, genau dieses mein Leben anzunehmen, dann kann ich vielleicht auch etwas gelassener in den Spiegel schauen und sagen: „ Der, der ich sein wollte, grüßt freundlich den, der ich bin."

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