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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Menschen interessieren sich am meisten für Menschen. Was sie erleben. Wie sie sind. Komisch. Unglücklich. Liebevoll oder voller Abgründe. Darum lieben wir menschliche Geschichten. Und brauchen sie. Für uns selbst. Und wenn sie dann noch unterhaltsam sind.
Johann Peter Hebel hat das gewusst. Und gekonnt. Menschlich erzählen. So gut, dass er damit einmal - quasi als Nebeneffekt - die Absatzkrise eines Druckwerks überwunden hat.
Heute vor 250 Jahren ist Hebel geboren, in einem kleinen Dorf in Südbaden. Der geniale Geschichtenerzähler, Pädagoge, Pfarrer und erste „Bischof" der evangelischen Landeskirche in Baden. Vielleicht erinnern Sie sich an eine seiner Geschichten z.B. „Kannitverstan" oder die vom „Unverhofften Wiedersehen" eines Liebespaares.
Wie gesagt, die Menschen damals haben das auch schon gewusst, dass Menschen Geschichten brauchen zum Leben. Erwachsene und Kinder. Sie fanden Hebels Geschichten so gut, dass die Auflage des Rheinischen Hausfreunds rapide angestiegen ist, als mehr von seinen Geschichten darin standen. Nicht weniger, mehr Geschichten vom Leben wollten sie. Wie es ist und wie es besser werden könnte.
Eine Geschichte von Johann Peter Hebel möchte ich Ihnen erzählen: Zwei Brüder kommen prima miteinander aus. Bis ihnen die Religion in den Weg kommt. Einer wird evangelisch, der andere katholisch. Und sie zerstreiten sich über den Glauben. Es bleibt nur Trennung. Nach Jahren wollen sie sich wieder sehen und friedlich reden, welcher Glaube richtig ist. Sie treffen sich in einem Gasthaus. Die ersten Tage beharrt jeder fest auf seiner Position. Aber dann gehen sie miteinander in ihre Kirchen und lernen den Glauben des anderen schätzen. Schließlich gehen sie wieder auseinander. Nach 6 Wochen bekommt jeder vom anderen einen Brief. ‚Du hast mich bekehrt: Ich bin katholisch geworden' schreibt der evangelische. ‚Ich bin evangelisch geworden', der Katholik. Und Hebels Resümee: „Also war es nachher wieder wie vorher, höchstens ein wenig schlimmer."
Wie oft, gibt Hebel auch am Ende dieser Geschichte einen Rat zum selber denken: „Du sollst nicht über die Religion grübeln, damit Du die Kraft deines Glaubens nicht verlierst. Sondern, Du sollst Deinen Glauben leben und was gerade ist, nicht krumm machen." Nicht über Religion grübeln und sich mit anderen darüber zerstreiten, sondern sie leben. So gut jeder es kann. Ich glaube, diese Geschichte Hebels ist heute so lebensklug wie vor 200 Jahren.

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