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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Als Gott die Zeit schuf, schuf er genug davon...“ Diese Weisheit stammt aus Irland. Ich höre sie als Einladung, mir davon so viel zu nehmen, wie ich brauche.
„Als Gott die Zeit schuf, schuf er genug davon.“

Erlebt habe ich das so wie schon lange nicht mehr in meinen Sommerferien im August. Ich habe genug Zeit gehabt, um in der Hängematte zu liegen und alle Bücher zu lesen, die ich lesen wollte. Zeit genug, um alle Briefe zu beantworten, die teilweise ein Jahr auf meinem Schreibtisch darauf gewartet haben. Zeit genug, um zu kochen und Marmelade selbst zu machen. Zeit genug, um auszuschlafen und gemütlich im Bett liegen zu bleiben so lange ich wollte. Zeit genug, um jeden Tag in der Natur zu sein, die Sonne untergehen zu sehen und über den weiten Sternenhimmel zu staunen.

So ist es von ganz alleine in mir still geworden. Oft hat mich wie von selbst dieses Gefühl erfasst, das ich mit “Heiligkeit“ verbinde. Ich bin richtig erfinderisch geworden und habe gestaunt, welche neuen Rezepte mir beim Kochen eingefallen sind. Wenn ich den Duft von frischem Gemüse oder Melonenmarmelade plötzlich ganz bewusst gerochen habe, bin ich automatisch dankbar geworden: Für die Nahrungsmittel, mit denen ich koche, für die Erde, in der das Gemüse reift, für die Menschen, die es gepflanzt, versorgt und geerntet haben.
Es war so leicht, die Kostbarkeiten des Lebens wahrzunehmen und mich darüber zu freuen.

Während ich genug Zeit gehabt habe alles das bewusst zu erleben, habe ich mich zum 195. Mal gefragt, wie ich davon etwas in meinen Alltag mitnehmen könnte. Der ist eher schnell, dicht, pausenlos, oft gehetzt. Das Leben ist anstrengend so und die Sehnsucht nach der nächsten längeren Pause wächst schon bald. Ich weiß, dass es vielen Menschen ähnlich geht wie mir. Stressbewältigung ist eines der gesellschaftlichen Themen. Wir wissen heute, dass Stress krank machen kann. Manchmal ärgert mich richtig, dass mir noch immer nicht besser gelingt, den alltäglichen Wahnsinn zu unterbrechen. Ich bin entschlossen, nicht aufzugeben. Jedes Glas Marmelade, das ich im Herbst öffnen werde, wird mich an die wunderbare Erfahrung von Zeit im Sommer erinnern und helfen, mir täglich die Zeit zu nehmen, die ich brauche. Denn: „Als Gott die Zeit schuf, schuf er genug davon.“
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