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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Ich pfeif auf deine Erfahrung. Rums. Die war zu. Gespräch beendet. Funkstille.

Später sitzt die Mutter bei mir und erzählt. Sucht in der Tasche ihrer engen Jeans nach einem Tempo, als die Tränen kommen.

Ich pfeif auf deine Erfahrung.
Dabei ging es nicht um irgendetwas. Es ging um ihren Sohn, es ging um sein Leben. Welchen Schulabschluss er schafft. Womit er später sein Geld verdient. Und wie er in einem Betrieb zurechtkommt. Das kann ihr als Mutter doch nicht egal sein.

So einfach rumhängen, sich nichts vornehmen, nichts planen, sich an keine Abmachung halten. Das kann nicht gut gehen. So ist das Leben nicht. Sie weiß das. Sie hat das erfahren. Und sie sagt es ihm. Immer wieder. Mal ruhig und sachlich, auch diplomatisch geschickt, wenn er gerade mal wieder das Auto braucht. Manchmal auch laut, fast verzweifelt, wenn das Bett ihn erst dann sieht, wenn andere zur Arbeit gehen.

Ich pfeif auf deine Erfahrung. Das tut weh. Und es tut gut, wenn Mütter und Väter einander helfen und sich solchen Kummer vom Herzen reden.

Ich habe nach einer Geschichte gesucht – mir zum Trost und ihr zum Trost und den vielen, die das so oder so ähnlich erleben. Eine Geschichte, die die menschliche Erfahrung ein Stück hinten anstellt. Die mir sagt: lass dich nicht durch deine Erfahrung davon abhalten zu vertrauen, dass da dennoch etwas Gutes herauskommen kann.

Mir ist eingefallen, wie Jesus seinen Freund Petrus aufgefordert hatte, fischen zu gehen, mitten am Tag. Die Erfahrung der Fischer aber sagt: mittags um drei ist keine gute Zeit hinauszufahren und die Netze auszuwerfen. Das kannst du dir sparen, sagt jeder erfahrene Fischer. Das bringt nichts. Aber Petrus ging. Er vertraute. Er sagt zu Jesus: Auf dein Wort hin stelle ich meine Erfahrung, das schon gesammelte Wissen zurück und gehe einen anderen Weg. Den Weg des Vertrauens. Und er wird nicht enttäuscht: Petrus macht einen großen Fang.

Ich finde, das hat was. Eine Botschaft für Mütter und Väter und alle, die sich manchmal anhören müsse: ich pfeif auf deine Erfahrung. Es gibt noch andere Kräfte zwischen Himmel und Erde, die nicht immer und überall wirken, aber doch immer wieder. Und gegen alle Erfahrung kommt am Ende etwas Gutes heraus.
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