Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

03OKT2026
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Seit unsere Tochter in Leipzig lebt, entdecke ich nach und nach diese Stadt. Vor 1990 war sie für mich unerreichbar. Jetzt setze ich mich einfach in den Zug und fahre hin. So wie in jede andere Stadt. Aber Leipzig ist nicht jede andere Stadt. In der Nikolaikirche finden ab 1982 die Friedensgebete statt. Gemeinsam beten, singen, schweigen und sich austauschen. Einer der wenigen Orte in der DDR, an denen Menschen ihrer Nöte, Sorgen und Anliegen ungestraft aussprechen dürfen. Aus den kleinen Anfängen wächst eine Bewegung. Auch, weil viele Betende danach auf dem Nikolaikirchhof bleiben, sich vernetzen, ins Gespräch kommen.

Aus diesen Friedensgebeten heraus nehmen dann die Montagsdemonstrationen ihren Anfang. Sie führen zum Ende des DDR-Unrechtsstaates. Einer, der dabei war, Christian Führer, Pfarrer der Nikolaikirche, zitiert die Reaktion der Staatsmacht so: „Wir hatten alles geplant, wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete.“ Auf Kerzen und Gebete hat der Staatsapparat keine Antwort.

Oft genug diskutiere ich mit Menschen über den Glauben. Sie fragen mich, welchen Sinn der christliche Glaube hat. Wie das mit Gott ist. Obs Gott überhaupt gibt. Und wenn ja, wofür. Schwierige Fragen. Auf die ich oft nur annäherungsweise Antworten geben kann. Eine lautet: Der Glaube zeigt, dass mit Kerzen und Gebeten die Welt besser werden kann. Dass die Ohnmacht am Ende gewinnt. So wie ein ohnmächtiger Jesus am Kreuz stirbt. So wie Gott scheinbar ohnmächtig ist, angesichts von Leid und Tod. Aber im Glauben an diesen ohnmächtigen Gott kann Macht gebrochen werden. Können Menschen aufstehen und sich zusammenschließen. Können neue Kraft gewinnen.

Die Anfänge der Friedlichen Revolution und der Fall der Mauer zeigen das eindrücklich und rufen mir das heute, am Tag der deutschen Einheit, in Erinnerung.

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