Begegnungen

Ich bin begeistert von der Literatur der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin. In ihren Büchern greift sie ernste und wichtige Themen wie Trauer oder Pflege auf. Und trotzdem sind ihre Texte immer auch mit Humor gespickt. So erlebe ich Helga Schubert auch bei unserer Begegnung: Eine Frau, die mit ihren 86 Jahren sehr witzig ist, obwohl sie sehr viel Schlimmes durchgemacht hat: Geboren im Zweiten Weltkrieg, aufgewachsen mit einer Mutter, die sie ablehnte. Der Vater im Krieg gefallen. Ein Leben als Christin in der DDR. Bespitzelt durch die Stasi. Sie arbeitete als Psychotherapeutin. Besiegte eine Krebserkrankung. Und pflegte zuletzt ihren schwerkranken Ehemann, der 2025 verstorben ist. Wie hat sie das alles geschafft?
Indem man es annimmt, das ist wirklich meine einzige Antwort nach den vielen Jahrzehnten, die ich selbst in der Psychotherapie gearbeitet habe und in der ich einfach diesem Leben so gegenübergestanden habe, bis ich gedacht habe das nehme ich jetzt an. Das hört sich vielleicht ganz einfach an, aber das ist die Lösung. Wenn man dann auf irgendeine Weise noch eine Distanz dazu kriegt, die aber nur durch Humor kommen darf. Die Distanz, die muss dadurch kommen, dass man sich auch relativiert, dass man das eigene Leben relativiert und einfach weiß, es gibt etwas viel Größeres als dieses eigene Leben. Und daran glaube ich.
Helga Schubert ist evangelisch, sie gehört zu den wenigen Christen in Mecklenburg-Vorpommern. Über die Pflege ihres Mannes hat sie ein Buch ganz ohne Pathos geschrieben. Es heißt: “Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe.” Darin spielt auch ihr christlicher Glaube eine große Rolle:
Denn dann sollte durchaus auch was Religiöses sein in diesem Buch, denn ich habe ja auch ein Motto genommen aus Matthäus: „Darum sorge nicht für den morgigen Tag – denn der morgige Tag wird für das seine Sorgen.”Also das ist durchaus ein Hoffnungssatz.
Dieser Satz von Jesus Christus gibt ihr Zuversicht - auch in schweren Zeiten. Und der Untertitel “Stundenbuch der Liebe”, der hat mich als Theologe neugierig gemacht. Denn Stundenbücher sind seit dem Mittelalter die Andachts- und Gebetbücher der Gläubigen. Ich mag Helga Schuberts Gedanken: Auch die Pflege eines geliebten Menschen kann Gebet sein. Dabei ist Helga Schubert überhaupt nicht religiös erzogen worden:
Wodurch bin ich jetzt gläubig geworden? Ich bin dadurch gläubig geworden, dass ich gemerkt habe, was es für eine unglaubliche Wärme bedeutet, wenn man gesegnet wird, wenn man zu etwas dazu gehört, was ruhig, vernünftig, warmherzig und dann auch noch geborgenheitsspendend ist. Ja, dass es friedlich ist.
Auch und gerade in der Zeit nach dem Tod ihres Mannes, hat sie diese Wärme und Geborgenheit weiter gespürt. Ihr aktuelles Werk, das nun auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wird und von der Zeit der Trauer nach dem Tod ihres Mannes erzählt, heißt: “Die Woche danach. Ein Stundenbuch der Hoffnung.” Wie sie auf den Tag der deutschen Einheit blickt, hören Sie nach der Musik.
Ich treffe die Schriftstellerin Helga Schubert in ihrer Wohnung in den Weiten von Nordwestmecklenburg. Mitten auf dem Land. Geboren wurde sie 1940 in Berlin. Die Autorin erinnert sich an ihre ersten Schuljahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie durfte am Religionsunterricht teilnehmen, obwohl sie im russischen Sektor Berlins wohnte. Dort und auch im Kindergottesdienst lernte sie die Botschaft Jesu kennen:
Das war für mich eine vollkommen andere Geisteshaltung als die, die in der Schule gepredigt wurde mit […] Diktatur der Arbeiterklasse und so. Hier ging es immer um Versöhnung, um Frieden und vor allen Dingen dieser Segen am Ende des Gottesdienstes, das war für mich also dass alles vergeben wird und dass einem nicht jemand immerzu was Übel nimmt. Und das man nicht immerzu mit einer schweigenden Mutter konfrontiert ist, die einem das oder das Übel nimmt, die tagelang nicht mit einem gesprochen hat.
Das Verhältnis zu ihrer Mutter war ganz schwierig- die Ablehnung, die sie von ihr erfahren hat, thematisiert Helga Schubert immer wieder in ihrer Literatur. Aber sie erzählt mir auch, dass sie ihrer Mutter dankbar ist: dafür, dass sie ihr kritisches Denken beigebracht hat und den Wert der Demokratie.
Sie ist sehr, sehr politisch klar gewesen in ihrer Ablehnung der SED [...]- also meiner Mutter verdanke ich diese politische pro-demokratische Haltung und da war ich sehr früh eigentlich vorgewarnt, dass man sehr vorsichtig sein muss. Und dann hab ich auch in der Staatssicherheitsakte, die über mich geführt worden ist wegen staatsgefährdender Hetze und Diversion - seit 1976 haben sie gegen mich ermittelt - da hat dieser Leiter dieser Untersuchung gegen mich reingeschrieben in meine Akte: Es ist trotz jahrelanger Bemühung nicht möglich […] in das Privatleben der Schubert einen informellen Mitarbeiter zu platzieren.
Aufgrund dieser Erfahrungen ist es Helga Schubert umso wichtiger gerade auch heute für demokratische Werte, Gewaltenteilung und Menschenwürde einzustehen. Weil ihr die freie Wahl so wichtig ist, war sie auch gemeinsam mit dem Pastor ihrer Gemeinde bei der Auszählung der Stimmen am Wahlabend jetzt bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern vor Ort in ihrer Heimatgemeinde. Sie hat am eigenen Leib unter zwei Diktaturen gelitten- der Nazizeit und der DDR. Wenn jemand heute in ihrem Umfeld rechtsextremistische Gedanken vertritt oder die DDR schönredet, dann kann und will sie dazu nicht schweigen. Was bedeutet ihr der Tag der deutschen Einheit?
Das ist eine äußere Erlösung, die wirklich bei mir ein großes Glücksgefühl immer wieder hervorruft. Dass wir eine Diktatur überwunden haben mit friedlichen Mitteln. [...] Dass ich in einem Europa lebe und in einem Land, in dem die Meinungs- und Pressefreiheit gewährleistet ist, ist für mich das Wichtigste. Weil daraus alles andere folgt. Daraus folgt alles. Ich kann wählen. Ich kann nicht wählen. Ich kann mich informieren. Ich bin nicht eingesperrt, ich werde nicht überwacht. Das sind alles Dinge, die zu einem Lebensglück beitragen.
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