Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Wir stehen an der Berliner Mauer. Oder besser: an dem Stück, das von ihr noch übrig ist. Mein Mann, meine Kinder und ich sind das erste Mal zusammen in Berlin und wollen hier gemeinsam mehr über die deutsche Geschichte herausfinden. Warum gab es die Mauer, wie haben die Menschen in der DDR gelebt, was ist mit denen passiert, die versucht haben zu fliehen? Und wie muss sich das angefühlt haben, vom Staat beobachtet, bespitzelt zu werden. Oder sogar von Nachbarn und Freunden. Welch tiefes Misstrauen da wohl gewachsen ist.
Und jetzt stehen wir an diesen bunten Resten der Berliner Mauer. Nach dem Mauerfall wurde sie bemalt von Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt. Die Bilder zeigen eindrücklich, worauf die Menschen zu der Zeit gehofft haben: Da tragen Friedenstauben Ketten weg, die jemanden gefangen gehalten haben. Ein Trabi durchbricht die Mauer. Bunte Farben erzählen davon, wie sehr sich die Menschen danach gesehnt haben, frei zu sein und in Frieden zu leben.
Die Hoffnungen, die damals in der Luft lagen, haben sich für viele Menschen nicht erfüllt. Die wirtschaftliche Situation im Osten hat sich für sie verschlechtert. Viele Menschen sind arbeitslos geworden, Betriebe mussten schließen. Menschen, die in ganz unterschiedlichen Systemen groß geworden sind, mussten auf einmal gemeinsam weitermachen. Auch wenn die Betonmauer weg war, das Land war nicht einfach von heute auf morgen eins. Die unterschiedlichen Erfahrungen und Sorgen zeigen sich bis heute und spiegeln sich auch in den Wahlergebnissen der vergangenen Wochen wider.
In Berlin habe ich verstanden: der Tag der deutschen Einheit ist nicht nur eine Erinnerung an ein längst vergangenes Ereignis, sondern bleibender Auftrag. Einheit entsteht nicht einfach, weil eine Betonmauer verschwindet. Sie wächst dadurch, dass wir nicht pauschal über „die anderen“ urteilen. Dass wir uns nicht aufgeben, auch wenn wir uns fremd sind. Dass wir versuchen, uns besser zu verstehen.
Das diesjährige Motto zum Tag der deutschen Einheit lautet: „Viele Stärken – ein Land.“ Ich glaube, es tut uns gut, auf unsere Stärken zu schauen. Statt immer nur darauf, was nicht läuft. Wir haben nicht die gleiche Geschichte, die gleichen Erfahrungen. Ob wir im Westen oder Osten Deutschlands aufgewachsen sind oder aus einem ganz anderen Land nach Deutschland gekommen sind. Aber wir leben heute zusammen hier und wir können gemeinsam die Zukunft gestalten!
Und deshalb würde unser Hoffnungsbild, das wir auf die Reste der Berliner Mauer malen würden, heute so aussehen: Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Religionen, junge und alte wandern zusammen auf einem Weg. Sie reden miteinander, hören sich zu, lachen, helfen sich gegenseitig, wenn ein Hindernis den Weg versperrt und gehen so gemeinsam in Richtung Zukunft.
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