Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Daria ist neun und ein fröhliches Kind. Das war nicht immer so. Als sie vor drei Jahren in die Klasse meiner Tochter gekommen ist, hat sie kein Wort deutsch gesprochen und war sehr schüchtern. Daria hat alles zurückgelassen, was ihr wichtig war: Ihre Freundinnen. Ihr zuhause mit den Tieren und ihren Papa, der in der Ukraine bleiben musste. Ohne die Sprache zu kennen, musste sie sich hier (in Deutschland) zurechtfinden. Meine Tochter und Daria haben sich mit Händen und Füßen verständigt oder über Bilderbücher, später hat das Handy dann geholfen. Inzwischen ist sie ein lebhaftes Kind, das ganz selbstverständlich überall dazugehört. Letztes Jahr zu Weihnachten hat sich ihr größter Wunsch erfüllt: ihr Papa ist endlich aus der Ukraine zu ihnen gekommen.
In die Klassen meiner Kinder sind in den letzten Jahren immer wieder Kinder aus anderen Ländern gekommen. Alle haben ihre eigene Geschichte, haben alles hinter sich gelassen, was ihr Leben bis dahin ausgemacht hat. Alle vermissen ihre Familie, ihre Freunde und müssen sich neu einfinden in einem ganz fremden Land.
Mich bewegen diese Schicksale sehr. Umso unverständlicher ist für mich, dass Parteien Wahlkampf auf dem Rücken dieser Menschen machen. Denn: Ich würde genau dasselbe tun wie Darias Mama: Wenn wir hier nicht mehr leben könnten, weil es Krieg gibt oder wir nichts mehr zu essen hätten und um das Leben unserer Kinder fürchten müssten würde ich alles dafür tun, dass meine Kinder in Sicherheit leben können.
Diese Woche findet in vielen Kirchen und Gemeinden die interkulturelle Woche unter dem Motto „Dafür!“ statt. Tausende Menschen setzen damit ein Zeichen für eine vielfältige Gesellschaft, in der wir gut zusammenleben und solidarisch sind mit denen, die Unterstützung brauchen. Die interkulturelle Woche ist eine Initiative der evangelischen, katholischen und griechisch-orthodoxen Kirche, unterstützt von vielen Gewerkschaften, Verbänden und Initiativen.
Ich finde solche Initiativen gerade in diesen Zeiten unglaublich wertvoll. Wir sprechen viel über Menschen, die gegen andere hetzen und die Schuld für allerlei Probleme auf diejenigen schieben, die ihnen fremd sind. Dabei gibt es so viele Menschen, über die man stattdessen reden sollte – weil sie sich für andere einsetzen. In Geflüchtetenunterkünften mithelfen. Sprachkurse anbieten oder mit zum Amt gehen. Oder einfach die neue Nachbarsfamilie freundlich begrüßen und zum Kaffee einladen.
Ich bin froh, dass die katholische und evangelische Kirche sehr deutlich gemacht haben: Als Christinnen und Christen stellen wir uns entschieden gegen rechten Populismus. Wir stehen an der Seite der geflüchteten Menschen und sind solidarisch mit denen, die Hilfe brauchen. Weil Jesus selbst das ganz genauso gemacht hätte.
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