Begegnungen

Ich bin Manuela Pfann von der katholischen Kirche und zu Gast im großen Apfelgarten des Klosters Beuron in der Nähe von Sigmaringen. Rund 200 Apfelbäume stehen da, 26 verschiedene Sorten. Was diesen Apfelgarten so besonders macht, erklärt mir Markus Ellinger. Er ist Experte für das, was in Wald und Wiese lebt. Hauptberuflich arbeitet der studierte Förster als Ranger und ehrenamtlich ist er in der BODEG engagiert, der bäuerlichen Vermarktungs-Genossenschaft oberes Donautal. Und die kümmert sich um den klösterlichen Apfelgarten, in dem wir stehen.
Wir versuchen hier viel Strukturvielfalt zu schaffen. Man sieht Biotope, die Lebensraum sind für viele Insekten, aber auch für Vögel oder Kleinsäuger. Wir hängen Nisthilfen in die Bäume. Das kann mal ein Insekten-Nistklotz für Wildbienen sein. Das kann ein Ohrenzwicker Töpfchen sein, weil die Ohrenzwicker fressen uns wieder die Blattläuse.
So sieht also eine echte Streuobstwiese aus: Die große Artenvielfalt ist wichtig. Es gibt Streuobstwiesen, da leben 5000 Tier- und Pflanzenarten.
Ich bin mir sicher: Hier hätte es auch dem heiligen Franziskus gefallen. Der berühmte Mönch aus Assisi ist vor 800 Jahren gestorben. Er hat die gesamte Schöpfung immer als eine große Familie gesehen. Deshalb hat er Tiere und Pflanzen auch als Bruder und Schwester der Menschen bezeichnet. Markus Ellinger meint:
Ich glaube, dass wir uns gut verstehen würden, so wie ich ihn verstanden habe, nämlich, dass jedes Wesen seinen Wert hat und seine Berechtigung hat. Und das ist das, was wir hier im Apfelgarten als BODEG auch versuchen oder was mir als Ranger draußen in der Natur wichtig ist. Dass wir mit Respekt miteinander umgehen, mit unseren Mitgeschöpfen wie auch mit unseren Mitmenschen.
Bruder Felix kommt bei uns im Apfelgarten vorbei. Der Benediktinermönch ist der Gärtner und Schnapsbrenner des Klosters Beuron. Etliche Äpfel aus dem Garten landen bei ihm in der Brennerei. Er schlägt noch einen anderen Ton an, wenn er an den heiligen Franziskus denkt, den Gründer des Franziskaner-Ordens.
Ihn würde einfach schmerzen, wie wir mit der Welt umgehen. Ohne jetzt an die Konsequenzen zu denken. Dieser Ressourcenverbrauch, den wir uns gerade leisten, ich sag einfach mal, das ist ungesund.
Und gleichzeitig setzt Bruder Felix auf die Widerstandsfähigkeit der Natur und ist sich sicher:
Die Natur hat immer eine Antwort. Die sieht vielleicht nicht so aus, wie wir es uns vorstellen oder wie wir meinen, dass es uns dient. Wenn wir von Naturschutz reden, dann meinen wir eigentlich, die Natur sollte so sein, dass wir was davon haben.
Genau deshalb mag Bruder Felix den Apfelgarten so gern, weil es hier anders ist: keine Maßnahmen, um den Ertrag zu steigern. Im Gegenteil: Die Genossenschaft hat sogar Bäume entfernt, damit mehr Licht und Luft auf die Wiese kommt, es gibt keine Pflanzenschutzmittel und die Bäume werden nur alle vier oder fünf Jahre geschnitten.
Wir haben uns dem Erhalt der bäuerlichen Kulturlandschaft verschrieben, weil wir davon überzeugt sind, dass sie für Natur wie aber auch für den Menschen ein ganz, ganz wichtiges Gut ist, was ein Wohlgefühl erzeugt und uns resilient macht gegen äußere Einflüsse, ob es jetzt Klimawandel oder anderes ist.
Mitten im Apfelgarten hat Markus Ellinger einen Tisch aufgestellt. Ich darf probieren, was aus dem Streuobst im oberen Donautal gemacht wird: Birnenschorle, Apfelcidre – und Essige. Wir machen ein kleines Essig-Tasting. Bisher kannte ich das nur mit Wein oder Whisky und bin deshalb gespannt.
Es gibt eine Dramaturgie. Man muss mit dem anfangen, der am filigransten schmeckt und aufhören mit dem, der am süßesten ist.
Markus Ellinger taucht eine Pipette zuerst in den Quitten-Essig.
Es gibt eine rustikale Variante zu verkosten, nämlich auf der Hand. Diese Kuhle hier, wenn man die Hand überdehnt. Der Franzose nennt es Tabatiere, weil man da auch den Schnupftabak rein macht.
Und eins ist dabei wichtig:
... dass man nicht falsch genant ist und die Zunge nur vorsichtig dippt, sondern wie ein Hund die ganze Zunge durch den Essig zieht.
Ich probiere das aus. Es funktioniert und ich finde alle Essigsorten sehr schmackhaft. Am liebsten mag ich den Birnen-Balsamico: Hmh, der ist richtig lecker. Der ist gut.
Und wenn es ein Kräuteressig ist, dann wird der Apfelessig als Basis vom Bruder Felix mit Kräutern angesetzt. Also die werden nicht vorher getrocknet, sondern die Kräuter kommen frisch in den Essig.
Ich merke, wie Markus Ellinger brennt für die Streuobstwiesen und ihre Früchte. Ich frage ihn, woher seine Leidenschaft kommt.
Ich bin im Streuobstgürtel vor der Schwäbischen Alb groß geworden. Als Kind bin ich durch die Wacholderheiden, Streuobstwiesen und Hecken meiner Heimat gestreift. Jeder hat ein Bild vom Paradies für sich. Glaube ich zumindest. Für mich ist das Paradies ein Obstgarten.
Ein schönes Bild finde ich! Und es kommt der biblischen Bedeutung von Paradies nahe. Es ist ein Synonym für den Garten Eden; also für den Ort, an dem das Leben begonnen hat, in dem die Geschöpfe in Einklang mit sich und den anderen leben. Die Realität im Streuobstgarten ist aber nicht in allen Aspekten paradiesisch:
Streuobst ist hochdefizitär, aber einer der artenreichsten Lebensräume, die wir überhaupt haben. Und den würden wir gerne erhalten.
Ich finde es toll, dass sich so viele Menschen, meistens ehrenamtlich, um Streuobstwiesen kümmern. Und dass die UNESCO sie zum immateriellen Kulturerbe erklärt hat, ist ja ein Zeichen! Aber die Schieflage bleibt: Mit Masse und Monokulturen kann man Geld verdienen, mit naturnaher Pflege und Bewirtschaftung nicht. Und deshalb teile ich die Mission von Markus Ellinger und der bäuerlichen Genossenschaft:
Wenn es uns gelingt zu zeigen, dass Ökologie und Ökonomie sich nicht ausschließen, sondern zwei Seiten derselben Medaille sind. Vielleicht ist es das, wo ich merke, was mich schon lange antreibt. Mit der Natur wirtschaften und ein gutes Einkommen für uns alle erzielen. Das ist so eine Vision.
Und die würde ganz sicher auch der heilige Franziskus unterstützen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45241