Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Wer hat nur die vielen kleinen Jesusfiguren in unserem Büro platziert? Überall stehen sie seit Neustem rum: im Treppenhaus, neben dem Kopierer, selbst über dem Waschbecken im Bad. Kleine lachende Jesusfiguren aus Plastik. Die Figur entspricht dem typischen Klischee einer Jesusfigur: lange lockige Haare, Vollbart und ein weißes Gewand mit einer farbigen Schärpe, auf der steht: Jesus loves you.
Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass sie meine Kollegin Uli überall verteilt. Und sie stellt sie nicht nur bei uns ins Haus, sondern setzt auch mal eine kleine Figur im Park auf eine Bank oder im Supermarkt auf die Butter im Kühlregal.
Uli sagt: „Ich mag es, die Leute ein wenig zu irritieren und ihnen eine kleine Freude zu machen.“ Und sie erzählt weiter: „Ab und zu beobachte ich, wie die Leute reagieren, wenn sie eine Jesusfigur entdecken. So wie neulich im Supermarkt. Eine Frau greift nach der Butter und sieht den Jesus. Erst zögert sie, doch dann nimmt sie die kleine Figur in die Hand und läuft lächelnd weiter. Das Lachen hat sie auch dann noch im Gesicht, als sie noch einmal zum Kühlregal zurückläuft – denn die Butter braucht sie natürlich trotzdem.“
Die kleinen Jesusfiguren sind mittlerweile schon ganz schön rumgekommen. Und ab und an bekommt Uli Fotos, wohin es die Jesusfiguren schon überall geschafft haben: an den Strand, auf einen Burger, und auch mitten aufs Mischpult bei einem großen Musikfestival.
Ich kann mir vorstellen, dass die Figuren nicht jedem gefallen. Und dass es vielleicht auch Menschen gibt, die sich davon gestört fühlen. Mich erinnern die Figuren allerdings vielmehr daran, dass ich Gott überall entdecken kann. Beim Arbeiten, unterwegs im Park oder beim Einkaufen.
Diesen Gedanken hatte auch der Ordensgründer Ignatius von Loyola, der schon vor 500 Jahren gesagt hat: „Wir sollen die Gegenwart unseres Herrn in allen Dingen suchen, im Sprechen, im Gehen, Sehen, Schmecken, Hören, Denken, überhaupt in allem, was wir tun.“
Dass Gott in allen Dingen zu finden ist, motiviert mich, genauer hinzuschauen und bewusst wahrzunehmen: Wenn ich Gott erfahren will, muss ich nicht unbedingt in einer Kirche sein. Entscheidend ist vielmehr, dass ich aufmerksam und offen bin. Für andere Menschen, für mich selbst und für das, was mich bewegt.
Und vielleicht ist es so, wie Jesus es einmal versprochen hat: Da, wo Menschen an Gott glauben und da, wo zwei oder drei in seinem Namen zusammen sind, da ist er mittendrin.
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