SWR Kultur Wort zum Tag
Woran spüre ich, dass mein Leben gelingt? Immer wieder höre ich als Antwort: Wenn die work-life-balance stimmt. Meine Studierenden haben Sorge, dass sie ihnen verloren geht, wenn sie erst einmal im Beruf sind. Auch andere Menschen, die ihre Grenzen spüren, beklagen sich, dass sie nicht mehr stimmt – dass dieses ausgewogene Verhältnis von Arbeit und Freizeit aus dem Gleichgewicht gerät.
Ehrlich gesagt: Mit dem Ausdruck work-life-balance fremdle ich immer etwas. Ich lebe doch auch, wenn ich arbeite. Auf der anderen Seite: Natürlich, Arbeit und Freizeit – das sind schon zwei verschiedene Arten der Lebensgestaltung. Auch wenn sie sich nicht immer klar trennen lassen. Zumal, wenn man, wie ich einen Beruf ausgeübt hat, in dem diese Grenze ohnedies nie ganz eindeutig gewesen ist. Da lagen das Schöne und das Belastende immer sehr nahe beieinander.
Um hier etwas klarer zu sehen, habe ich mich auf die Suche gemacht. Was meint das – Balance? Eine Schaukel kam mir zuerst in den Sinn. Ganz daneben bin ich mit diesem Bild nicht gelegen. Denn das lateinische Wort bilanx bezeichnet tatsächlich eine Waage. Lanx bedeutet Schale. Und bi meint zwei Schalen. Vor Gerichtsgebäuden findet sich oft eine Skulptur der römischen Göttin der Gerechtigkeit: Justitia hat die Augen verbunden und hält eine solche Waage mit zwei Schalen in ihren Händen. Damit wägt sie beide Standpunkte ab. Und fällt dann ihr hoffentlich gerechtes Urteil.
Auch in der Bibel spielt das Bild der Waage oder des Wiegens immer wieder eine Rolle. Da sollen aber nicht Früchte gewogen werden, sondern unsere Taten. Beide Male geht’s ums Ernten. In Feld und Garten. Oder in meinem Leben. Im Herbst, der grad begonnen hat, legt sich dieses Thema nahe. Und vielleicht kann ich auf diese Weise auch dem Bild von der „Work-Life-Balance“ noch einmal einen ganz neuen Sinn abgewinnen. Work, wäre dann alles, was ich einbringe – nicht nur an Arbeit. Auch an ehrenamtlichem Engagement. An Muße. Meine Lebensernte also! Damit fülle ich die eine Schale. Und in der anderen sammelt sich, was andere hineinlegen: Beziehungen. Liebe. Gottvertrauen. Da pendelt sich die „Work-Life-Balance“ ganz neu ein. Ich glaube: Am Ende legt Gott hinein, was die beiden Schalen in die rechte Balance bringt. Und mein Leben gelingen lässt.
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