Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Auf dem Turm unserer Stadtkirche in Karlsruhe steht er: der Friedensengel. Golden leuchtet er hoch über dem Marktplatz. Und von unten glaubt man gar nicht, dass die Figur fast drei Meter groß ist, mit ihrem Palmzweig, einem alten Friedenssymbol, in der Hand. Und weil der Engel zugleich eine Wetterfahne ist, dreht er sich mit dem Wind und zeigt an, aus welcher Richtung er kommt. Das war nicht immer so.
Im Zweiten Weltkrieg wird die Stadtkirche bei einem Bombenangriff zerstört. Und der Friedensengel stürzt vom Turm. Zerbrochen liegt er unten im Schutt. Der Friedensbote am Boden – in einer Zeit, in der Krieg und Gewalt Europa verwüsten, unvorstellbares Leid über so viele Menschen bringen und der Frieden selbst in Trümmern liegt.
Nach Kriegsende werden die Überreste des Engels aus den Trümmern geborgen. Und als die Stadtkirche wieder aufgebaut wird, wird auch der Friedensengel neu gegossen. Und seitdem steht er wieder dort.
Hoch über dem Marktplatz. Wieder dreht er sich mit dem Wind. Weit unter ihm das Leben der Stadt. Vielleicht berührt mich seine Geschichte deshalb so: Dieser Engel erzählt davon, wie schnell Frieden verloren gehen kann. Und wie zerbrechlich Frieden ist – und doch möglich. Und vielleicht ist es genau das, was mir Mut macht: Frieden nicht verloren zu geben. Selbst dann nicht, wenn er weit weg scheint.
Manchmal, wenn ich über den Marktplatz gehe, schaue ich zu dem Engel hinauf. Und manchmal bleiben auch andere stehen und schauen mit. Für einen Moment stehen wir da und blicken in dieselbe Richtung.
Ich weiß nicht, was die anderen dabei denken. Aber mir gefällt dieser Moment: Menschen, die einander vielleicht gar nicht kennen, stehen da und schauen für einen Augenblick gemeinsam hinauf zu unserem Friedensengel. Und bei allem, was uns vielleicht unterscheidet, haben wir auf einmal eine gemeinsame Blickrichtung: den Frieden.
Vielleicht ist das ja schon ein Anfang: den Frieden nicht aus dem Blick zu verlieren. Nicht aufzuhören, nach ihm Ausschau zu halten. Und dann nicht nur gemeinsam in dieselbe Richtung zu schauen, sondern auch gemeinsam Schritte in diese Richtung zu gehen. Schritte auf den Frieden zu.
Wenn ich zu unserem Friedensengel hinaufschaue, erinnert er mich daran:
Frieden ist nicht selbstverständlich. Aber er ist es wert, immer wieder gesucht zu werden.
In der Bibel heißt es: „Suche den Frieden und jage ihm nach!“ Die Windrichtung kann mir der Engel anzeigen. Wo und wie es zum Frieden geht, kann er mir nicht sagen. Aber er macht mir Mut, danach zu suchen. Immer wieder neu.
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