Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

24SEP2026
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Baustelle auf dem Hochschul-Gelände in Ludwigsburg: Als Hochschulpfarrer komme ich dort oft vorbei und sehe, wie die alte Sporthalle abgerissen wird.
Von Beginn an ist die Baustelle mit einer Bretterwand abgesperrt. Und bald hat jemand ein Graffiti auf die Wand gesprüht. Nur zwei Worte: „Mehr Liebe“.
Ich habe das Graffiti von Anfang an geliebt.
Es erinnert mich daran, wie Jesus einmal gefragt wurde: „Was ist das Wichtigste im Leben?“ Und Jesus hat geantwortet: „Du sollt Gott lieben. Und du sollst deinen Nächsten – deinen Mitmenschen - lieben wie dich selbst.“
„Mehr Liebe“, wie auf dem Graffiti.
Aber wo kommt Liebe vor, wenn eine Sporthalle abgerissen wird?
Für mich passt das. Denn diese Halle wird nicht kurz weggesprengt, sondern Stück für Stück abgebaut. Natürlich ist der Grund für den langsamen Abbau der gesundheitsschädliche Asbest. Aber ich stelle mir gerne vor – ganz ohne Baustellenlogik – dass es auch mit mehr Liebe geschieht, aus Respekt vor der alten Halle, in der so viele Studierende Sport gemacht haben.

Und ich frage mich: Wie sieht es bei unseren Lebensbaustellen aus, wenn etwas vorbei ist und wegkommt? Wenn die Kindheit zu Ende geht. Wenn eine Liebe endet. Oder wenn wir uns von einem Erinnerungsstück verabschieden.
Gehen wir radikal vor, sprengen kurz weg und entsorgen es? Oder sind wir vorsichtig, lassen uns Zeit und verabschieden uns langsam?
Abriss, Abschied – der Graffiti-Sprayer hat einen Vorschlag: Mehr Liebe.

Das Wunderbare an dem Baustellengraffiti ist: Es ist selbst mit Liebe behandelt worden. Im Eifer des Sprühens hat der Sprayer nämlich das „e“ in der Mitte des Wortes Liebe vergessen. Deshalb hat jemand ein DinA4-Blatt mit einem „e“ beschriftet und auf dem Graffiti in die Lücke geklebt. So war die Liebe rechtschreibmäßig wieder vollständig. Und auf dem Zettel mit dem „e“ stand unten klein: „Mit freundlichen Grüßen, eine Lehramtsstudierende“.
Nicht mit erhobenem Zeigefinger, nicht besserwisserisch hat die Studentin den Fehler korrigiert, sondern kreativ-liebevoll, „mit freundlichen Grüßen“.

Inzwischen ist das Blatt mit dem „e“ nicht mehr da. Vielleicht vom Regen abgewaschen oder „vom Winde verweht“ hinaus in die Welt – vielleicht auch zu uns: Ein „e“ in der Mitte der Liebe für uns und unsere Nächsten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45218
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