SWR Kultur Wort zum Tag

800 Jahre Franziskus, eine Goldmine voller Inspiration und Anregung auch heute, z.B. in Sachen Menschenführung und überhaupt Menschwerden. In den wenigen Originalschriften von Franz von Assisi findet sich ein Brief, den er einem Ordensvorgesetzten schrieb, vielleicht gar seinem umstrittenen Nachfolger Elias von Cortona. Er wird als Minister angesprochen, wörtlich als Diener der Gemeinschaft. Alle gewohnten Ehrentitel wie Abt oder Prior hatte man ja in der Franziskus-Bewegung abgeschafft, alle sollen im Sinne Jesu Brüder sein. In diesem Brief über Leitungsfragen und Führungsaufgaben findet sich der folgende Satz: „Es darf keinen Bruder auf der Welt geben, mag er auch noch so gesündigt haben, so viel er nur sündigen konnte, der dein Auge gesehen hat und dann von dir fortgehen müsste ohne dein Erbarmen, wenn er Erbarmen sucht.“ Das ist typisch Franziskus, da blitzt seine Verbundenheit mit Jesus auf.
Zusammen mit „Erbarmen“ gibt es ein zweites Kennwort, das wie ein Notenschlüssel das Leben und Erbe von Bruder Franz aufschließt: Demut. Das hat absolut nichts mit Duckmäuserei und Konfliktangst zu tun. Franziskus bezeichnete sich gern als euer „picolo francesco“, ganz klein, eben Minderbruder. Aber von Minderwertigkeitskomplexen keine Spur. Demut, im Lateinischen humilitas, heißt also Erdung, mit Bodenhaftung, auf dem Boden der Tatsachen. Gemeint ist jene geerdete Haltung, die man heute „mitgeschöpflich“ nennen kann, die Solidarität von Staub zu Staub, wirklich gleichberechtigt und willkommen. Er wollte nichts Besonderes sein, und wenn er kleine Tiere auf dem Weg fand, legte er sie behutsam an den geschützten Rand. Humilitas hat auch mit Humor zu, auch wenn es noch so schwer ist, locker zu bleiben. Tiefster Grund dafür ist jenes Gottvertrauen, das den demütigen Widerständler namens Jesus auszeichnet. Franziskus betonte Demut als bevorzugte Eigenschaft Gottes selbst. Was der für eine Geduld mit uns hat, und wie selbstlos freigebig und schöpferisch. Diesem Gott glauben, hieß für Franz, „allem untertan sein“, einfach da und offen für das, was kommt. Solch schöpferische Wehrlosigkeit stellt Macht in Frage. Und sie verlangt den Mut, sich verwundbar zu machen. Erbarmen und Demut, für Franz wars die reinste Freude, das wahre Leben, wirklich ein einziger Sonnengesang.
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