SWR Kultur Wort zum Tag
Seit 800 Jahren nun schon tot, und doch so lebendig – dieser Francesco aus Assisi. Merkwürdig, was er für eine Ausstrahlung hat. Ja der „piccolo frate francesco“, der ganz kleine Bruder Franz, wie er gern unterschrieb, er fasziniert bis heute. Warum nur? Ich glaube, weil er authentisch war, und weil er etwas wagte, wonach sich viele sehnen, vielleicht alle: Ein radikales, ein konsequentes, ein kreatives Leben mit Vision und Leidenschaft, jenseits von Haben und Kriegen!
Bekannt ist die Szene, wo er seinem Vater die Brocken für die Füsse schmeißt, und das in aller Öffentlichkeit: „Von nun habe ich nur noch einen Vater“, soll er gesagt haben, mit dem Wink nach oben, zum himmlischen Vater hin. Aber das ist nur der dramatische Höhepunkt des Konflikts. Viel folgenreicher war für ihn das Leben mit den Aussätzigen, damals die Ärmsten der Armen, todkrank und sozial isoliert. Die mied man wie die Pest, und auch Franz tat das bis zu seiner Lebenswende, dann half er dort mit und entdeckte sie als Mitmenschen. Noch kurz vor seinem Lebensende schreibt er im Testament: „Als ich von ihnen dann wegging, wurde mir das, was mir bisher bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Geistes verwandelt. Und danach hielt ich eine Weile inne und verließ die Welt.“ Die Begegnung mit den Armen stellte sein bisheriges Leben auf den Kopf. Er stieg aus.
Er, der betuchte Sohn und designierte Geschäftsinhaber, verzichtet auf allen Besitz. Eine völlig neue Freiheit ergreift ihn; er sieht sich von Jesus angesprochen, wie von keinem. Der hatte auch nichts, wo er seinen Kopf hinlegen konnte, und war doch so reich. Demnach ist für alle genug da, wenn wir nur geben und vergeben, wenn wir wirklich teilen würden. Wohl niemand hat Jesus so passgenau eins zu eins verkörpern wollen wie dieser poverello aus Assisi, dieser kleine Arme unter den Ärmsten und Verdammten dieser Erde.
Fratelli tutti, sorelle tutte – dass alle Menschen Brüder und Schwestern sind, dass es keine Ausgesetzten und Abgeschobenen geben dürfe, dass endlich Friede unter den Menschen sei, ja in der ganzen Schöpfung – das nahm dieser Gottverrückte aus Assisi wörtlich und setzte es um. Ob es das ist, was einen stechenden Schmerz der Sehnsucht in unsereinem auslöst? Ob dieser Franz von Assisi doch recht hat?
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