Begegnungen

20SEP2026
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Maike Schult Foto: privat

Peter Annweiler trifft Maike Schult, Expertin für traumasensible Seelsorge

Teil 1: Von 9/11 in die Traumaforschung

Vor genau 25 Jahren hat die Marburger Theologieprofessorin angefangen, sich mit dem Phänomen „Trauma“ zu beschäftigen – also mit tiefen seelischen Verletzungen. Damals, im Jahr 2001, war sie dort, wo das Jahrhundert so prägend begonnen hat.

Ich war ein einziges Mal in meinem Leben in den Vereinigten Staaten und das war nun ausgerechnet über den 11. September. Ich war gar nicht selbst Teil der Ereignisse. Aber ich habe an mir beobachtet, dass mich die Berichterstattung über 9/11 noch über sehr viele Jahre sehr stark emotional beschäftigt hat. Wenn ich die Bilder gesehen habe, hat es in mir einfach geweint - und auch nach außen geweint, und ich konnte diese tiefe, vielleicht zu tiefe Einfühlung in die Ereignisse nicht abstellen.

Wenn wir in erster Reihe oder auch „nur“ medial bei einer bedrohlichen Lage dabei sind, hat das manchmal kaum kontrollierbare Folgen. Und die können sogar bei Zeugen ein Trauma auslösen. – Doch wie erkennt man so eine verletzte Seele?  Wenn Menschen zunächst gar keine Worte finden?

Betroffene schweigen vor allem. Wenn sie davon erzählen, erzählen sie immer wieder dasselbe, ohne Fortschritt. Und bei mir selber entsteht vielleicht ein Gefühl der Aussichtslosigkeit, als ob ich mit jemandem im Kreis fahren würde. Auf der anderen Seite ist es dann oft der Körper, der spricht. Es sind Körpersymptome, die sich zeigen können. Angststörungen, Panikattacken, Schweißausbrüche.

Maike Schult hat sich gründlich mit dem Phänomen Trauma auseinandergesetzt. Mich beeindruckt, wie sie theoretisch fundiert und praktisch versiert damit umgeht.  

Es gibt manche Dinge, die man tun sollte und manche, die man lieber lässt. Das eine ist zum Beispiel, Traumatisierte nicht noch stärker in die Vergangenheit wieder hineinzuführen, weil sie manchmal nicht aus eigener Kraft aus der alten Geschichte herausfinden. Trauma ist etwas, was sich nicht abnutzt, es meldet sich wieder mit einem Hier-und-Jetzt-Gefühl.

Und diese Forschungsergebnisse hat Maike Schult in einem Buch zusammengefasst: „Ein Hauch von Ordnung – Traumaarbeit als Aufgabe der Seelsorge“ heißt es. Und darin wird klar:

Für Betroffene ist es oft so, dass ihre Welt aus den Fugen geraten ist. Sie sehnen sich danach neu geordnet, vielleicht auch behütet, wieder durchs Leben gehen zu können. Aber dieses Bedürfnis nach Ordnung kann auch schnell kippen in die andere Richtung und wird dann zwanghaft. Dann gibt es ein Zuviel an Ordnung.

Wer ständig Ordnung um sich braucht, ist nicht mehr fähig, sich auf Neues einzulassen. Wie schön, dass die Theologin dafür eine Perspektive zeigt:

Dann braucht es den Hauch, um die Dinge zu beleben, wie wir ihn aus der biblischen Schöpfungsgeschichte kennen, die Ruach, die Beseelung des Menschen. Und mit diesem Hauch verbinden wir vielleicht auch so einen Moment der Leichtigkeit, der Distanzierungsfähigkeit, die Möglichkeit zu beleben, kreativ zu werden.

Beides ist für Traumatisierte also wichtig: Die haltgebende Ordnung und der beseelende Hauch – das Geschenk, sich neu lebendig zu fühlen.

Teil 2:  Von der Traumaforschung in die  Seelsorge

Die Marburger Theologieprofessorin hat sich viel mit traumasensibler Seelsorge beschäftigt  – und dabei in der letzten Zeit eine Veränderung festgestellt.  Das kleine Wort „Trauma“ meint ja eigentlich  eine seelische Wunde und das „Unbesprechbare“ an erlebtem Schrecken, an Kriegen, Krisen und Katastrophen. Trotzdem ist das Wort ja gerade in aller Munde. Seit Maike Schult an dem Thema arbeitet

ist aus einem Tabuthema ein Modethema geworden. Und man hat ein bisschen den Verdacht, dass man gerade über das ständige Benennen von Trauma dem Gegenstand selber wieder ausweicht.

Das habe ich auch schon beobachtet: Manchmal kommen die Worte „Trigger“ oder „Trauma“ so oft vor, dass ich mich frage: Wer kümmert sich da eigentlich noch um die seelische Wunde?

Nach meiner Erfahrungsprechen Traumatisierte von sich selber sehr selten mit Trauma-Vokabular. Sie erzählen ohnehin nicht gerne ihre Geschichte, sie sind eher scheu, sich mit diesen Dingen auszuweisen.

Im Blick auf ein Trauma genau das zu hören, was jemand nicht sagen kann –am besten gelingt das in der Seelsorge, wenn jemand nicht nach Details fragt – und auch nicht versucht, empathisch mitzufühlen. Traumatisierte brauchen eher ein ordnendes und lenkendes Gegenüber. Da muss man auch aushalten, etwas „Unverdauliches“ vor die Füße gespuckt zu bekommen. Manchmal müssen sich Zorn oder Klage  einfach Bahn brachen - ohne ein  „schönes“ oder „lösendes“ Gespräch. Und womöglich hilft genau das, anzuerkennen wie zerbrechlich das Leben ist.

Trauma ist vielleicht ein Extremereignis, aber erinnert doch an eine Grundbefindlichkeit des Lebens, dass wir ein sehr verletzliches Leben haben und eben auch nur eines, dass in Sekundenschnelle zerstört werden kann, mindestens verwundet werden kann.

Und hier kommt für die Theologin Maike Schult die Mitte der christlichen Religion zum Tragen. Denn in der Mitte steht in Jesus Christus ein gekreuzigter Mensch, der auch  unfassbar Schreckliches erlebt hat.

Da könnte ich mir vorstellen, dass wir eigentlich eine Grundakzeptanz haben, uns auch einen verwundeten Gott zum Beispiel vorzustellen und ausdieser Haltung heraus vielleicht nicht der Illusion anhängen, dass Traumatisierungen einfach geheilt werden können, aber dass auch dieses verwundete Leben bei Gott gesehen wird.

Und das ist tröstlich: Dass ich auch trotz Verwundungen ein wertvolles und würdiges Leben führen kann. In meinen Augen ist das der wichtigste Beitrag der Seelsorge für die Krisen der Gegenwart: Menschen mit ihren Verwundungen „resilient“, also stark, zu machen. Durch eine Botschaft, die auch dem Unaussprechlichen und Unverdaulichen Raum gibt.
Maike Schult leistet mit ihrer Forschung zu traumasensibler Seelsorge einen wichtigen Beitrag dazu.

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Mehr Infos:
Maike Schult, Ein Hauch von Ordnung: Traumaarbeit als Aufgabe der Seelsorge, Leipzig 2023

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45189
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