SWR Kultur Wort zum Tag

05SEP2026
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Ich brauche morgens beim Aufstehen lange, bis ich richtig wach bin und erfasse, was meine Augen sehen. Nach zwei, drei Tassen Tee ist es so weit, und dann schaue ich auch in den Spiegel – oder auch erst, wenn ich aus dem Haus gehe. Eine viel aufgewecktere Morgenroutine begegnet mir in diesen Worten: „Ich danke Gott und freue mich/wie’s Kind zur Weihnachtsgabe, dass ich bin, bin! Und dass ich dich, schön menschlich‘ Antlitz, habe.“ Sie stammen von Matthias Claudius und sind so alt, wie sie klingen, gut 200 Jahre. Bekannt ist sein Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“. Aber hier bewundert er nicht den Mond, sondern sein Gesicht; und seine kindliche Freude daran kann ich direkt spüren. Mensch. Schön, dich zu sehen. Klasse, dass es dich gibt. Sagt da einer zu sich selbst. Was lässt ihn so begeistert sein? Was macht ein menschliches Gesicht schön? Für Matthias Claudius ist es:

„Dass ich Sonne, Berg und Meer,/ und Laub und Gras kann sehen./ Und abends unterm Sternenheer und lieben Monde gehen“, schreibt er weiter. Sich in der Welt zu sehen, das macht ihn glücklich. Er genießt es, in der Natur unterwegs zu sein, ihre Schönheit zu betrachten und ihre Rhythmen wahrzunehmen. Offensichtlich freut er sich an ihr.

Ich beneide ihn um seine Unbefangenheit – und ja, klar, um die so viel gesündere Natur, in der er gelebt hat: noch vor der Industrialisierung, weit entfernt von der Globalisierung und der Erderhitzung. Der Erde ging es viel besser damals. Und vielen Menschen deutlich schlechter. Das Leben war hart für alle, die arm waren. Matthias Claudius selbst hatte keine stabile Gesundheit, er lebte lang in prekären Verhältnissen und beruflicher Unsicherheit. Und sagt dazu in seinem Gedicht: „Auch bet' ich Gott von Herzen an,/ daß ich auf dieser Erde/Nicht bin ein großer reicher Mann, Und auch wohl keiner werde./Denn all das Geld und all das Gut gewährt zwar viele Sachen;/Gesundheit, Schlaf und guten Mut/kanns aber doch nicht machen“.

Zufriedene Gelassenheit strahlt Matthias Claudius aus; aber er ist weder naiv noch selbstzufrieden. „Täglich zu singen“, heißt die Überschrift über sein Gedicht: da sucht einer jeden Tag neu den Einklang mit der Welt, findet Akzeptanz und teilt sie mit.

Ich will mich von der Beschaulichkeit des 18. Jahrhunderts nicht an der falschen Stelle beruhigen lassen. Aber ich glaube, unserem Miteinander und allen Geschöpfen des 21. Jahrhundert würde es guttun, wenn mehr Menschen so eine Haltung einnehmen könnten: im Frieden mit sich selbst, positiv verbunden mit der nichtmenschlichen Schöpfung, und, zuallererst: der Welt menschlich zugewandt. Und darum schön.   

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