Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Dank neuer Technik wird heute oft das Wohn- oder Schlafzimmer auch zum Arbeitsplatz. Um die 25 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten ganz oder teilweise im Homeoffice. Das erspart den Arbeitsweg und erlaubt, die Arbeitszeit selbst einzuteilen.
Doch offenkundig macht vielen Menschen die Arbeit im Homeoffice seelisch zu schaffen. „Mir fällt jeden Morgen die Decke auf den Kopf“, klagt eine junge Programmiererin. Ihr fehlt der Orts- und Tapetenwechsel. Gleichzeitig verliert die Wohnung ihren Charakter als Rückzugs- und Erholungsraum. Am meisten aber vermissen die Home-Workers das kollegiale Miteinander am Arbeitsplatz. Kein freundliches „Hallo und wie geht’s?“ Das war einmal!. Das einzige Gegenüber ist nun ein nackter Bildschirm mit Texten, Zahlen und Tabellen – den lieben, langen Tag. Wie gern würde man sich in der Kantine treffen, sich fachlich und persönlich austauschen, Sprüche klopfen, sich über Vorgesetze lustig machen und sich einfach als Mensch fühlen. Wer auch privat – warum auch immer – allein lebt, droht in dieser Arbeit noch mehr zu vereinsamen.
In der Betriebsseelsorge unterstützen wir Erwerbstätige, stets für ein gutes Betriebsklima zu sorgen. Doch im Homeoffice gibt es gar kein soziales Miteinander, wo man sich wohlfühlen und vor allem auch mitreden und solidarisch mitbestimmen kann. „Ich ertappe mich ständig bei Selbstgesprächen“, gesteht mir ein Ingenieur in seiner Arbeitskammer. Viele fühlen sich nur noch als „Arbeitskraft“, als Maschine, aber nicht mehr als Mensch.
Daher haben wir in unserem Dekanat einen kostenlosen „Co-Working-Space“ eröffnet.1) Hier heißen wir täglich Werktätige, unter ihnen auch viele junge, herzlich willkommen. Sie stöpseln sich ein – wie gewohnt. Aber siehe da: Nebendran sitzt tatsächlich ein leibhaftiger Mensch! Man lernt sich kennen, oft entwickeln sich Freundschaften. Der Kaffee-Automat in der Lounge wird zur „Anknüpfbar“. Eine stille Lese-Ecke erlaubt auch den Rückzug. Antonia ist als kirchliche Mitarbeiterin präsent und bietet ein kleines kulturelles Rahmenprogramm. Nein – auch dieser Arbeitsplatz ist kein Streichelzoo, aber ein Wohlfühlort. Viele der Worker und Workerinnen erfahren zum ersten Mal Kirche neu und ganz anders – als Kirche an ihrer Seite. So versuchen wir, der Arbeit ihre soziale Dimension zurückzugeben, die ihr im Homeoffice abhanden kam.
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- als Beispiel: „Anknüpfbar“ im Dekanat Böblingen.
https://anknuepfbar-coworking.de/
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45136