Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

04SEP2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Erst vor kurzem hab ich mich selbst ertappt. Da will eine Frau auf die Autobahn auffahren, auf der ich auf der rechten Spur unterwegs bin. Ausweichen nach links geht nicht, da ist Verkehr. Also bremse ich leicht ab, damit sie vor mir einfädeln kann. Aber sie scheint unschlüssig, wird erst schneller, dann wieder langsamer. Traut sich offenbar nicht. Und ich? Ich fahre nicht mal 100, bin emotional aber schon auf 180. Gestikuliere und schimpfe laut vor mich hin. Kurz drauf hab ich mich gefragt: Was sollte das denn? Klar, sowas kann schnell kritisch werden. Aber muss ich deshalb sofort ausflippen? Wären wir uns nämlich direkt begegnet, von Mensch zu Mensch. Ich hätte niemals so reagiert.

Irgendwie passt das leider zur Statistik. Die sagt nämlich, dass Aggressionen auf der Straße stark zugenommen haben. Da wird längst nicht mehr nur geschimpft. Es wird beleidigt, bedroht, genötigt und manchmal sogar zugeschlagen. Die Zündschnur im Auto oder auf dem Fahrrad scheint besonders kurz. Ursachen dafür gibt’s einige. Immer mehr Zeitdruck und Stress. Mehr Autos, dichterer Verkehr und so weiter. Vor allem aber die Fixierung auf die anderen. Da sehe ich halt nur, was andere alles falsch machen. Alles Idioten, außer mir.

Da passt dann wohl die biblische Weisheit, dass man halt gern den Splitter im Auge des anderen sieht. Den dicken Balken im eigenen aber nicht wahrhaben will. Manchmal hilft es, einen Schritt zurückzutreten. Mich mal ehrlich zu fragen, wie oft ich selbst eigentlich aggressiv oder nicht aufmerksam genug fahre. Mich also auch wie ein Idiot verhalte. Und das kann schnell gefährlich werden – für mich und für andere.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45124
weiterlesen...