SWR Kultur Wort zum Tag
Ein weltbewegendes Ereignis war das damals. Die Seeschlacht von Actium am zweiten September im Jahr 31 vor Christus. Zum ersten Mal habe ich davon im Lateinunterricht gehört. Actium liegt an der griechischen Westküste. Dort hat Octavian den Machtkampf um Caesars Erbe gewonnen. Kurz darauf wurde er als Kaiser Augustus zum weltberühmten Herrscher des Römischen Reichs. Die Schlacht hat die Weichen für ihn gestellt.
Wenn ich diese großen Namen und Geschichten höre, fühle ich mich selbst manchmal ziemlich klein. Da sind Ereignisse, über die Menschen noch nach mehr als zweitausend Jahren sprechen. Und Großes passiert auch heute. Da treffen sich Staats- und Regierungschefs. Irgendwo fallen Entscheidungen, die Millionen Menschen betreffen. Ständig wird irgendwo Weltgeschichte geschrieben. Dagegen wirkt mein eigenes Leben oft klein und kurz. Was kann ich schon bewirken in den paar Jahrzehnten innerhalb einer Geschichte, die lange vor mir begonnen hat und nach mir weitergehen wird?
Dem Kaiser Augustus bin ich später noch an anderer Stelle begegnet. Er taucht im Lukasevangelium in der Erzählung von Jesu Geburt auf: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde …“ So klingt das in Luthers berühmter Übersetzung aus dem Griechischen. Kaiser Augustus ordnet eine Volkszählung an. Deshalb machen sich Maria und Josef auf den Weg nach Bethlehem.
Ziemlich klug und geschickt hat der Evangelist Lukas das gemacht: Er verwebt die Geschichte eines einzelnen Menschen mit der Weltpolitik. Augustus und Jesus, Kaiser und Kind haben etwas miteinander zu tun. Lukas stellt beide in dieselbe Erzählung. So hebt er die Geschichte von Jesus auf die große Weltbühne. Alle Augen sollen sich auf diesen Neugeborenen richten. Mit ihm, so sagt Lukas, geschieht das Entscheidende.
Gott tritt nicht im Kaiserpalast in Erscheinung, sondern in einem Stall. Nicht dort, wo Menschen Macht und Größe vermuten. Sondern dort, wo alles klein, verletzlich und unscheinbar wirkt.
So wie Lukas das gemacht hat, kann ich auch mein Leben verorten. Weil ich glaube: Gott, der schon vor Jahrhunderten und Jahrtausenden Menschen begleitet hat, kennt auch mein Leben. Das, was mich freut, belastet oder beschäftigt. Ich gehöre zu seiner Geschichte mit den Menschen.
Die großen wortwörtlich Welt-bewegenden Ereignisse wird es immer geben. Worüber man in hundert Jahren sprechen wird, ist offen. Mitten darin ist die Zeit, die uns auf Erden geschenkt ist. Sie zählt. Sie hält Aufgaben, Begegnungen und Überraschungen bereit. Auch heute. Also los in den Tag!
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