SWR Kultur Wort zum Tag

01SEP2026
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Ich werde nie vergessen, wie meine Großeltern mir zum ersten Mal von ihren Erlebnissen im Krieg erzählt haben. Wir saßen am großen Esstisch in ihrem Wohnzimmer. Die Teetassen und Kuchenteller standen schon leergegessen vor uns. Und irgendwie habe ich gespürt: jetzt könnte ein guter Moment sein, sie zu fragen: Wie war das damals eigentlich? An was erinnert Ihr Euch noch? Meine Großeltern haben gar nicht überrascht gewirkt. Sie haben sich kurz angeschaut. Und dann erzählt. Langsam und behutsam. Von Flucht. Von Angst und Armut in den Jahren nach dem Krieg. Von Erinnerungen, die sie ihr Leben lang begleitet haben.

Ich denke oft an dieses Gespräch zurück. Besonders an einem Tag wie heute. Vor 87 Jahren, am 1. September 1939, hat die deutsche Wehrmacht Polen überfallen. Millionen Menschen sollten in den folgenden Jahren ihr Leben verlieren. Das gehört zu unserer Geschichte.

Warum erinnern wir uns daran?

Was damals geschehen ist, können wir nicht ändern. Manche sind darum der Meinung, wir sollten uns stärker anderen Kapiteln unserer Geschichte zuwenden und nicht immer wieder auf Krieg und Schuld zurückblicken. Aber woran wir uns erinnern, das bleibt nicht folgenlos. Denn Erinnern hat mit mehr zu tun als mit der Vergangenheit. Es betrifft uns und unsere Gegenwart. Es verändert diejenige, die sich erinnert.

Erinnern bedeutet ursprünglich: etwas wieder ins Innere, ins Bewusstsein holen. Das funktioniert nie perfekt und bedarf eines wiederholten Trainings. Der christliche Glaube hat Übung im Erzählen und Weitererzählen. Immer wieder kreisen seine Geschichten um das Nicht-Vergessen. Menschen erinnern sich an das, was sie und ihre Vorfahren geprägt hat. An Leid. An Befreiung. Und wie ihnen in alledem Gott begegnet ist.  Das gibt den Erzählerinnen und den Zuhörern Orientierung. 

Bei meinen Großeltern kann ich das sehen. Bis heute sind ihnen ein voll gedeckter Tisch, ihr eigenes Haus und ein Leben in Frieden kostbar. Je öfter sie erzählen, desto mehr werden ihre Erinnerungen Teil meines Lebens. Ich bin dankbar, dass ich von ihren schweren Tagen weiß. Es hält mich wachsam dafür, wie wertvoll Frieden ist und welche Zukunft ich mir wünsche. Darum möchte ich auf diesen Gedenktag nicht verzichten.

Ich denke heute auch daran, was meine Großeltern aus ihren Erinnerungen gemacht haben. An ihre Lust zu leben. Eine Familie zu gründen. An ihr Vertrauen, dass die Zukunft mehr bereithält als Angst und Krieg.     

Heute erinnern wir uns an beides. An Krieg und Schrecken. Und daran: Menschen haben Versöhnung gesucht, um Frieden gebetet und sich für ihn eingesetzt. Von beidem sollten wir weitererzählen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45102
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