Begegnungen

06SEP2026
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Pfarrerin i. R. Manuela RImbach-Sator Foto: Hilke Wiegers

Anne Waßmann-Böhm trifft Pfarrerin Manuela Rimbach-Sator

40 Jahre lang war sie Gemeindepfarrerin in Rheinhessen und kennt das Leben der Leute hier: die Arbeit in den Weinbergen im Rhythmus der Jahreszeiten. Und genau deshalb hat ihre Landeskirche sie jetzt, im Ruhestand, mit einer neuen Aufgabe betraut: der Winzerseelsorge. Aber warum braucht es für Winzer überhaupt ein eigenes Angebot?

Dahinter steckt die Wahrnehmung, dass es in der Weinbaubranche im Augenblick ganz besonders krisenhaft ist und dass es den Winzerinnen und Winzern, gerade den kleinen Betrieben, im Moment sehr schlecht geht und das belastet diese Menschen so sehr, dass manche sehr, sehr verzweifelt sind.

Auch früher ist das Geschäft mit dem Wein mal besser mal schlechter gelaufen – je nach Wetter oder auch der Kauflaune der Leute. Jetzt kommt aber eine Vielzahl neuer Herausforderungen noch oben drauf: Ein kompliziert gewordener Absatzmarkt, hohe Zölle im Auslandsgeschäft…

…oder die Klimakrise bewirkt, dass sich die Rebstöcke anders verhalten, die Schädlinge verhalten sich anders, die Winzer müssen mehr darauf reagieren, unter Umständen häufiger in den Wingert fahren. Das bedeutet, sie haben höhere Personalkosten, sie haben höhere Benzinkosten, also auf allen Ebenen ist das gerade besonders kompliziert geworden. Und manche mussten bereits das, was sie fürs Alter zurückgelegt haben, in den Betrieb stecken … Und das bedeutet, dass viele Winzer an dem Punkt stehen, dass sie sich fragen, ob sie nicht komplett aufgeben müssen, den Betrieb einstellen.

Was das mit den Menschen macht, kann Manuela Rimbach-Sator gut nachfühlen.

Mein ganzes Leben lang habe ich mit Winzern auch als Pfarrerin zu tun gehabt. Oft waren Winzer bei mir im Kirchenvorstand. Meine Konfirmanden haben selbstverständlich Trauben gelesen, damit der Wein zu ihrer Konfirmation selbst von ihnen gelesen war...Ich bin seit ungefähr 20 Jahren Mitglied der Weinbruderschaft Rheinhessen.

Und nun ihre neue Aufgabe: Menschen zu begleiten die vor der Entscheidung stehen: Aufgeben oder nicht? Gerade in Familienbetrieben weit mehr als eine wirtschaftliche Entscheidung.

Und das ist wiederum für einen Winzer emotional fast nicht zu machen, wenn man sich überlegt, diese Betriebe sind oft in der zweiten, dritten, vierten Generation, und gegenüber meinem Vater, meinem Großvater, zu sagen, ich bin derjenige, der den Betrieb jetzt abwickelt, das ist eine große Hürde.

Aber wie kann eine Winzerseelsorgerin helfen? Was können die Betroffenen mit der Pfarrerin besprechen, das sie mit Kollegen, Freunden oder Familie nicht besprechen können?

Mit mir können sie zunächst einmal etwas besprechen, von dem sie sicher sind, es erfährt sonst niemand. Es bleibt zwischen dem Gesprächspartner und mir.

Denn zuzugeben: „Ich kann nicht mehr.“ das ist schwer. Das geht leichter in einem geschützten Raum und bei einer Außenstehenden. Und wenn nun jemand anruft und sagt, ich weiß nicht mehr, wie es weitergehen soll. Was sagt die Seelsorgerin so jemandem?

Dann sage ich, erzählen Sie mir, was heute der Anlass war, weshalb Sie besonders heute nicht mehr können. Und dann gibt es manchmal einen Anlass, warum gerade jetzt der letzte Tropfen das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Und dann schauen wir uns diesen Anlass an und schauen von da aus weiter, was sonst alles noch ist.

Es sind ganz unterschiedliche Dinge, die das Fass zum Überlaufen bringen können. Manchmal nur Kleinigkeiten. Besonders dramatisch wird es aber, wenn es um Alter oder sogar Tod geht.

Wenn es ein Ein-Mann-, Zwei-Mann-Betrieb ist, dann ist die Krise sehr schnell, sehr existenziell. Und was besonders noch die Sache verschlimmert, ist, wenn vielleicht sogar ein Todesfall eintritt, wenn der Betriebsleiter plötzlich stirbt, oder wenn einfach die Generation, die mithilft, älter wird und nicht mehr mithelfen kann.

An diesem Punkt wird mir klar: Es geht um weit mehr als die wirtschaftliche Existenz. Das alles zusammen kann eine Seele nur schwer verkraften. Und wenn ein Betrieb wirklich nicht mehr zu retten ist, dann kommt auch noch die Scham dazu:  

Menschen halten sich für Versager, auch wenn alle anderen sagen, du bist nicht dran schuld, kann es unter Umständen sich doch so anfühlen, als hätte man da versagt und hätte etwas falsch gemacht.

Wer mit solcher Last auf der Seele bei der Winzerseelsorgerin anruft, findet bei ihr natürlich nicht die Lösung für all diese Probleme, dafür aber einen Menschen, der diese Nöte mit aushält.

Es ist eigentlich sehr viel schlimmer, das nicht auszusprechen und das laufen zu lassen und sich keine Hilfe zu holen. Und da kann die Seelsorge begleiten und kann sagen, du bist nicht dran schuld, wenn du diese ganzen Krisen, die um dich herum entstehen, als zu groß empfindest. Das ist kein Versagen, das ist eher sogar ein angemessenes Reagieren auf die Situation.

Das ist wohl der Kern ihrer Arbeit als Winzerseelsorgerin: Anlaufstelle zu sein, wenn die Betroffenen gar nicht mehr wissen, wohin mit ihrer Not.

Und in der Regel erlebe ich, dass Menschen manchmal wirklich vor allem diese Erfahrung machen müssen, dass einer mit ihnen aushält, was sie da gerade an Problemen haben. Aushält und dann sortiert.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45100
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