Begegnungen

23AUG2026
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Ralf und Steffi Köster am Ziel ihrer Reise: am Lister Ellenbogen auf Sylt. Foto: privat

Martina Steinbrecher trifft  Ralf Köster aus Karlsruhe-Durlach

Zusammen mit seiner Frau Steffi hat Ralf Köster in siebzig Tagen Deutschland von Süd nach Nord durchwandert. Allerdings nicht am Stück, sondern etappenweise in sieben Jahren. Angefangen hat alles im Jahr 2020 am Haldenwanger Eck, dem südlichsten Punkt Deutschlands.

Und ich war erst mal sehr skeptisch, weil es erschien mir schon sehr weit, sehr lang, beide berufstätig; ich voll. Und dann haben wir aber gesagt, ok, es fängt ja in Bayern an; das ist ja schön da, da probieren wir doch das mal.

Die beiden starten gut vorbereitet und sind keine Anfänger. Den Westweg durch den Schwarzwald sind sie schon gegangen, machen regelmäßig Wochenendtouren mit anderen Eltern aus der Kindergartenzeit ihrer Kinder: Ralf organisiert die Touren für die Männer; Steffi ist mit den Frauen unterwegs. Auch eine Alpenüberquerung haben sie schon hinter sich. Trotzdem sind nicht nur die täglichen zwanzig Kilometer, die sie sich vorgenommen haben, eine Herausforderung.  Sondern auch die richtige Menge an Gepäck:

Im ersten Jahr hatte mal Steffi ein schönes Kleid dabei und ich ne Jeans wegen des einen Hotels, das haben wir in Friedrichshafen dann am Bodensee auf die Post gebracht, haben ein Paket geschickt, weil das Quatsch war, und das haben wir in Zukunft dann vermieden. Also, ich hab manchmal sogar Lotto gespielt unterwegs: Ich hab die Regensachen zuhause gelassen, hab gedacht, hm, zehn Tage tolles Wetter, ich nehme keine Regensachen mit. Und dieses Jahr hatten wir Glück: Wir waren zehn Tage unterwegs, wir hatten keine einzige Minute Regen.

Mit wie wenig Sachen man unterwegs letztlich auskommt! Das ist eine der beglückenden Erfahrungen, die Kösters unterwegs gemacht haben. In den ersten Jahren war Ralf noch voll berufstätig; mit 63 ist der Entwicklungsingenieur dann in Rente gegangen. Seine Frau arbeitet noch in einer Anwaltskanzlei. Wenn sie dann mal beide in Rente sind, wird erst recht weitergewandert.

Ich glaub, im ersten Jahr war uns das gar nicht so bewusst, dass wenn man losläuft, ist alles, was einem im Alltag nachts vom Schlafen abhält, Kopfkino, da gibt es ein Problem und da, das ist sofort weg, also das war wirklich erstaunlich und ab dem zweiten Jahr hab ich das dann auch gemerkt und hab es auch genossen.

Genossen haben die beiden auch die Wege durch bis dahin unbekannte Landschaften, verschlafene Dörfer ohne Einkaufsmöglichkeiten, den Wechsel von öden Strecken und überraschend schönen Abschnitten, das unmittelbare Erleben der Natur:

Wir haben dieses Jahr einen Specht beobachtet, wie er in der Höhle seine Jungen füttert, mit dem Fernglas, oder mal einen Fuchs, wie er gejagt hat, die springen ja dann so hoch, hab ich vorher noch nie gesehen in meinem Leben, das ist schon sehr bemerkenswert.

Das Schönste waren dann aber doch die Begegnungen mit anderen Menschen. Nur 20 andere Langstreckenwanderer sind ihnen in den sieben Jahren unterwegs begegnet. Allerdings hätten sie sich vorher auch nicht träumen lassen, einfach irgendwo zu klingeln und um Wasser zu bitten. Überall durften sie ihre Trinkflaschen auffüllen. Dazu die unvergesslichen Erlebnisse in den Übernachtungsquartieren. Zum Beispiel bei Frau Schmidt im Hohenlohischen, die ihren früheren Edeka-Laden zur Pilgerherberge umgebaut hat und nun dort Gäste bewirtet. Und mehr als das:

Als wir abends gegessen hatten, kam sie wieder und hat gesagt, ja, mein Mann und ich, wir spielen immer Musik in Altersheimen. Mein Mann spielt Akkordeon und ich singe und wenn wir Spaß dran hätten, dann haben die für uns im Wohnzimmer oben eine Stunde lang gesungen, und es war schon sehr, sehr bewegend.

Als Pilgerweg haben Steffi und Ralf Köster ihre Deutschlandtour nicht verstanden. In diesem Jahr, dem siebten ihrer Reise, haben sie den nördlichsten Punkt erreicht: Den Lister Ellenbogen auf Sylt. Nach so vielen unterschiedlichen Landschaften, bergauf und bergab, verlief es am Ende noch mal ganz entspannt:

Überrascht hat uns auch die Strecke Hamburg nach Brunsbüttel an der Elbe entlang, schöne Wege zum Wandern, topfeben, man hat da ja keine Steigungen mehr, und natürlich wenn man dann an der Küste ist und die Insel Sylt mit ihrem riesigen weißen Sandstrand; die kannten wir aber schon, und da am Meer fühlen wir uns immer wohl.

Sich wohlfühlen, an Grenzen gehen. Abschalten können und offen sein für Neues: Ihre Wanderung haben Steffi und Ralf Köster nicht als Pilgerweg angelegt. Und haben trotzdem und vielleicht gerade beim Wandern die Spiritualität kirchlicher Orte entdeckt:

Wir haben oft festgestellt, wenn man eine Rast gebraucht hat, im Umfeld von Kirchen gibt es immer große Bäume, Schatten und eine Bank. Das haben wir ganz oft genutzt, auch dieses Jahr wieder. Und wir waren oft auch in den Kirchen drin. Und dann haben wir uns oft auch mal hingesetzt und zehn Minuten einfach mal Stille gehalten und das war immer sehr, sehr schön.

Es zählt der Augenblick. Wer ihn genießen kann, braucht nicht viel zum Glück. Das stressfreie Leben schätzen Steffi und Ralf Köster übrigens auch im Alltag. Mit der Geburt ihres ersten Kindes haben sie vor über dreißig Jahren ihr Auto verkauft und sind seither auch mit drei erwachsenen Kindern und Enkelkind mit dem Rad, der Bahn oder eben zu Fuß unterwegs. Das wollen sie auch für künftige Urlaube so beibehalte. Denn, so fasst Ralf Köster die Erfahrungen ihrer Deutschlandreise zusammen:

Wir kennen unsere Grenzen jetzt, auch bei 35 Grad kann man noch wandern; sechs Kilo Gepäck reichen. Man kann nirgendwo so gut abschalten wie beim Wandern und wir beide können das super zusammen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45099
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