Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

28AUG2026
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„Mama, da ist ein Einhorn“, ruft eine helle Stimme neben mir am Tisch im Café. Das dazugehörige Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt, schwingt ihre Flechtzöpfe und ist wahrlich aufgeregt. „Ein echtes Einhorn, guck doch mal!“ Und schon ist sie verschwunden, die Kleine. „Wer Augen hat zu sehen, der sehe“, heißt es in der Bibel. Aber manchmal trau ich meinen Augen nicht.

Ich sitze mitten in Speyer, auf der Maximilianstraße - und ein Mädchen samt Einhorn wird vermisst. Hab ich geträumt? Nein, denn die Mama ruft jetzt unter den Tisch: „Komm wieder hoch, Anne, was soll das…“ Mama redet weiter mit ihrer Freundin, versucht es zumindest. „Also guckst du jetzt oder nicht“, ruft die Stimme – noch immer unterm Tisch.

„Da ist kein Einhorn zu sehen“, lacht Mama „da unten siehste schon gar nix.“ „Doch, von hier musst du gucken, Mamaaa!“. Die aber will sich weiter unterhalten. Und zwinkert der Freundin zu: „Kinder, was die alles sehen.“ „Nur weil du nie richtig hinguckst“, motzt es von unten. „Na gut“ jetzt bückt sich Mama untern Tisch. „Guck, ganz da oben,“ die Tochter zeigt gen Himmel. „Ja, echt, da sitzt eins“, Mama ist verblüfft, „auf der Apotheke“.

Tatsächlich. Jetzt sehe ich’s auch. Zum ersten Mal. Hoch oben auf dem Giebel thront es: Das Einhorn. Ein Einhorn-Kopf zumindest. Eine Skulptur vor stahlblauem Himmel. „Siehste, Mama“, die Kleine kommt mit rotem Gesicht nach oben, „du glaubst mir oft nicht“. „Hast recht, Anne“, lacht Mama und umarmt sie, „du siehst oft was, was ich nicht seh´“. Tja, Kinder sind Augenöffner für so manche Dinge zwischen Himmel und Erde, denke ich. Und muss grinsen, denn ich weiß nun endlich, warum die Apotheke Einhorn-Apotheke heißt.

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