Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Mit Mechthild Werner, guten Morgen. „Gott sei Dank.“ Das sagt sich so dahin. Aber was heißt das eigentlich? Ganz einfach: Nicht eben so dahinleben. Sondern bewusst und achtsam. „Drei Dinge, zum Dankesagen, jeden Tag“, meint die Theologin Dorothee Sölle. Ich habe drei.
Ein Moment in aller Frühe. Alle schlafen noch. Nur die Vögel im Garten üben Tonleitern. Ich öffne die Balkontür. Die Schwüle der Nacht drückt sich nach draußen. Die Wäsche auf dem Balkon riecht nach Spätsommer. Ich blinzle müde in den Himmel. Blassblau, weiß, wunderbar. Der Morgen sieht aus wie frischgewaschen. So fühlt sich Frieden an, denke ich. DANKE.
Dann – zweiter Moment - im Bad. Fast wäre ich auf ihn getreten. Auf den Fliesen vorm Waschbecken räkelt sich Kater Koschka. Kaum zu sehen, rotwuschlig sein Fell auf dem dunkelroten Stein. Er dreht sich wohlig auf den Rücken, maunzt, die Grünaugen sagen: streichle mich. Und schon als ich mich bücke, ein Schnurren. Den Bauch Richtung Fenster und Morgensonne. Unbeschwert, ganz im Moment. Wie früher, meine Sommertage auf der Wiese am See. Der Kater erinnert mich daran: Lebe! Ja, ich lebe. Gott sei DANK.
Als ich die Treppe runtergehe – dritter Moment - winkt sie aus der Türe: Gisela, unsere gute Seele im Haus, 92 Jahre alt. „Ich muss dir was erzählen“. Wie lange konnte sie nicht mal mehr stehen vor Schmerzen. Wie oft habe ich bei ihr am Klinikbett gesessen. Wie oft hat sie gemeint, ins Pflegeheim zu müssen. „Meine Enkelin in Frankreich ist schwanger. Ich krieg ein Urenkelchen…“, sagt sie heiser vor Aufregung, „Gott sei Dank geht´s mir besser, ich soll nach Paris, meinst du, ich schaffe das?“ „Aber ja“, sag ich. So glücklich und jung hat sie lange nicht ausgesehen. DANKE, Gott.
Drei Dinge, jeden Tag zum Danken. Das lässt sich versuchen. Vielleicht werden es sogar täglich mehr.
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