Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Das war vorletzte Woche schon etwas Besonderes: die Sonnenfinsternis. Ich und ein paar Freunde, wir haben sie von der Achalm aus angeschaut, dem Hausberg von Reutlingen. Freier Blick nach Westen, klarer Himmel, leichter Wind. Es war eine ganz eigene und besondere Stimmung. Gefühlt hatte sich die halbe Stadt versammelt, um gemeinsam der Sonne beim Verschwinden zuzusehen.
Auf dem Höhepunkt gab es sogar Applaus für die Sonne. Man könnte sagen: Was für ein Quatsch. Aber ich mochte das. Menschen, die sonst vermutlich wenig miteinander zu tun haben, teilen für einen Moment dieselbe Begeisterung.
Wir hatten gesehen, dass eine Gruppe von drei Menschen unterhalb von uns keine Schutzbrillen dabeihatte und stattdessen mit mehreren übereinandergesetzten Sonnenbrillen versuchte, die Sonnenfinsternis zu verfolgen. Also haben wir uns kurzerhand abgewechselt und eine unserer Brillen weitergegeben. Die drei Freunde waren überglücklich.
Was aber noch viel schöner war: Eine andere Gruppe neben uns hatte beobachtet, wie wir die Brille geteilt haben. Wenig später fiel ihnen ein Pärchen auf, das ebenfalls keine Schutzbrille dabeihatte. Also haben sie ihrerseits eine Brille weitergegeben.
Innerhalb weniger Minuten war aus einer kleinen Geste etwas geworden, das sich ausbreitete. Niemand hatte darüber gesprochen. Niemand hatte andere dazu aufgefordert. Es war einfach passiert.
Das hat mich an einen Film erinnert, den ich vor vielen Jahren gesehen habe. Darin will ein Junge die Welt verändern. Er tut anderen etwas Gutes und bittet sie, nicht ihm etwas zurückzugeben, sondern stattdessen drei weiteren Menschen zu helfen.
Lange habe ich das für einen schönen, aber ziemlich utopischen Gedanken gehalten. An diesem Abend auf der Achalm habe ich ihn anders gesehen. Vielleicht ist es wirklich manchmal so einfach. Dass Teilen andere zum Teilen anregt. Vielleicht steckt in einer weitergegebenen Brille schon mehr Veränderungskraft, als man denkt.
Der christliche Glaube erzählt immer wieder von solcher Hoffnung. Dass Gutes Kreise ziehen kann. In einem bekannten Lied heißt es: „Segen kann gedeihen, wo wir alles teilen.“ Und da steckt ein tiefer Gedanke drin: Teilen macht nicht weniger, sondern mehr. Aus einer kleinen Gabe kann etwas Größeres wachsen.
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