Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

29AUG2026
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Vor gut einem Monat habe ich davon gelesen. In einem großen Einkaufszentrum in der Stadt wurde eine Frau von ihrem Ex-Partner mit angegriffen und schwer verletzt. Bei allem Schreck war ich für eine Sache dankbar: In den Zeilen, die ich dazu gelesen habe, war nicht von „Familiendrama“ oder „Beziehungstat“ die Rede. Lange wäre mir das gar nicht aufgefallen. Erst in den letzten Jahren habe ich gelernt, warum solche Begriffe problematisch sind.

„Familiendrama“ klingt nach einem tragischen Schicksal, das über eine Familie hereinbricht. „Beziehungstat“ beschreibt zunächst nur den Rahmen, in dem die Tat geschieht. Beides lenkt leicht vom Wesentlichen ab: Hier handelt ein Mensch gewalttätig gegen einen anderen. Und statistisch sind es im sozialen Nahraum meist Männer, die Gewalt ausüben, während Frauen die Opfer sind.1 2

Und wenn wir von einem Familiendrama sprechen, rückt die Gewalt selbst oft in den Hintergrund. Sie erscheint als tragischer Teil einer konflikthaften Beziehung. Doch Gewalt ist kein Schicksal. Sie ist eine Entscheidung und hat Verantwortliche.3

Wir müssen das Problem benennen. Schwere körperliche Gewalt gegen Frauen wird überwiegend von Männern verübt. Und niemand wird ein so komplexes Problem4 mit einer einzigen Maßnahme lösen. Es braucht Schutzräume für Frauen. Gute Präventionsarbeit. Beratungsangebote. Eine Justiz, die aufmerksam hinschaut. Ich meine, wir müssen darüber spreche, welche Vorstellungen von Männlichkeit wir Jungen und Männern vermitteln:5 wie wir über Macht denken, über Kontrolle, über Kränkungen und Konflikte - wie wir reagieren, wenn jemand Hilfe braucht oder Gewalt ausübt -  und wie wir Männer selbst mit Abweisungen und Schwäche umgehen. Wir brauchen eine Gesellschaft, die Gewalt nicht verharmlost und privatisiert als Beziehungsdrama.

Denn das klingt dann fast so, als hätten die Umstände die Tat verursacht. Doch hinter solchen Worten kann leicht verschwinden, dass ein Mensch Verantwortung für sein Handeln trägt. Die Dinge beim Namen zu nennen, gehört zur Wahrhaftigkeit. Deshalb müssen wir fragen, woher Gewalt kommt, welche Vorstellungen von Männlichkeit wir weitergeben und wie wir mit Macht, Kränkungen und Konflikten umgehen.

Das ist nicht männerfeindlich. Im Gegenteil: Wenn wir Gewalt verhindern wollen, müssen wir auch über die Bedingungen sprechen, unter denen sie entsteht. Gelingt es, festgefahrene Muster zu durchbrechen, profitieren alle davon. Männer, weil sie bessere Wege finden können, mit Verletzungen und schwierigen Gefühlen umzugehen. Frauen, weil weniger von ihnen Gewalt erfahren oder sogar ihr Leben verlieren.

1Gewalt im Geschlechterverhältnis im engen sozialen Nahraum - Bundesstiftung Gleichstellung

2 Weibliche und Männliche Opfer von Partnerschaftsgewalt - Open Data Portal

3 Warum ein Femizid weder "Familiendrama" noch "Beziehungstat" ist | BR24

4 BKA - Meldungen - Polizeilich erfasste Gewalt gegen Frauen nimmt weiter zu
5 Toxische Männlichkeit - woher kommt der Hass auf Frauen? | tagesschau.de

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45084
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