SWR4 Abendgedanken
Es gibt so ein Lied, dass ich seit Wochen in den sozialen Netzwerken immer wieder höre. In einer sehr hohen Tonlage singt jemand immer wieder diese Worte: „Du bist gut genug.“ Anfangs fand ich es ein bisschen nervig. Weil mir diese hohe Stimme so penetrant ins Ohr singt. Inzwischen find ich es ziemlich gut. Weil in diesem Lied eine total wichtige Aussage steckt. Und es hat einen Grund, warum es so erfolgreich ist. Es spricht bei vielen eine Sehnsucht an.
Zu mir kommen regelmäßig Menschen, die mit mir über ihr Leben und ihren Glauben reden. Nicht wenige erzählen, dass ihnen als Kind eingetrichtert worden ist: Du bist nicht gut genug. Manchmal von Eltern, manchmal aber auch von Lehrern oder Trainern. Dass sie in Mathe zu schlecht sind, nicht brav genug sind oder nicht gut genug Fußball spielen. Meistens sicher nicht mit böser Absicht, sondern als Motivation. Um besser zu werden. Sich anzustrengen. Ich musste das als Kind manchmal auch hören.
Aber was passiert, wenn jemand das zu oft hört? Wenn Kinder, aber auch Erwachsene, immer und immer wieder gesagt bekommen: „Du bist nicht gut genug. Du musst mehr sein. Dich mehr anstrengen.“
Meine Erfahrung ist: Manche brauchen dann Jahre, um zu verstehen, dass ihnen das nur von außen eingetrichtert worden ist. Sie haben das jahrelang wirklich geglaubt. Oft an sich gezweifelt.
Dabei erzählt uns zum Beispiel die Bibel von Anfang an etwas ganz anderes. An der Stelle, wo es darum geht, wie Gott die Welt und den Menschen geschaffen hat, steht: Er sah, dass es gut war. Das ist die Grundlage auf dem alles weitere in der Bibel erzählt wird. Und das ist auch die Grundlage des christlichen Menschenbildes. Dass jeder von uns gut ist, ohne irgendetwas zu leisten.
Das heißt nicht, dass alles gut ist, was wir tun. Aber, dass ich trotz allem, was manchmal schief geht oder wo ich hinter meinen oder anderen Erwartungen zurückbleibe, trotzdem vor Gott gut genug bin.
Ich glaube, das können wir gar nicht oft genug hören.
Deswegen möchte ich ihnen heute eine kleine Übung vorschlagen. Wenn sie nachher im Bad vor dem Spiegel stehen. Schauen sie sich mal bewusst ins Gesicht. Vielleicht sehen sie jemanden, der müde vom Tag ist. Sagen sie sich selbst: Du bist gut genug. Trotz allem. Sie können es auch singen. Aber sagen reicht auch schon. Egal, wie dieser Tag war: Du bist gut genug!
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