SWR4 Abendgedanken
Als Zivi habe ich beim Roten Kreuz gearbeitet. Das ist lange her, aber viele Begegnungen habe ich bis heute nicht vergessen. Ich erinnere mich zum Beispiel sehr gut an eine ältere Dame. Ich schätze, sie war damals um die achtzig. Für mich mit Anfang zwanzig auf jeden Fall unglaublich alt.
Die Dame war verwitwet, hatte zuvor ihren schwer kranken Mann gepflegt, und ist deshalb jahrelang kaum aus dem Haus gekommen. Sie erzählte mir, was ihr Mann vor seinem Tod zu ihr gesagt hatte: „Du musst mir etwas versprechen. Wenn ich gestorben bin, dann mach bitte alle Reisen, die du nicht machen konntest, weil Du wegen mir hier daheim warst. Bitte versprich mir das.“ Und genau das hat seine Frau dann getan!
Sie muss so Mitte siebzig gewesen sein als ihr Mann starb und dann ging sie auf Reisen. Sie war in Japan, Neuseeland, Brasilien und ich weiß gar nicht, wo überall sonst noch. Ich war so beeindruckt. Diese ältere Dame, die für mich, als junger Kerl, quasi am Ende ihres Lebens stand und die in den wenigen Jahren zuvor, mehr von der Welt gesehen hatte als viele Menschen in ihrem ganzen Leben.
Was ich damals gelernt habe und was mich heute immer noch fasziniert ist: Alt sein heißt nicht immer automatisch: Das Leben wird kleiner, da passiert nicht mehr viel. Natürlich bedeutet Älterwerden auch immer mehr Einschränkungen in Kauf zu nehmen. Nicht mehr so fit zu sein, wie früher.
Aber eben nicht nur das. Es gibt immer auch die Chance, was Neues zu beginnen und zu entdecken. Vielleicht muss es nicht immer gleich eine Japanreise sein, aber vielleicht eine neue Sprache lernen oder sogar noch eine neue Liebe kennenlernen. Vielleicht auch einen jahrelangen Streit beilegen. Als Christ glaube ich, dass es immer Neues gibt. Meine Hoffnung geht noch weit über das Altwerden hinaus. Weil ich an eine Auferstehung nach dem Tod glaube.
Ich glaube an einen Gott, der mir immer neue Aufbrüche und Anfänge schenkt. Nicht alles auf einmal. Das war auch bei der älteren Dame nicht so. Alles hat seine Zeit.
Aber sicher ist: Leben und Älterwerden, heißt eben nicht nur, immer weniger zu werden. Denn, wenn man neugierig bleibt, dann gibt es auch immer noch was zu entdecken und zu hoffen.
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