Begegnungen

Caroline Haro-Gnändinger trifft: „Schwalbe“ aus Stuttgart. So ist sein Spitzname. Er ist 54 und lebt schon seit knapp 30 Jahren auf der Straße. Inzwischen ist er ziemlich bekannt. Denn vor einem dreiviertel Jahr, zu Weihnachten, hat er 200 Euro gespendet, für alleinerziehende Mütter in Not, weil er Christ ist. Von Jesus spricht er immer auf Englisch, Jesus.
Ich bin überzeugter Christ und an Weihnachten hat Jesus Geburtstag und es war einfach mein Geburtstagsgeschenk an Jesus.
Er erzählt mir, dass er immer mal wieder zu Weihnachten für andere spendet. Geld vom Pfandflaschensammeln und davon, was ihm Passanten geben:
Auch die Jahre vorher schon - einem Gott, dem schon alles gehört, was soll man dem zum Geburtstag schenken? Also mache ich, was in seinem Sinne ist. Also, an alleinstehende Mütter mit Kindern, weil die auch nicht so von der Gesellschaft beachtet werden und denen geht es auch nicht so gut.
Für sie hat er die 200 Euro Spenden mit einem Brief bei einer Ordensfrau eingeworfen, Schwester Nicola Maria, er nennt sie Schwester Nico, und sie hat alles an den Sozialdienst katholischer Frauen weitergegeben.
Letztes Weihnachten habe ich es so in einen Briefkasten reingeschmissen, mit der Spende. Schwester Nico, die macht es schon - und fertig. Dass da mal was Größeres draus wird, war ja nicht mal in meinem Sinn oder nicht mal ein Gedanke.
Ja, ein Stein ist ins Rollen gekommen - durch Artikel über ihn haben auch viele andere Menschen aus Solidarität gespendet. Für alleinerziehende Mütter in Not. Dann auch für obdachlose Frauen – Stand Ende Juli mehr als 100.000 Euro. Dafür hat Schwalbe gemeinsam mit dem Sozialdienst katholischer Frauen eine Stiftung gegründet – die Schwalbenneststiftung.
Ich denke mal, Frauen haben es eh schwerer auf der Straße. Ein Mann kann sich eher noch zur Wehr setzen als eine Frau. Wo ich jetzt gehört habe, dass es so und so viele Frauen auf der Straße gibt, ich weiß jetzt die Zahlen nicht so, aber ich war auch ein bisschen überrascht, weil ich glaubte, das sind eigentlich weniger. Obdachlose Frauen sieht man nicht so in der Öffentlichkeit.
Tatsächlich ist circa jede fünfte obdachlose Person in Deutschland eine Frau - und Frauen verstecken ihre Obdachlosigkeit eher. Schwalbe möchte sie unterstützen. Wenn sie schon obdachlos sind. Oder damit sie gar nicht erst hineingeraten. Abrutschen kann man schneller als man denkt.
Ich kann jetzt hundert Obdachlose hinstellen, du hast hundert verschiedene Geschichten. Ich habe im Laufe der Jahre auch Leute kennengelernt, die waren früher mal gehobene Gesellschaft - Ärzte, Rechtsanwälte... Autounfall, Frau und zwei Kinder tot, der Typ fängt an zu saufen. Wenn der nach zwei, drei Wochen nicht wieder klarkommt, dann ist der Job weg. Die Wohnung, die die Leute haben, zahlt das Sozialamt auch nicht. Also ist er irgendwann auf der Straße. Und das kann jedem passieren.
Ich treffe „Schwalbe“. Er ist wohnungslos. Und hat mit seiner Spende von 200 Euro an Frauen in Not eine große Spendenwelle ausgelöst. Auch ihm wollten viele was geben, aber er wollte nichts nehmen. Nur einen Biwak als extra Schutz für seinen Schlafsack hat er behalten.
Ich habe alles, was ich brauche. Was ich nicht habe, brauche ich nicht. Zum Leben braucht man ja nicht viel. Also ich habe meinen Essen, ich habe meinen Tabak. Ich habe ein bisschen Geld auf der Seite. Ich habe mein Schlafsack, ein paar Klamotten. Wenn ich ständig alles annehmen würde, dann bräuchte ich einen 40 Tonner-LKW, wo ich den ganzen Scheiß‘ reitschmeißen kann. Den schenkt mir aber keiner.
Seine Habseligkeiten bewahrt er in mehreren Tüten und einem Kinderwagen auf. Seit fast 30 Jahren lebt er auf der Straße – war in der Nähe von Augsburg, in Berlin und anderen Städten, aktuell sitzt er meist im Stuttgarter Schloßgarten. Wie ist es überhaupt dazu gekommen?
Ich bin ja mehr oder weniger ein Aussteiger, das war nicht direkt ein Schicksalsschlag. Ich bin dann mit 14 schon bei mir in der Kleinstadt in die Punkszene gekommen. War immer gut am Saufen. Und mit 19 dachte ich: Ich fang jetzt mal einen Führerschein an. Und dann habe ich das Auto von meinem Stiefvater verschrottet. Ich bin ein paar Kilometer nach Hause, habe meine Sachen zusammengepackt - das gibt Stress, da hab ich keinen Bock drauf - und bin weg.
Und seitdem fast durchgehend obdachlos. Er sagt, dass er von zehn Euro am Tag lebt und alles hat, was er braucht. Und doch höre ich raus, dass das Leben auf der Straße nicht ohne ist:
Im letzten Jahr gab es 2600 gemeldete Straftaten gegen Obdachlose, also die Dunkelziffer ist ein bisschen größer. Da frage ich mich ja auch, was soll der Scheiß, warum? Bloß weil ich obdachlos bin, werde ich zusammengeschlagen? Also mir ist es zwar noch nicht passiert, aber wenn ich dann höre, wie vor ein paar Jahren: Jugendliche zünden Obdachlosen im Schlafsack an, da fehlt es irgendwo, oder?
Ja, das ist schrecklich. Da fehlt es an Mitmenschlichkeit und Verantwortung für andere. Woher nimmt er Kraft und Zuversicht? Schwalbe sagt: auch durch seinen christlichen Glauben.
Ich meine, Jesus, ist 24 Stunden am Tag bei mir, auch wenn ich nicht immer spür, aber gerade so abends, wenn ich bei mir auf Platte bin, wenn ich für mich alleine bin und keinen Menschen mehr sehe - dann ist es teilweise schon ein bisschen intensiver. Weil ich merke, wie eine unsichtbare Decke um mich herumgelegt wird, einfach nur Frieden und innere Freude.
Er erlebt Gott immer wieder – eben auch in der Schöpfung:
Jetzt vor Kurzem waren ja noch die Glühwürmchen unterwegs, da habe ich gemeint: Ey, Jesus, geile Erfindung.
Was er Jesus letztes Weihnachten zum Geburtstag geschenkt hat, seine Spende für Frauen in Not, hat dazu geführt, dass inzwischen viele Menschen für wohnungslose Frauen spenden. Schwalbe glaubt, dass da auch Gott am Werk ist:
... hast du schon mal den Wind gesehen? Du siehst vielleicht die Auswirkungen, wenn jetzt ein paar Blätter rascheln oder sich im Wind bewegen, aber wie der Wind aussieht, weiß ich auch nicht. Aber du kannst den Wind spüren und es ist bei Gott auch so.
