SWR4 Abendgedanken

02SEP2026
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Wo kann man Gott finden? Manche sagen: Gott begegnet mir in der Natur. Wenn ich auf einem Berggipfel stehe und weit ins Land schaue, fühle ich mich dem Himmel ganz nah. Andere erleben Gottes Gegenwart in der Musik. In einem Konzert oder beim gemeinsamen Singen im Chor. Wieder andere spüren etwas von Gott, wenn sie eine alte Kirche mit ihrer besonderen Atmosphäre betreten. An vielen Orten ahnen Menschen etwas von Gott. Und meistens handelt es sich dabei um irgendwie erhabene Momente.

Franz von Assisi dagegen hat Gott bei einer ganz anderen Gelegenheit gespürt. Es wird erzählt, dass Franz eines Tages seine Heimatstadt Assisi verlassen hat und unterwegs auf der Straße einem Mann begegnet ist, der an Aussatz erkrankt war. Aussatz war damals eine unheilbare und sehr ansteckende Krankheit. Auch Franz hat sich vor solchen aussätzigen Menschen gefürchtet. Doch an diesem Tag ist etwas Unerwartetes geschehen. Franz – er wusste nicht wie - ist auf den Kranken zugegangen und hat ihn in den Arm genommen. Noch selbst ganz überrascht von dem, was er gerade getan hatte, hat Franz sich noch umgedreht und dabei bemerkt, dass der Kranke wie Jesus ausgesehen hat. Bevor er sich darüber richtig wundern konnte, war der Fremde auch schon wieder verschwunden.  

Ob die Geschichte genau so geschehen ist, weiß ich nicht. Aber sie bringt für mich etwas Wichtiges zum Ausdruck: Gott ist nicht nur in den großen und schönen Momenten zu finden. Er begegnet uns auch dort, wo Menschen leiden.

Jesus selbst hat das einmal so gesagt: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40)

Ein erstaunlicher Satz. Jesus sagt nicht nur, wir sollen den Notleidenden helfen. Er sagt: In jedem Menschen, der Hilfe braucht, begegne ich euch.

Vielleicht ist Gott mir deshalb manchmal viel näher, als ich denke. Nicht auf dem Berggipfel. Nicht wenn Musik mich begeistert. Nicht in der Kirche. Er ist viel mehr im kranken Kollegen zu finden, der Zuspruch braucht. Im Flüchtling, der eine neue Heimat sucht. In der einsamen Nachbarin, die sich danach sehnt, wahrgenommen zu werden. Wenn ich mich einem von ihnen zuwende, begegne ich Gott.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45059
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