Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
In Esslingen, wo ich lebe, geht es Ende August mit der Weinlese los. Darauf haben die Winzer das ganze Jahr gewartet. Es zeigt sich nämlich dann, was aus der Arbeit in den Monaten zuvor geworden ist. Aus dem Rückschnitt im Winter, aus der Pflege im Frühjahr und vor allem aus der Hitze in den letzten Wochen. Es ist trocken, die Reben leiden und die Trauben werden immer kleiner. Etwas Regen wäre noch gut für den Rebensaft… Ein Winzer sagte mir mal: „Wir können viel tun, dass ein guter Wein entsteht. Aber machen können wir ihn nicht.“
Ich muss jedes Jahr aufs Neue an diesen Satz denken, wenn ich dann die Erntehelfer in den Weinbergen sehe. Man kann eine Traube nicht zwingen, gut zu werden. Man kann maximal dafür sorgen, dass sie gute Bedingungen zum Wachsen hat.
So ähnlich ist das auch in meinem Leben: Ich habe nicht alles in der Hand, damit eine Sache am Ende funktioniert oder gut ist. Ich kann meine Woche planen und organisieren. Wann muss welches Familienmitglied wo sein, damit alles funktioniert und ich auch meine Arbeit im Büro hinbekomme. Aber manchmal ist jemand krank, fällt aus und dann muss wieder neu organisiert werden. Und dann gibt es auch noch Dinge, die einfach Geduld und Zeit brauchen. Freundschaft, Liebe, …
Ich kann zwar eine Beziehung pflegen, aber ich kann den anderen Menschen nicht steuern. Ich kann meine Kinder begleiten, aber ihren eigenen Weg müssen sie schon selbst gehen. Nichts wächst schneller, nur weil ich daran ziehe.
Ein Bild aus der Bibel trifft für mich das ganz gut. Jesus sagt nämlich: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ (Joh 15,5).
Eine Rebe wächst nämlich nicht dadurch, dass sie sich besonders anstrengt. Sie wächst, weil sie verbunden ist. Mit dem Weinstock und mit der Kraft, die sie trägt.
Ich muss eben nicht alles aus eigener Kraft schaffen, ich darf mich verbunden wissen mit den Menschen, die mich begleiten, bestärken und stützen. Vorbilder, Freunde oder Partner. Und dann ist da auch noch ein Gott, der mich trägt. Ich darf darauf vertrauen, dass in meinem Leben noch mehr ist als das, was ich selbst tun kann.
Vielleicht ist das eine wichtige Lektion aus dem Weinbau: Wir können den Wein nicht machen, aber wir können darauf vertrauen, dass etwas Gutes wachsen kann.
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