SWR1 3vor8
Wessen Meinung bedeutet mir eigentlich etwas? Ich frage mich das, weil ich mich so oft ärgere, z.B. über Äußerungen im Internet. Hier darf man wirklich nicht jede Meinung zu nah an sich heranlassen. Und gleichzeitig finde ich es wichtig, sich nicht komplett zu verschließen. Nicht nur die ernstzunehmen, die den eigenen Vorstellungen entsprechen: von Bildungsstand, dem eigenen Weltbild oder auch dem Demokratieverständnis. Ich meine: Wessen Meinung wir Beachtung schenken, zeigt auch, wie selbstgerecht wir durch die Welt gehen.
Wie selbstgerecht sind wir unterwegs? Genau darum geht es Im Text, über den heute in vielen Evangelischen Kirchen gepredigt wird. Da erzählt Jesus im Lukasevangelium das Gleichnis von einem selbstgerechten Pharisäer. Also einem Mann, der eine besonders fromme und gelehrte Lebensweise gewählt hat. Der geht in den Tempel in Jerusalem und betet: Danke Gott, dass ich nicht bin, wie die Räuber, die Ehebrecher und die Ungerechten. Daneben stellt Jesus einen Zöllner, also jemanden, der seine Mitmenschen schamlos ausgenutzt und ihnen viel zu viel Geld abgenommen hat - den Inbegriff von Gewissenlosigkeit. Der Zöllner betet auch, und zwar ganz knapp: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Die Pointe in der Geschichte, die Jesus da erzählt: In Gottes Augen ist der Zöllner und berufstätige Betrüger ein gerechter Mann.
Und umgekehrt hat der gelehrte und fromme Mann ein Problem: Er ist trotz seines moralisch einwandfreien Lebens selbstgerecht geworden. Und in seiner Selbstgerechtigkeit schaut er nur noch auf die Fehler anderer Menschen. Ich glaube so eine Selbstgerechtigkeit macht nicht nur hart. Sie macht auch blind. Blind für das, was andere Menschen mir zeigen können. Für mich steckt darin auch ein anderer Gedanke: Wer nicht ständig über andere urteilt, kann sich leichter von ihnen überraschen lassen.
Erst kürzlich hat mich ein Grundschüler überrascht. Aus dem Nichts hat er gefragt: Gell, wenn Gott die Mutter von allen Menschen ist, dann sind wir doch auch irgendwie alle Geschwister? Dass Gott für ein Kind so selbstverständlich auch Mutter sein kann und er einfach so verstanden hat, wie viel uns Menschen verbindet – er hat das so gut auf den Punkt gebracht, das hab ich nicht erwartet. Ja, meine eigenen Vorstellungen davon, wer etwas Kluges über Gott denken und sagen kann, die wurde hier in Frage gestellt. Ich wurde von der Weisheit eines Grundschülers überrascht. Vermutlich ein guter Schutz gegen Selbstgerechtigkeit: damit zu rechnen, dass Gott mir auch durch Menschen etwas zeigen kann, von denen ich es nicht erwartet hätte.
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