SWR Kultur Wort zum Tag
Jeder Mensch braucht Pausen. Jedenfalls, wenn er kreativ sein möchte. Kreativität ist ein wunderschönes Gottesgeschenk; und kreative Pausen halten es am Leben. Jeder Künstler braucht Pausen, in denen er Kraft, Ideen und Inspirationen für sein Werk sammelt. Pausen eröffnen - wenn es gut geht – sogar einen Blick in den Himmel.
Wie unverzichtbar Pausen sind, zeigt sich besonders deutlich an einer besonders schönen Kunst und Gottesgabe: der Musik.
Zwei österreichische Musiker haben sich besonders mit der Pause beschäftigt: Anton Bruckner und sein Namensvetter Anton von Webern. Bruckner hat im 19., Webern im 20. Jahrhundert gelebt. Beide Komponisten nähern sich dem Phänomen der Pause aus unterschiedlichen, ja entgegengesetzten Richtungen. Bruckner komponiert die Pause als Raumklang. Seine Pausen erinnern an den Nachhall von Tönen in großen Kathedralen. Seine Musik will, wie der Raum einer großen Kirche, ein Lob Gottes sein. Bei Anton von Webern dagegen ist die Pause wie ein umgedrehter Urknall, eine extreme musikalische Verdichtung. Seine Kompositionen werden im Laufe der Jahre immer kürzer und konzentrierter. Als Ergebnis ist dann jeder einzelne Ton ein Ereignis - und eben auch jede Pause. Man könnte sogar sagen: Die Töne sind dafür da, die Pausen hörbar zu machen. Tastend sucht Webern nach dem Klang, der in die Stille führt und aus der Stille kommt.
So unterschiedlich ihre Kunst ist: Anton von Webern und Anton Bruckner zeigen uns, dass eine Pause weit mehr ist als die Lücke zwischen zwei Noten. Und ich meine, dass der Umgang dieser beiden Künstler mit Pausen auch Inspiration für Normalsterbliche sein kann, die nicht von der Muse geküsst worden sind.
Denn: Wie auch immer wir Pausen in unser Leben hineinkomponieren wollen - ob wir sie in der konzentrierten Stille finden oder in einem weiten Raum, der unseren Blick nach oben öffnet - Pausen können zur Quelle für ganz persönliche Kreativität werden.
Pausen sind die kreative, schöpferische Lücke, durch die der Himmel scheinen kann.
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