SWR3 Gedanken
Was macht man mit alten Tagebüchern, Liebesbriefen oder Kinderbildern. Dokumente, die mir viel bedeuten, die ich aber auch nicht ewig aufbewahren möchte. Ich war bei einem Event, das genau für diese Fälle gemacht war. Es hieß „würdiges Feuer“ und wurde auf dem Vorplatz einer Kapelle mitten in der Natur entzündet.
Mit einem Karton unterm Arm komme ich dort an, und ich bin nicht der einzige. Viele Leute mit Büchern, Ordnern, und Zettelboxen haben sich eingefunden. Ein Pfarrer segnet das „würdige Feuer“ und empfiehlt uns, die liebgewordenen Schriftstücke nochmal zu studieren, bevor wir sie dem Feuer übergeben.
Wir ziehen uns also in die Kapelle zurück und blättern nochmal durch. Ich habe ein Fürbitt-Buch aus meiner Kirche dabei und lese, was die Menschen in den letzten 10 Jahren bewegt hat. Und damit würdige ich es auch. Natascha bittet, dass Gott ihrer Oma beisteht, die sich immer so aufregt. Heiner beklagt, dass seine Frau gestorben ist und Doris bittet um die richtige Entscheidung. In der Bank vor mir blättert ein junger Mann in irgendwelchen alten Briefen, und gegenüber schaut eine Frau einen Ordner mit Kinderbildern durch.
Irgendwann treffen wir uns draußen vor der Feuerschale. Und die, die bereit sind, werfen die Papiere ins Feuer. Manche wollen noch etwas loswerden und sprechen mit dem Pfarrer. Und die Frau mit den Kinderbildern möchte sie jetzt doch nicht verbrennen.
Das „würdige Feuer“ hat mir gezeigt, dass manche Erinnerungsstücke wirklich wertvoll sind. Kein Fall für die Papiertonne, sondern gut, wenn ich ihnen Raum gebe, und sie würdige. Aber ich darf mir irgendwann auch eingestehen, die Papiere vertrauensvoll dem Feuer zu übergeben. Denn die Erinnerungen – die bleiben ja.
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