Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Morgen ist wieder Sonntag, Ruhetag: Fast alle Geschäfte dicht. Für die meisten von uns arbeitsfrei. Was würde eigentlich passieren, wenn es den gesetzlichen Sonntagsschutz eines Tages nicht mehr geben würde?
Darüber wird immer wieder diskutiert. Jetzt gerade auch wieder: Ob Geschäfte nicht auch sonntags regelmäßig offen sein sollten. Veranstaltungen – z.B. von Vereinen - könnten schon am frühen Sonntagmorgen beginnen. Im Moment dürfen sie das eigentlich erst ab 11 Uhr – damit sie dem Sonntagsgottesdienst keine Konkurrenz machen.
Man könnte argumentieren: Das wäre nur konsequent. Denn heute geht nur noch eine Minderheit regelmäßig in den Gottesdienst. Außerdem gibt es inzwischen auch ein großes Gottesdienstangebot zu anderen Zeiten als sonntags um zehn.
Das stimmt. Und trotzdem wäre ich vorsichtig, den gesetzlichen Sonntagsschutz in Frage zu stellen. Es geht um ein paar Stunden „geschützter Zeit“ – geschützt vor dem üblichen Trubel der anderen Tage. Geschützt vor Verpflichtungen, Terminen. Geschützte Zeit, in der sich deshalb noch ganz andere Dinge entfalten können, und eben nicht einfach „nur“ der Sonntagsgottesdienst.
Familienzeit zum Beispiel. Oft ist es der Sonntagvormittag, an dem einmal alle gemeinsam frühstücken können. Die Kinder müssen nicht zur Schule. Oder es ist die Gelegenheit, sich mit Freunden zu treffen. Der Terminkalender ist für ein paar Stunden leer.
Ich frage mich: Bliebe das eigentlich so, wenn der Sonntag seinen besonderen Schutz verlieren würde? Vielleicht schon. Vielleicht aber auch nicht.
Solange der Sonntag anders ist als die übrigen Tage, planen wir auch anders. Wenn er zu einem ganz normalen Werktag wird, verändert sich vielleicht nach und nach auch unser Leben. Nicht von heute auf morgen. Sondern ganz langsam.
Die Bibel erzählt, dass Gott den siebten Tag einer Woche segnet und heiligt. Das bedeutet meiner Meinung nach auch: Dieser Tag soll anders sein. Einge Grenze für den Alltag. Und ich denke: Vielleicht brauchen wir gerade heute so einen geschützten Raum. Ein paar geschützte Stunden – für alle gleichzeitig. Zeiten, die uns miteinander verbinden und die ich nicht erst individuell aushandeln muss.
Wie die Diskussion ausgehen wird – wer weiß. Und mir ist schon klar, dass es auch gute Argumente gegen den aktuellen Sonntagsschutz gibt: Bessere Bedingungen für den Einzelhandel zum Beispiel – im Konkurrenzkampf gegen den Online-Handel. Aber ob das wirklich funktionieren wird?
Ich hoffe einfach, dass mit dem geschützten Sonntag nicht langsam, still und heimlich etwas verschwindet, das uns eigentlich gut tut. Bis wir irgendwann merken, dass uns etwas fehlt. Vielleicht gehört der gemeinsam geschützte Sonntag zu den Dingen, deren Wert wir erst erkennen würden, wenn es sie nicht mehr gäbe.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45026