Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

14AUG2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Morgens – wenn es draußen hell wird - da dauert es manchmal einen Moment, bis ich wirklich wach bin. Erst langsam, noch im Halbschlaf erinnere ich mich dann, was mich am Abend vorher noch beschäftigt oder sogar geplagt hat. Ich schaue aus dem Fenster. Manchmal scheint die Sonne. Manchmal ist der Himmel grau. Und eines ist jeden Morgen gleich: Ein neuer Tag liegt vor mir. Und ich weiß nicht, was er bringen wird.

Morgens aufzuwachen ist für mich ein wenig, wie an einer Grenze zu stehen: Ich habe Gepäck dabei, das ich nicht einfach so ablegen kann. Und wenn ich dann losgehe, dann hinein ins Ungewisse.

In einem alten Kirchenlied des Dichters Paul Gerhard, in dem geht es auch um den Start in einen neuen Morgen. Allerdings: Paul Gerhard startet anscheinend ganz unbeschwert – ohne ein Sorgenpäckchen vom Vortag auf den Schultern, wenn er dichtet:  

„Die güldne Sonne voll Freud und Wonne bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes, liebliches Licht.“

Klingt nach einem unbeschwerten Sommermorgen. Aber das täuscht, denn Paul Gerhard hat vor gut 400 Jahren gelebt – zur Zeit des 30jährigen Krieges. Er hat mehrere seiner Kinder verloren,  und die Sorgen und Nöte, die ihn abends geplagt haben müssen, die kann ich mir nicht mal ansatzweise vorstellen. Und trotzdem startet er ganz anders in den Tag, als mir das gelingt – nämlich zuversichtlich und – dankbar!

Dankbar, dass er einen neuen Tag geschenkt bekommt. Dankbar, dass es wieder hell wird. Und zuversichtlich, dass Gott an seiner Seite ist – egal, was der Tag auch bringen wird. 

Für diese Haltung bewundere ich Paul Gerhard. Genau wie ich und wie jeder andere stößt er an seine menschlichen Grenzen. Und dann singt er gegen sie an. Weil Gott es ist, der es Morgen werden lässt – und nicht er selbst. Weil es in Gottes Hand liegt, was alles geschehen wird – und nicht einfach nur in seiner eigenen. Und weil Gott in jedem Falle da ist, an seiner Seite und auch an meiner. 

„Die güldne Sonne voll Freud und Wonne bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes, liebliches Licht. Mein Haupt und Glieder die lagen darnieder. Aber nun steh‘ ich, bin munter und fröhlich. Schaue den Himmel mit meinem Gesicht.“

Also auf, morgens, wenn es hell wird: Aufstehen, mich aufrichten  – und dann hinein in den neuen Tag, mit freiem Blick in Richtung Himmel.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45025
weiterlesen...