Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
In den letzten Jahrzehnten hat sich bei uns unglaublich viel verändert, finde ich. Was für Möglichkeiten wir heute haben! Wie viel neue Freiheiten! Beim Reisen, bei der Berufswahl oder wie wir überhaupt leben wollen. Das Leben ist dadurch viel bunter geworden – in Sachen Sexualität zum Beispiel – und auch die Vielfalt an verschiedenen Meinungen: einfach bunt!
Und bunt ist gut! Auf jeden Fall besser als grau. Und viel besser, als wenn Menschen sich weiter verstecken müssten, weil sie eben anders leben, als die große Mehrheit.
Bunt IST gut. Allerdings - mir scheint, die neuen Freiheiten haben auch ihre Schattenseiten. Ich habe mehr und mehr den Eindruck, dass viele Leute die Konventionen und gesellschaftlichen Regeln von früher auch vermissen. Ohne sie zu leben ist eben auch nicht so einfach. Und ich vermute, das ist auch der Grund, warum wieder mehr Menschen so ablehnend reagieren auf „bunt“.
Freiheit allein trägt eine Gesellschaft eben nicht. Dafür braucht es eben doch auch gemeinsame Regeln und Konventionen: eine Art Geländer, das die eigene Freiheit eben doch auch ein Stück weit einengt. Ganz ohne würden irgendwann alle nur kunterbunt durcheinanderlaufen. Oder es entstehen immer mehr kleine Gruppen, die statt eines Geländers gleich eine ganze Mauer hochziehen – um sich abzugrenzen.
In der Bibel beschreibt der Apostel Paulus die Gemeinschaft der Christen mit einem eindrücklichen Bild. Und dieses Bild finde ich genial: Er vergleicht die Gemeinde mit einem Körper, einem menschlichen Leib: Kein Körperteil gleicht dem anderen. Gerade die Verschiedenheit macht den Leib lebendig. Aber jedes Glied weiß auch, dass es zu einem Ganzen gehört. Das Auge ist nicht die Hand, und die Hand ist nicht der Fuß. Jeder hat seinen Platz, gerade weil alle aufeinander bezogen sind. Weil alle in Jesus Christus zusammengehören.
Ich finde das Bild genial. Weil es zeigt: Eine bunte und vielfältige Gemeinschaft braucht etwas, das sie zusammenhält. Sonst wird aus Freiheit Beliebigkeit.
Ich denke, dass gilt auch für unsere Gesellschaft ganz im Allgemeinen. Und deshalb hilft es wohl nichts: Wir brauchen Strukturen, die einfach selbstverständlich sind. Und jede Generation wird wohl immer wieder neu fragen müssen: Wo verläuft die Grenze? Welche Konventionen schützen das Zusammenleben? Und welche engen Menschen unnötig ein? Denn eine Antwort, die immer und für alle Zeiten gilt, die wird es wohl niemals geben.
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