Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
In der Bibel in seiner Bergpredigt sagt Jesus einmal: „Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein.“ Und er meint damit: Wenn ihr etwas sagt – eure Meinung zu etwas oder was ihr vorhabt - dann bitte gerade heraus. Sagt einfach unmissverständlich, was ihr meint - ohne Drumherum, viele Extra-Beteuerungen oder verschleiert durch irgendwelche Nebelkerzen.
Ob Jesus das auch gesagt hätte, wenn er so etwas wie Facebook und Instagram gekannt hätte? Ich denke, nein! – obwohl viele Leute auf Social Media-Platformen genau das machen: ungefiltert raushauen, was Sache ist – die eigene Meinung allen anderen klar und unmissverständlich um die Ohren gehauen... Ja, um die Ohren gehauen… Aber eben nicht: dem anderen ins Gesicht gesagt. Live! Ohne Puffer oder eine Art von virtuellem Abstandshalter.
Eine frühere Nachbarin von mir zum Beispiel: Wir hatten immer ein gutes Verhältnis; sie ist nett; war immer für einen Plausch zu haben, hat im Urlaub meine Blumen gegossen. Jetzt, auf Insta, begegne ich einer scheinbar völlig anderen Person: Ohne Puffer und mit voller Wucht haut sie die unmöglichsten Posts raus: politischen Mist und blanken Populismus . Ich bin mittlerweile soweit, dass ich ihr aus dem Weg gehe, wenn ich sie zufällig auf der Straße sehe – einfach weil ich unsicher bin, was ich sagen soll. Hätte ich vorher nichts von ihr gelesen, wir könnten uns wahrscheinlich ganz normal und auf Augenhöhe begegnen und wahrscheinlich sogar diskutieren. Aber so? So stehen wir von Vornherein auf unterschiedlichen Seiten. Dabei hätte sie das, was sie auf Insta schreibt, mir so nie ins Gesicht gesagt.
„Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein.“ sagt Jesus – steht bitte direkt zu dem, was ihr sagt, und sorgt nicht für irgendwelchen Sicherheitsabstand. Damals hat er gemeint: sich nicht hinter Schwüren verstecken oder hinter schwammigen Formulierungen. Virtuelle Räume aber verführen geradezu dazu, Abstand zu halten: die eigene Meinung anderen um die Ohren zu hauen – ohne diese Menschen wirklich zu sehen.
Ich frage mich tatsächlich immer öfter, ob ich nicht aussteigen sollte, aus Facebook und Instagram. Entschieden habe ich mich noch nicht. Die Posts meiner früheren Nachbarin schaue ich aber nicht mehr an. Denn sie ist nett. Und ich möchte ihr weiter im echten Leben begegnen – ohne virtuellen Abstand.
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