SWR Kultur Wort zum Tag
Ich liebe Motto-Parties. Deshalb freue ich mich im Juli immer auf die Geburtstagseinladung meiner Freundin Miriam. Verlässlich stellt sie ihren Geburtstag unter ein bestimmtes Motto und hat daran genauso viel Spaß wie ich. Einmal sollten wir zum Beispiel alle in Orange kommen, ein anderes Mal waren ausladende Hüte angesagt, weil sie eine englische Teeparty veranstaltet hat. Diesmal steht in ihrer Einladung: „Wenn Ihr mir eine Freude machen wollt, könnt ihr mir Euer aktuelles Lebensmotto auf einer Karte mitbringen.“ Mein aktuelles Lebensmotto ... Im ersten Moment überfordert mich dieser Wunsch. Außerdem hätte ich mich lieber verkleidet als nackig gemacht. Aber diesmal ist wohl das Umgekehrte gefragt: Zeig Dich! Wer bist Du? Wie lebst Du? Wem folgst Du? Wenn ich so drüber nachdenke, kenne ich eigentlich nur einen einzigen Menschen mit einem Lebensmotto. Das ist mein Vater. Er zitiert es oft: „Gelassenheit, Humor und Güte.“ Drei Wörter für ein ganzes Leben! Erst allmählich beginnt mir die Aufgabe auch Spaß zu machen. Eine Weile liebäugle ich mit dem Dreiklang: „Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen.“ Dann fällt mir auf, dass der Satz eigentlich genau das Lebensmotto meines Vaters wiedergibt, nur mit anderen Worten. Das weckt meinen Ehrgeiz. Ich suche nach dem Lebensmotto einer starken Frau. Gerade habe ich eine dicke Biographie über Anne Boleyn gelesen, eine der sechs Ehefrauen des englischen Königs Heinrich des Achten. Mit ihrem Lebensmotto „The most happy – die Glücklichste von allen“ hat sie sich allerdings ziemlich verzockt. Denn zuerst hat sie die Gunst ihres königlichen Gemahls verloren und dann sogar ihren Kopf. Er hat mit ihr kurzen Prozess gemacht und sie töten lassen. Also doch lieber was Biblisches? Mein Konfirmationsspruch fällt mir ein. Ich habe ihn mir damals selber ausgesucht. Ein Satz aus dem Römerbrief: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ Er gefällt mir immer noch. Es ist ein selbstbewusster Satz. Und steckt doch gleichzeitig voller Gottvertrauen. So will ich tatsächlich gerne im Leben unterwegs sein. Aber noch habe ich nichts auf meine Karte geschrieben. Ich habe Feuer gefangen für die Idee eines Mottos und will gerne auch andere fragen, was ihnen dazu so einfällt. Und bin schon ganz gespannt auf Miriams Lebensmotto-Party.
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