SWR4 Abendgedanken

21AUG2026
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Was ist eigentlich der Mensch?

Manchmal stellt sich diese Frage ganz plötzlich. Nicht im Philosophie-Seminar, nicht im Religionsunterricht. Sondern mitten im Leben.

Ich denke an einen Mann, den ich kennenlernen durfte. Jahrzehntelang hat er in seinem Beruf große Verantwortung getragen. Entscheidungen getroffen, war gefragt, war unterwegs. Ein Mensch mit Erfahrung, mit Wissen, mit einer Geschichte. Und dann kam die Demenz.

Anfangs waren es kleine Dinge. Namen sind verschwunden. Termine wurden vergessen. Später hat er Menschen nicht mehr erkannt, die ihm nahestanden. Stück für Stück schien immer mehr von ihm verloren zu gehen. Und irgendwann hat sich fast automatisch die Frage gestellt: Wer ist dieser Mensch nun eigentlich? Ist er noch derselbe? Und eben: Was ist der Mensch, wenn ihn eine Krankheit so verändert? Mittlerweile ist er gestorben.

Wenn ich an ihn denke, dann denke ich auch immer an die Frage, die einer in der Bibel an Gott stellt: „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, das Menschenkind, dass du dich seiner annimmst?“

Das hat sich also jemand schon vor über zweitausend Jahren gefragt: Was ist der Mensch? Und er hat für sich eine Antwort gefunden: Ein Mensch ist irgendwas, was ganz groß sein kann. Aber auch sehr vergänglich. Also irgendwas dazwischen. Ein Geschöpf, das Großartiges leisten kann und doch zerbrechlich bleibt. Heute stark, morgen schwach. Heute voller Pläne, morgen auf Hilfe angewiesen.

Gerade die Demenz führt uns das schmerzhaft vor Augen. Sie nimmt vieles weg, was ein Mensch kann. Das, woran er sich erinnert und natürlich auch seine Selbstständigkeit. Was bleibt, wenn all das verschwindet, was uns ausmacht? Beruf, Leistung, Familie, Wissen, Erfolge?

Das Gebet aus der Bibel hat eine Antwort darauf, was bleibt. Der Wert eines Menschen hängt nicht daran, was er kann. Nicht daran, wie produktiv er oder sie ist oder wie klar sein Gedächtnis funktioniert. Wir Menschen sind wertvoll, weil Gott an uns denkt. Weil Gott uns kennt. Weil Gott uns nicht vergisst.

Wir Menschen können vergessen. Namen verblassen. Manchmal verlieren wir sogar uns selbst aus dem Blick. Aber: Gott verliert uns nie aus dem Blick.

Der demente Mann, an den ich denke, hat sich am Ende seines Lebens an vieles nicht mehr erinnern können. Aber seine Würde war deshalb nicht verschwunden. Denn sie hängt nicht an seinem Gedächtnis, sondern daran, dass Gott Ja zu ihm sagt. Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes. Geliebt, getragen und gehalten. Immer. Bis zuletzt. Und darüber hinaus.

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