SWR Kultur Wort zum Tag
„Stell dein Licht nicht so unter den Scheffel!“ Kurz vor dem Abitur hat eine Lehrerin diesen Satz zu mir gesagt. Zuerst wusste ich nichts damit anzufangen. Welches Licht? Und was, bitte schön, ist ein Scheffel? Vor kurzem habe ich den Satz selbst zu einer jungen Frau gesagt. Sie hat ähnlich geschaut wie ich damals: Was sagt die da?
Ein Scheffel, das ist ein Hohlmaß. Er sieht aus wie ein Eimer aus Holz, bloß größer. Früher wurde er zum Abmessen von Getreide benutzt. Im Alltag begegnet er uns nur noch in dem Ausdruck „Geld scheffeln“ und in besagter Redewendung aus der Bibel.
Dabei geht es eigentlich um eine verrückte Handlung: Wer ein Licht anzündet und es dann unter einen Holzeimer stellt, hat nichts davon. Man sieht es nicht und mit der Zeit geht es sogar aus.
Verrückt ist, dass genau das jeden Tag passiert. Immer dann, wenn ein Mensch sich nichts zutraut, obwohl er oder sie gar keinen Grund dazu hat. Manchmal wird das zu einer Haltung, die man gar nicht mehr ablegen kann. Aber warum tun wir das?
Ich glaube: Oft hat das mit Angst zu tun. Mit Angst vor Kritik, vor Konkurrenz oder davor, nicht zu genügen. Aber fast noch tiefer reicht die Sorge davor, was passiert, wenn es gelingt: Was ist, wenn ich anfange zu strahlen? Kann ich mich dann noch vornehm bescheiden fühlen? Muss ich dann vielleicht mehr Verantwortung übernehmen, als mir lieb ist? Und welche Konsequenzen hätte das für mein Leben?
Davon spricht Marianne Williamson. „Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir der Sache nicht gewachsen sind“, schreibt sie: „Unsere tiefste Angst ist, dass wir unermesslich mächtig sind. Es ist unser Licht, das wir fürchten, nicht unsere Dunkelheit.“ Ihre Sätze lassen mir fast den Atem stocken. Darf die sowas überhaupt sagen? Sie geht noch weiter: „Du bist ein Kind Gottes. Dich selbst klein zu halten, dient nicht der Welt. Wir sind geboren worden, um den Glanz Gottes, der in uns ist, in der Welt zu manifestieren. Dieser Glanz ist nicht nur in einigen von uns, er ist in jedem und jeder einzelnen.“
Auch was Jesus gesagt hat, hat den Leuten den Atem stocken lassen. Damals noch viel mehr als heute. Er hat es in der Bergpredigt so formuliert: „Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.“
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